erweiterte Suche
Sonntag, 10.06.2018

Debatte um Özil und Gündogan verfolgt WM-Team

Pfiffe und Kritik: Vier Wochen nach den Fotos von Özil und Gündogan mit dem umstrittenen türkischen Präsidenten Erdogan ist der Wirbel weiter riesengroß. Einen Ausweg findet gerade niemand.

9

Der Wirbel um die Fotos von Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist nach wie vor riesengroß.
Der Wirbel um die Fotos von Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist nach wie vor riesengroß.

© dpa

Leverkusen. Diesen Ballast im WM-Gepäck hätte sich der Fußball-Weltmeister gerne erspart. Der Wirbel um die Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist auch nach vier Wochen riesengroß. Beim 2:1 im letzten WM-Test der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Saudi-Arabien waren die Pfiffe vieler Fans gegen Gündogan lauter und ausdauernder als eine Woche zuvor beim 1:2 in Österreich.

„Das hat mich schon geschmerzt, weil eine Mannschaft auch davon lebt, dass jeder Spieler unterstützt wird. Wenn ein Nationalspieler ausgepfiffen wird von der Einwechslung über alle Aktionen bis zum Ende, dann gefällt mir das natürlich nicht“, sagte Joachim Löw. Den Bundestrainer nerven nicht nur die vielen Fragen zum Dauerthema um die beiden in Gelsenkirchen geborenen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln. Löw muss auch um die WM-Form der beiden fürchten - und um einen Stimmungsdämpfer für den Titelverteidiger. Denn wie die bis zu 10 000 deutschen Fans bei den WM-Spielen reagieren, weiß niemand.

Deutlich ist aber, dass die Debatte bei den Anhängern und in der Öffentlichkeit nicht einfach so zu beenden ist, wie das Teammanager Oliver Bierhoff wünscht. Am Tag nach seiner Basta-Ansage zum Ende des Trainingslagers wurde die Angelegenheit prompt wieder größer.

„Das Thema ist in der Tat unterschätzt worden“, kritisierte Liga-Präsident Reinhard Rauball in der „Bild am Sonntag“. „Und ich glaube auch, dass man es nicht alleine mit den Maßnahmen und Erklärungen, die bisher erfolgt sind, aus der Welt schaffen kann“, sagte er zum Krisenmanagement. Rauball sprach von der Sorge, es könnte einen „dauerhaften Schaden bei beiden Sportlern“ geben.

DFB-Präsident Reinhard Grindel verteidigte die Spieler. Sie hätten nicht gewusst, dass die Fotos zu Wahlkampfzwecken benutzt würden. „Wir haben darüber gesprochen, es war ein Fehler, das haben die beiden eingesehen. Jetzt sollte der Fußball im Mittelpunkt stehen“, forderte Grindel in der ARD. Intern wurde der „Fehler“ vielleicht eingesehen, öffentlich räumte aber keiner der zwei Stars das eindeutig ein. Ein PR-Desaster für Spieler und Verband, der sich für seine Integrationsarbeit rühmt, ist die Affäre schon jetzt.

Im Gegensatz zu Özil hat sich Gündogan, der Erdogan ein Trikot mit der Aufschrift „Für meinen verehrten Präsidenten - hochachtungsvoll“ überreicht hatte, zumindest öffentlich erklärt. Es sei nie ein Thema gewesen, „ein politisches Statement zu setzen“, hatte der 27-Jährige gesagt. Was aber seine Intention war, ließ er offen.

Niedergeschlagen verließ Gündogan nach dem Spießrutenlauf vor eigenen Fans die BayArena. Im Internet legte er am Tag darauf ein neues Bekenntnis zu seinem Geburtsland ab. „Letztes Spiel vor der Weltmeisterschaft und immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen“, verlautete Gündogan. Der ManCity-Mann kämpft um seinen Ruf.

Von Arsenal-Star Özil fehlt dagegen jede Art der Stellungnahme. Er duckt sich einfach weg. „Mesut ist ein ganz anderer Schlag als Mensch“, sagte Mitspieler Sami Khedira. „Ich habe mit ihm ein Vier-Augen-Gespräch geführt. Was gesagt wurde, bleibt unter uns.“

Die Unterstützung der Teamkollegen ist den beiden Premier-League-Profis gewiss. „Ab jetzt bitte ich die Leute einfach darum, daran zu denken, dass wir Weltmeister werden wollen. Dafür brauchen wir den Illy, dafür brauchen wir den Mesut“, appellierte Mario Gomez. „Es sollte nicht versucht werden, das Ding weiter zu spalten, sondern versucht werden, da wieder eine Brücke zu bauen, damit man wieder mit ganz anderen Gedanken in die WM gehen kann.“ Die Pfiffe, erklärte Kapitän Manuel Neuer, „schaden der Mannschaft“.

Gomez (32) und Offensivkollege Timo Werner (22) kennen das Gefühl, von den eigenen Fans ausgepfiffen zu werden. Gomez hing eine folgenlos vergebene Großchance von der EM 2008 lange nach, dem Leipziger Werner eine Schwalbe in der Bundesliga. „Ich hoffe, dass Ilkay es genauso schafft wie ich, dass er durch seine Leistung wieder die deutschen Herzen für sich gewinnen kann“, sagte Werner.

Es geht um Werte, den Umgang mit der Krise, aber auch um die Toleranzgrenze der Fans. Im Gegensatz zu Özil und Gündogan war etwa Confed-Cup-Kapitän Julian Draxler für seine schriftliche Hommage an Russland vor einem Jahr nicht derart in die Kritik gekommen.

„Jeder auf dieser Welt hat sich schonmal was zu Schulden kommen lassen. Und wenn man die beiden sieht, war da vorher wirklich noch nicht sehr viel“, sagte Weltmeister Mats Hummels. Sein Lösungsansatz lautet: „Man muss in den Dialog treten, auch so, dass wir Spieler für unsere Mannschaftskollegen einstehen, weil sie alles für uns geben.“ (dpa)

Leser-Kommentare

Seite 1 von 2

Insgesamt 9 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Oberlausitzer

    Der deutsche Michel lässt sich eben nicht mehr alles gefallen! Beide haben sich nie öffentlich entschuldigt und versuchen sich (zumindest Gündogan) in halbherzigen Ausreden. Über die Aussage des Herrn Grindel "Sie hätten nicht gewusst, dass die Fotos zu Wahlkampfzwecken benutzt würden." kann man jedenfalls nur laut lachen! Der DFB hätte ein deutliches Zeichen setzen müssen und beide von der WM ausschließen müssen! Nach der WM und einer ordentlichen Entschuldigung hätten die Fans den beiden auch verziehen. So wird das wohl noch eine Weile dauern und wehe einer von beiden macht einen spielentscheidenden Fehler bei der WM....

  2. Tropoja

    Der Ausweg könnte so einfach sein. Aber da hat sich der DFB und das Trainerteam in Sippenhaft der beiden Herren nehmen lassen. Keine klare Ansage das politische Aktionen in der deutschen Nationalmannschaft nichts zu suchen haben. Vielleicht ist nach 3 Spielen schon finito, wer weiß....

  3. scharfesschwert

    Ich glaube die zwei Typen kümmern sich gar nicht um Politik.Die kennen nur Fußball und Geldzählen und posen auf Facebook und Instagram. Erdogan und seine Politik interessiert die wahrscheinlich gar nicht. Zitat die Welt N.Petersen Nun hat sich der Stürmer, der bereits bei Werder Bremen sowie dem FC Bayern unter Vertrag stand und seit zwei Jahren für den SC Freiburg spielt, erstaunlich deutlich über das niedrige geistige Niveau innerhalb der Profi-Zunft geäußert. „Die Fußballbranche ist oberflächlich, und wir Fußballer sind nicht so belesen“, sagte der 28 Jahre alte Olympiazweite von Rio de Janeiro im „Focus“: „Salopp gesprochen, verblöde ich seit zehn Jahren, halte mich aber über Wasser, weil ich ganz gut kicken kann.“ Petersen schloss sich bei seiner Bestandsaufnahme ausdrücklich mit ein: „Ich habe nichts gelernt, keine Ausbildung gemacht, die anderen Leute können wahrscheinlich viel mehr als ich. Manchmal schäme ich mich, weil ich so wenig Wissen von der Welt besitze“, sagte er.

  4. Glocke 22

    Ich hoffe die ganze Debatte ist nicht dann eine Ausrede, wenn es eine enttäuschende WM wird! Den Gegner wird es freuen! Wenn ich Löw wäre, wären beide gar nicht mitgefahren! In übrigen war ich gegen Saudi im Stadion! So ein schlechtes Spiel habe ich selten gesehen! Da passte sehr wenig zusammen! Teamgeist? Spielsystem nicht erkennbar. Gomez für Deutschland, ein Witz!? Genau dafür brauchen wir Sané! Die Mannschaft? Deutschland ist zu berechenbar und der Kader stimmt nicht! Die Weltmeister sind zu satt und die Jugend unbequem! Es werden nur Spieler mitgenommen die Ja sager sind! Diese Diskussion ist ein Spiegelbild unsere Gesellschaft! Und zum dfb braucht man ja nicht viel sagen, sonst droht Strafgeld!

  5. Mizzi

    Oberlausitzer : "Der deutsche Michel lässt sich eben nicht mehr alles gefallen!" Ach Oberlausitzer, über den Satz kann man streiten, besonders wenn es um den sächsischen geht. Sicher ist, dass Sie sich vor den Karren der" blau- schwarzen Retter des Abendlandes" spannen lassen und merken es nicht. Bei denen es schon lange nicht mehr um den Ausreißer von Ösil und Gündogan geht, denen kann das Thema gar nicht lange genug in der Presse aufgekocht werden, damit sie ihre rechtslastigen Stimmungen mit viel Krawall unters Volk bringen können.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 2

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.