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Dienstag, 13.07.2004 Olympia 2004

Den Griechen ist alles zuzutrauen

Von Jochen Mayer

Erfolg beflügelt. Gerade schweben die Griechen auf der weiß-blauen Erfolgswoge, die von Portugal aus über Hellas geschwappt ist. Auslöser sind die Kicker von Trainer Otto Rehhagel mit ihrem wahr gewordenen Fußball-Märchen. Der sensationelle Europameister-Titel wirkt immer noch. Die wohl größte Sport-Überraschung des Jahres soll nun die am 13. August beginnenden Olympischen Spiele beflügeln. Der griechische Psychologe Andreas Tsakos analysiert: „Das Wunder von Portugal hat bei den Griechen die nötige Begeisterung und den Willen für neue Erfolge geschaffen.“ Die gegenwärtige Euphorie in Griechenland so kurz vor den Sommerspielen sei „die beste Medizin“ für das größte Sportereignis der Welt. „Die Menschen haben nach diesem sensationellen Sieg mehr Selbstvertrauen und Lust auf neue Erfolge“, vermutet der Psychologe. Vor allem die Lust auf Fußball ist enorm. Die Griechen kauften in den vergangenen zwei Wochen allein 105 000 Tickets für das olympische Fußball-Turnier. Eine gute Nachricht, denn es gibt noch reichlich Karten für Olympia.

Portugal lenkte die Blicke von den Baustellen ab

Marton Simicek, einer der Direktoren des Athoc, des Athener Organisationskomitees für die Sommerspiele 2004, gibt zu: „Der Erfolg von Portugal ist genau das, was wir brauchten.“ Die Fußball-EM zog viele Blicke weg von den ewigen olympischen Baustellen in Athen und Umgebung. Die rücken jetzt wieder ins Blickfeld. Heute in einem Monat soll das olympische Feuer über Athen lodern, wenn die Sommerspiele an den Ort ihrer Wiedergeburt zurückkehren. Wird Athen für den historischen Moment gewappnet sein?

Kürzlich präsentierten die Gastgeber einer kleinen Journalistengruppe aus Deutschland, Österreich und Luxemburg ihre Olympiabauten. Zentraler Standort Olympiapark in Athen: Schwere Technik rumpelt vorbei, Betonmischer rotieren, Riesenkipper karren tonnenschwere Ladungen über das Gelände. Wenige Meter weiter hinterlassen Planierraupen und Walzen neue schwarze Asphaltbänder. Baulärm liegt in der Luft. Hier werden am 13. August die Spiele eröffnet. Tatsächlich?

Die Konturen des gewaltigen Olympiastadions sind nicht zu übersehen. Zwei gewaltige Dachhälften spannen sich über die Arena. Drinnen grünt das Rasengeviert, die Kunststoffpiste ist mit Folien abgedeckt, auf den Rängen wird gearbeitet, über das Dach steigen in schwindelnder Höhe Arbeiter. Kann dieser Monumentalbau tatsächlich noch rechtzeitig fertig werden? Zweifler verneinen dies seit Jahren: „Ein Wunder müsste geschehen.“ Für die geplante Europacup-Endrunde der Leichtathleten im neuen Olympiastadion gab es im Vorjahr schon die neue Weichenstellung: Umleitung nach Bydgoszcz in Polen. Begründung: Das Stadiondach werde auf keinen Fall termingerecht fertig für vorolympische Tests auf hohem internationalen Niveau. Obwohl die Verschiebung den Baumannschaften mehr Luft verschaffte, bleiben Zweifel. Absurde Ideen tauchten deshalb in den vergangenen Wochen auf: Mal schlug jemand vor, den Olympia-Termin kurzfristig um ein paar Wochen hinaus schieben, oder es hieß, die Wettkämpfe könnten ja auf neue Ausrichter verteilt werden. Naive Vorschläge.

Sind die Griechen nicht nur bei der Fußball-Europameisterschaft für Wunder gut? Immer wieder ist von ihrem Sirtaki-System die Rede. Man fängt ganz langsam an und zum Schluss geht es wahnsinnig schnell. „Zwei Tage vor Beginn der Leichtathletik-Weltmeisterschaften war ich 1997 im Stadion in Athen“, erzählt die Hamburger NDR-Rundfunkreporterin Britta Schnebel. „Ich hätte damals nie für möglich gehalten, dass die Eröffnung planmäßig in einer fertig gestellten Arena erfolgen kann. Mir schien einfach viel zu viel noch unfertig. Als der Termin heran war, da erkannte ich das Stadion nicht wieder. In den letzten Stunden müssen dort Wunder geschehen sein.“

Bauleiter Nikos Louridas glaubt nicht an Wunder. Für den Mann mit Schnauzbart und wettergegerbtem Gesicht steht außer Frage: „Wir schaffen das. Wir werden rechtzeitig fertig. Natürlich sind noch viele Arbeiten zu erledigen. Die Termine sind jetzt hart, sehr hart. Aber wir haben einen Zeitplan, den halten wir ein. Ich hatte nie Zweifel, dass der Olympiapark nicht rechtzeitig fertig wird.“ Zuversicht versprüht der handfeste Grieche vom Bau, der die Welt gesehen hat, der seine Kommentare wahlweise in Englisch, Französisch oder Deutsch gibt, knapp, sachlich, auch mal verschmitzt lächelnd. „Heftigen Nervenkitzel verschaffte uns das große Stadiondach“, sagt Louridas. „Millimetergenau mussten die Teile ineinander passen. Von beiden Seiten des Ovals wurde die Konstruktion seitlich über das Stadion gehievt, ein Höhenunterschied von mehreren Metern musste eingerechnet werden. Als alles passte, war der schwierigste Akt geschafft.“

Um das Olympiastadion gruppieren sich Medienzentrum, Basketball-Halle, Rad- und Schwimmstadion, Mediendorf. Verbunden ist alles durch Flanierstrecken, Becken für Wasserspiele, Bäume wurden angepflanzt. Einige Anlagen erlebten schon vorolympische Wettbewerbe. Schwimmer und Bahnradsportler testeten im Juni die neuen Sportstätten. Die Schwimmer pflügten unter freiem Himmel durchs Wasser. Auf ein Dach wird verzichtet. Aus Spar- oder Termingründen? „Das Dach stand nicht im Projekt“, lautet die simple Antwort von Nikos Louridas. „Der Schwimm-Weltverband wollte nachträglich noch ein Dach über der Anlage haben. Daraus wird nichts. In Athen ist es warm genug, die Sonne blendet auch nicht, weil der Zeitplan dem Sonnenstand angepasst wurde. Und wenn nötig, können wir noch ein leichtes Zeltdach darüber spannen.“

Ein Stromausfall legt

das halbe Land lahm

Für die Eröffnung der Spiele bekam der Chef vom Bau noch keine Karte. Er hat im Moment auch andere Dinge im Kopf, die Termine zum Beispiel. Aber Vorfreude auf die Spiele ist zu spüren: „Olympischer Geist fließt in unseren Adern.“ Kleiner geht es nicht in Griechenland, bei den Erfindern von Olympischen Spielen, bei den Wiederbelebern der großen Idee im Jahre 1896.

Und zu allem Überfluss auch noch solche Pannen wie gestern: Ein Stromausfall löste in weiten Teilen Griechenlands ein Verkehrschaos aus. Züge in Athen und in fast der Hälfte des Landes standen still, tausende Menschen mussten aus den stecken gebliebenen Zügen geborgen werden. Sogar Verkehrsminister Liapis steckte in einer Metro-Linie auf dem Weg zum Flughafen fest. Der größte Blackout seit Jahren führte schließlich gar zum Kollaps der Mobiltelefonnetze. Behördenvertreter machten die verstärkte Nutzung von Klimaanlagen im Zuge der Hitzewelle für den Ausfall verantwortlich. Zuletzt kletterten die Temperaturen auf über 40 Grad.

Sie wollen ein Fest

auf die Beine stellen

Ansonsten lassen sich die Gründe für die Zeitnot nach drei Tagen mit den Experten vor Ort auf einen Nenner bringen: Die alte Regierung ist schuld. Nach der Neuwahl im Frühjahr scheint alles schneller von der Hand zu gehen. Auch die Bürokratie sei schuld. Erstmals muss ein Olympiaausrichter mit EU-Richtlinien und EU-Ausschreibungen in großem Stil hantieren. Dafür zieren nicht wenige Projektfahnen in und um Athen das EU-Sternen-Symbol. Irgendwie könnte es aber wohl auch ein wenig an der Mentalität liegen.

Die Griechen ertragen tapfer die skeptischen Fragen, verziehen nur ganz leicht das Gesicht. „Sie sind sehr Deutsch-freundlich“, weiß Werner von Moltke, der sich um das deutsche Urlauberschiff in Athen kümmert. „Ihnen tut weh, wenn in Deutschland nicht geglaubt wird, dass es gute Spiele werden und alles pünktlich steht. Sie wollen ein olympisches Fest auf die Beine stellen.“ Warum nicht? An den Fußball-Europameister-Titel hat doch auch kaum einer wirklich geglaubt.