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Donnerstag, 06.04.2017

Der Aufsteiger

Jörg Wolle ist der wohl erfolgreichste Maschinenbau-Absolvent Sachsens: Als Präsident des Logistikriesen Kühne + Nagel spielt er in der Champions League der Schweizer Wirtschaft.

Von Dirk Schütz* und Ulrich Wolf

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Ostern wird er 60, und er hat es geschafft: Der ehemalige Chemnitzer Maschinenbaustudent Jörg Wolle hat es in der Schweiz zu einem Vermögen von rund 200 Millionen Euro gebracht.
Ostern wird er 60, und er hat es geschafft: Der ehemalige Chemnitzer Maschinenbaustudent Jörg Wolle hat es in der Schweiz zu einem Vermögen von rund 200 Millionen Euro gebracht.

© Kostas Maros

  • Ostern wird er 60, und er hat es geschafft: Der ehemalige Chemnitzer Maschinenbaustudent Jörg Wolle hat es in der Schweiz zu einem Vermögen von rund 200 Millionen Euro gebracht.
    Ostern wird er 60, und er hat es geschafft: Der ehemalige Chemnitzer Maschinenbaustudent Jörg Wolle hat es in der Schweiz zu einem Vermögen von rund 200 Millionen Euro gebracht.
  • Den Fiat-Präsidenten als Nachbarn und ein epochaler Blick auf den Zürich-See: Jörg Wolles Wohnung in Schindellegi im steuergünstigen Kanton Schwyz liegt nur 1200 Meter von seinem neuen Büro entfernt.
    Den Fiat-Präsidenten als Nachbarn und ein epochaler Blick auf den Zürich-See: Jörg Wolles Wohnung in Schindellegi im steuergünstigen Kanton Schwyz liegt nur 1 200 Meter von seinem neuen Büro entfernt.

Große Distanzen waren bislang sein tägliches Geschäft. Mehr als die Hälfte seiner Zeit ist Jörg Wolle in den vergangenen 16 Jahren durch Asien gejettet. Thailand, Japan, Myanmar, Philippinen – kaum ein Manager hat den Kontinent so akribisch bereist wie der gebürtige Sachse.

Nur in seiner Wahlheimat Schweiz sucht er die Nähe. Genau 1,2 Kilometer liegen zwischen Wohnung und Büro in Schindellegi im Kanton Schwyz. Dort hat der Speditionsriese Kühne + Nagel AG seine Zentrale. Sie ist das Wahrzeichen einer ansonsten eher schmucklosen Ortschaft aus modernen und teuren Villen in Hanglage. Jörg Wolle, der Mann aus dem vogtländischen Plauen, residiert dort seit März 2016 als Präsident eines Mega-Konzerns.

„Das Haus ist gemietet, wir können den Schlüssel abziehen und verreisen. Das ist schlichtweg bequem“, betont Wolle. Dann schiebt er nach: „Und er ist Kühne + Nagel sehr nahe.“ Nicht die einzige nette Nebenerscheinung: Prominenter Nachbar in der Wohnanlage mit epochalem Blick über den Zürichsee ist Fiat-Chef Sergio Marchionne; mit ihm saß Wolle zu Zeiten der Finanzkrise im Verwaltungsrat der Schweizer Großbank UBS. Das standesgemäße Ferienhaus in St. Moritz ist von hieraus schnell zu erreichen. Vor allem aber ist die Steuer niedrig – bei einem Vermögen von rund 200 Millionen Euro ein nicht zu verachtendes Wohnort-Argument.

Den Grundstein für seinen Reichtum legte Wolle bei einem Handelshaus namens DKSH. Er war dort viele Jahre lang der Chef. Mit gerade einmal 30 Mitarbeitern hat dieser Konzern die wohl schlankste Zentrale der Schweiz; in Asien hingegen zählt er mehr als 30 000 Leute. Das Unternehmen begleitet andere Firmen bei ihrer Marktbearbeitung in Fernost und vertreibt deren Produkte über 780 Niederlassungen.

„Ich bin sehr oft auf Reisen“, sagt Wolle. Bis Ende November will er seinen Nachfolger als Chef von DKSH bei den Kunden in Asien eingeführt haben. Zusätzlich gönnt er sich ein Verwaltungsratmandat bei der verschwiegenen Rohstofferbin Margarita Louis-Dreyfus, deren Lebenspartner ein Ex-Boss der Schweizer Nationalbank ist.

Doch im Zentrum seiner Karriere steht von nun der Mega-Konzern in Schindellegi. Kühne + Nagel beeindruckt: 63 000 Mitarbeiter; rund 1 000 Standorte, darunter sechs in Sachsen; 20 Milliarden Euro Umsatz und 700 Millionen Euro Nettogewinn im vorigen Jahr. An der Börse bringt es das Unternehmen auf 15,4 Milliarden Euro; es gehört damit zu den drei wertvollsten Logistikfirmen der Welt. Und Jörg Wolle, der Sachse, ist seit März 2016 ihr oberster Kontrolleur. Als Verwaltungsratspräsident ist er dort angekommen, wo er immer hinwollte: in der Champions League der Schweizer Wirtschaft.

Am 19. April wird er seinen 60. Geburtstag feiern, „ein kleines Fest im kleinen Familienkreis“. Dann kann er von seinem Hochsitz in Schindellegi auf ein fast filmreifes Leben zurückblicken. Ein Film, der vom Aufstieg handelt. Betrieben mit einer Zielstrebigkeit, wie sie auch unter Topmanagern eher selten zu finden ist.

Aufgewachsen im Vogtland, studierte Wolle Maschinenbau in Karl-Marx-Stadt, promovierte dort 1987 mit Auszeichnung, war zwischenzeitlich Gastreferent an der Technischen Universität Spanin in Moskau, die auch Heimstatt der russischen Raketentechniker ist. Der Osten steht ihm zu jener Zeit offen, doch er will flüchten, plant das akribisch.

Erst zieht er mit seiner Frau Ramona ins größere Leipzig, um dort anonymer zu leben. Dann nutzt er als 30-Jähriger die erste Chance bei einem Westbesuch in der Nähe von Stuttgart für die Flucht: Er springt aus einem Zug. Seine Frau lässt er als Gattin eines Republikflüchtlings zurück. Der Plan ist, im Westen so schnell so viel Geld zu verdienen, um sie nach fünf Jahren aus der DDR herauskaufen zu können. Dann jedoch geht die Grenze auf. Seine Frau flieht selbst, von CNN dokumentiert, über die Prager Botschaft.

Wolle wird rasch Führungskraft in der Niederlassung eines Technologiekonzerns in Stuttgart, geht dann Anfang der 1990er-Jahre für das Schweizer Beratungshaus Siber-Hegner als Sanierer nach Hongkong, wird dessen Chef, fusioniert es mit einem Konkurrenten zur DKSH-Holding und bringt diese 2012 fulminant an die Börse. Seine Aktienpakete an dem Unternehmen machen ihn reich.

Die Skepsis in dieser Firma ist nach wie vor groß: Kann der langjährige Alleinentscheider wirklich loslassen? Als Vorstandsvorsitzender der DKSH verdiente er stattliche 5,4 Millionen Euro im Jahr. Tatsächlich aber räumt Wolle derzeit sein legendenbefrachtetes Büro für seinen Nachfolger. „Der Chef braucht das Eckbüro. Das ist für die Kunden in Asien ein wichtiges Signal“, betont er. Nach seinem Abgang steht er immerhin weiter dem Aufsichtsgremium bei DKSH vor – mit einem Salär von 680 000 Euro. Deutlich weniger also als zuvor. Dennoch wird der Manager, der sich auch an den Kaderschmieden Stanford in den USA und IMD im schweizerischen Lausanne das Managerrüstzeug holte, nicht darben.

Außer der Vergütung als DKSH-Verwaltungsrat kassiert er weitere rund 800 000 Euro in seinem neuen Job als Präsident bei Kühne + Nagel. „Er übt sein Amt kompetent und souverän aus“, sagt Firmenpatriarch Klaus-Michael Kühne. Der 79-jährige milliardenschwere Hanseat, ein Patron alter Schule, kinderlos, lebt ebenfalls in der Schweiz. Seine Verbundenheit zur alten Heimat demonstriert er als wichtigster Mäzen des Fußballbundesligisten Hamburger SV. „Die strikte Trennung von Konzernleitung und Verwaltungsrat wird von Dr. Wolle besonders konsequent wahrgenommen“, betont Kühne. Der Hamburger gehört mit einem geschätzten Vermögen von 11,3 Milliarden Euro zu den reichsten 100 Menschen der Welt.

Wolle hatte Kühne erstmals 2005 getroffen. Damals bat dieser ihn um einen Termin, um das DKSH-Geschäft besser zu verstehen und vielleicht noch etwas Geschäft zu bekommen. Viel wurde nicht daraus, aber man blieb in Kontakt. Besonders hilfreich: Beide Manager haben in Port Andratx auf Mallorca eine Villa. Dort trafen sie sich auch privat. Kühne, der eher misstrauische Norddeutsche mit Distanz zu allem und jedem, zeigte sich zunehmend beeindruckt. „Jörg Wolle ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Top-Managern der Schweiz“, sagt der Mann, der als bester Logistiker seiner Generation gilt.

„Wolle ist die klare Nummer eins in Kühnes Reich“, betont ein langjähriger Kühne-Kenner. Was der Patriarch indirekt bestätigt: „Er hat sich sehr schnell Respekt bei seinen Kollegen wie auch bei mir verschafft.“ Es sei darauf hinausgelaufen, „dass er eine der wichtigsten Rollen bei uns wahrnehmen würde“.

2010, nachdem der einstige Maschinenbaustudent aus Chemnitz das Mandat bei der Großbank UBS niedergelegt hatte, trat Wolle in Kühnes Verwaltungsrat ein. Dass er Präsident werden wollte, signalisierte er früh. Diese Zielstrebigkeit, vermutlich aus existenzieller Not in jungen Jahren geboren, zeigte Wolle schon immer. „Bleibe hungrig, auch wenn der Kühlschrank voll ist“ ist seine eine zentrale Botschaft. „Führen muss man können und wollen“ lautet die andere.

Gekoppelt war der Führungswille lange mit dem Drang, seinen Erfolg auch zu zeigen. Mit seiner Honorarprofessur schmückte er sich gern – die Westsächsische Hochschule Zwickau hatte sie ihm 2003 für seine „ausgezeichneten Berufserfahrungen im Bereich Intercultural Communication“ verliehen. Aufgefallen ist Wolle dort allerdings bislang nur mit zwei Vorträgen in den Jahren 2006 und 2012.

Dass er mit 52 Jahren in einer nur spärlich kaschierten Autobiografie seine Heldentaten in Asien beschrieb, passte ebenfalls nicht gerade in die streng zwinglianische Wirtschaftswelt Zürichs. Auch sein ausgedehnter Fuhrpark – vom blauen Bentley-Cabrio bis zum erlesenen Rolls-Royce – stieß manchem sauer auf. Heute zeigt sich ein neuer Jörg Wolle: Bunte Krawatten und breite Nadelstreifen sind Geschichte, statt goldener Breitling trägt er eine klassische Jaeger-LeCoultre Reverso und perfekt abgestimmtes Tuch. In Zwickau heißt es nun: Die Fakultät Wirtschaftswissenschaften arbeite „mit Herrn Prof. Wolle an neuen Projekten“.

Vielleicht begann sein Aufstieg zu kometenhaft, um richtig mit Reichtum umgehen zu können. Nämlich dezent und zurückhaltend. So schätzen es auch die Eigentümer der DKSH, für die Wolle einst als Sanierer angetreten war. Getreu dem Motto „Work-Life-Balance ist für Verlierer“ reiste ihr Mann aus Sachsen rastlos durch Asien und formte aus einer daniederliegenden Vertriebsfirma einen erfolgreichen Dienstleister. „Jörg Wolle verkörpert sicher das Maximum an Unternehmertum, das man bei einem angestellten Manager überhaupt finden kann“, sagt der größte DKSH-Aktionär. „Er denkt wie ein Eigentümer, auch wenn er Angestellter ist. Im Gegenzug erwartet er Loyalität vom Arbeitgeber.“ Und das heißt bei Wolle: satte Bezahlung.

Aktien im Wert von 80 Millionen bekam er allein beim Börsengang der DKSH, den Wolle mehr als zehn Jahre lang akribisch geplant hatte. Als Vorstandschef kassierte er Millionen, gleichzeitig kaufte er immer mehr Aktien von Kühne + Nagel. Vor einigen Monaten kam es zum Ritterschlag: Klaus-Michael Kühne ist mit Jörg Wolle seitdem per Du. Zudem darf sich der neue Präsident des Logistikkonzerns in Gegenwart des einflussreichsten HSV-Fans als bekennender Fußball-Ignorant outen.

Auch ohne Kühne ist Wolle in der Schweizer Wirtschaftswelt längst bestens vernetzt. Der Präsident des Pharmaunternehmens Roche und ehemalige Lufthansa-Chef Christoph Franz – ebenfalls ein Deutscher – zählt zu seinem engeren Freundeskreis. Ebenso der Milliardär und Hedgefonds-Manager Rainer-Marc Frey oder der Eigentümer des Bahnbaukonzerns Stadler, der konserative Nationalrat Peter Spuhler. Über das Netzwerk „Entrepeneurs Roundtable“ des Züricher Wirtschaftsanwalts Thomas Ladner, einem smarten Helfer einiger Superreicher, ist Wolle zudem mit vielen weiteren Wirtschaftsgrößen per Du.

Nur langsam schaltet Wolle im zunehmenden Alter zurück. Der 193-Zentimeter-Mann macht immer noch täglich eine Stunde Ausdauertraining. Gleichwohl will er mehr Zeit auf seinem Segelboot vor Mallorca verbringen. Dort wird er noch häufiger auf Klaus-Michael Kühne treffen, der am liebsten auf seiner 40-Meter-Motorjacht unterwegs ist. Wolle: „Das ist mein Ziel, mit ihm gemeinsam einmal auf meinem Segelboot einen Törn zu machen.“

* Dirk Schütz ist Chefredakteur des in Zürich erscheinenden Wirtschaftsmagazins Bilanz.