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Donnerstag, 13.09.2018

Dem Ei beim Hartwerden zusehen

Evonta Dresden kennt sich mit Durchleuchten aus – das kann auch Küken retten.

Von Georg Moeritz

Licht ins Ei: Reinhold Berghof (Mitte) hatte die Idee für ein Küchengerät, das Hühnereier genau nach Wunsch cremig oder hart zubereitet. Die Dresdner Sven Meissner (rechts) und Björn Fischer sind Spezialisten für den Prototypenbau.
Licht ins Ei: Reinhold Berghof (Mitte) hatte die Idee für ein Küchengerät, das Hühnereier genau nach Wunsch cremig oder hart zubereitet. Die Dresdner Sven Meissner (rechts) und Björn Fischer sind Spezialisten für den Prototypenbau.

© Thomas Kretschel

Mal zu hart und mal zu weich – beim Frühstücksei sind viele Feinschmecker empfindlich. Der Eierkocher arbeitet nicht präzise. Sven Meissner hat bisher die Eier seiner Hühner meistens für drei Minuten ins Wasser gelegt. Doch nun hat der Dresdner Ingenieur mit zwei Kollegen ein Küchengerät erfunden, das Hühnereier genau nach Wunsch zubereiten soll: wachsweich oder cremig, fast hart oder hart. Exakt auf den Punkt, bitte sehr.

In einem Bürohaus für junge Unternehmen im Dresdner Norden hat Meissners Firma Evonta Technology GmbH ihre Arbeitsräume. Die Nachbarn heißen Arxes oder Semisol, Danco oder Saxray. Enge Kontakte zwischen den Betrieben gibt es kaum, hier im Nanocenter Dresden. Jeder hat sich auf etwas anderes spezialisiert. Evonta mit sieben Mitarbeitern baut Prototypen zum Beispiel für die Lebensmittel- und Pharmaindustrie. Der neue Eier-Garer ist nur das jüngste Beispiel, hergestellt im Auftrag eines Ideengebers: Reinhold Berghof aus Dennheritz bei Glauchau kam mit seinen Wünschen zu Evonta. Die Chefs Sven Meissner und Björn Fischer machten aus Berghofs Ideen eine Maschine.

Der sächsische Eier-Garer ist noch nicht vollkommen, ein kantiger Prototyp eben. Schaltet Sven Meissner den Kasten an, lässt sich recht laut ein Lüfter hören – zusammengesetzt aus Schiffsschraube und Flugzeugmotor aus dem Modellbau-Bedarf. Mit Heißluft statt mit Wasser lässt das Evonta-Gerät das Eiweiß und Eigelb in der Schale gerinnen. Doch auf diese Idee sind andere auch schon gekommen. Das Neue und Patentwürdige ist erst die Messmethode.

Evonta ist nämlich Spezialist fürs Durchleuchten von Eiern. Regelmäßig sind die Chefs bei Kunden in Norwegen, um Lachseier zu selektieren und die Befruchtungsqualität festzustellen. Beim Hühnerei kann auch der Laie mit einer Lampe erkennen, wie es beim Garen härter wird – denn es lässt dann weniger Licht durch. Meissner sagt: „Man kann sich davorsetzen und sehen, wie das Ei dunkler wird.“ Warum nicht mal zusehen: Warmes Licht wie von einer Salzkristall-Lampe kommt aus dem Ei. In einer Einbauküche könnte das hübsch aussehen oder in einer Hotel-Frühstücksbar, malen sich die Erfinder aus.

Laut Björn Fischer gart das neue Gerät Eier nicht nur „bedarfsgerecht“, es kommt auch mit weniger Energie aus. Nun hoffen die Erfinder auf einen Hersteller von Elektrogeräten oder Küchen, der ihrem Prototypen ein gefälliges Äußeres gibt und die Serienproduktion starten möchte. Ein schickes Display statt der winzigen Anzeige wäre wohl nötig, und vielleicht eine Abkühlung, die das Garen beim gewünschten Härtegrad rasch stoppt.

Ideengeber Berghof hat schon einiges für den Hausgebrauch erfunden. Ab 1984 stellte er Fliegenklatschen her – humorvoll und tierfreundlich mit einem Loch in der Mitte und der Aufschrift: „Laß der Fliege eine Chance“. Jetzt im Sommer arbeitete der 67-Jährige an einer Grillzange, die beim Zugreifen anzeigen soll, ob das Fleisch gut durchgebraten ist. „Ich mache Sachen, die die Welt nicht braucht“, sagt Berghof, „aber der Kunde entscheidet“.

Seine Geschäftspartner Meissner und Fischer dagegen haben sich in den vergangenen Jahren mit einem ernsten Forschungsprojekt für den Tierschutz beschäftigt. Sven Meissner hat selbst Hühner und bedauert, dass in deutschen Geflügelbetrieben jährlich etwa 48 Millionen Küken getötet werden. Es sind die männlichen Küken, die nicht zur Eierproduktion taugen. Sie werden üblicherweise mit Gas umgebracht, weil sie in der Ernährungsbranche als unnütz gelten. Zur Mast taugen die Rassen mit guten Eiern kaum – sie sind dürr.

Im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums arbeiten Evonta und Forscher mehrerer Institute daran, das Geschlecht der Tiere frühzeitig im Ei zu erkennen. Das Ziel: Die männlichen Eier sollen aussortiert werden, bevor ein Embryo mit Schmerzempfinden herangewachsen ist. Laut Tierschutzgesetz darf niemand einem Tier „ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“. Das millionenfache Kükentöten wäre verboten, sobald praxistaugliche Geräte die männlichen Eier auslesen könnten.

Die Dresdner Experten kennen ein geeignetes Prinzip: die Infrarot-Raman-Spektroskopie. Dabei wird ein spezieller Lichtstrahl durchs Ei geschickt. Durch Analyse des reflektierten Lichts lässt sich das Geschlecht erkennen. Allerdings muss bei der Evonta-Methode das Ei geöffnet werden – eine Herausforderung für die Praxis in großen Hühnerhöfen.

In raschem Takt muss eine Maschine ein Stück Eierschale an der stumpfen Seite aufschneiden und nach der Untersuchung hygienisch mit einem Pflaster verschließen. Andere Institute bemühen sich um Methoden, die das Ei unversehrt lassen. Immer mal wird von Fortschritten berichtet, doch nicht vom fertigen Gerät. Meissner und Fischer halten daran fest, den Prototypen zu bauen. Beim Eier-Garer war das einfacher.