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Montag, 17.09.2018

Dauert die Ausbildung für Kitas zu lange?

Von J. Fritzsche und M. Sefrin

Es fehlt an Erziehern in Sachsen. Die Ausbildung ist zu lang und zu unattraktiv, kritisieren immer mehr Verantwortliche.Foto: Thorsten Eckert
Es fehlt an Erziehern in Sachsen. Die Ausbildung ist zu lang und zu unattraktiv, kritisieren immer mehr Verantwortliche.Foto: Thorsten Eckert

© Thorsten Eckert

Unattraktiv und vor allem viel zu lang. Das ist eine immer wieder gehörte Beschreibung der Ausbildung für Kita-Erzieher. Immerhin fünf Jahre dauert die Ausbildung aktuell: Dem vorgeschriebenen Grundstein einer zweijährigen Ausbildung zum Sozialassistenten folgen drei Jahre Fachschule. Das ist dabei nicht nur für die künftigen Erzieher nervig, die neidisch auf die meisten Lehrlinge mit dreieinhalbjähriger Ausbildung blicken. Auch für die Kita-Träger ist das ein Problem. Sie brauchen dringend Fachkräfte.

Darum nutzte der für das Thema Bildung zuständige Beigeordnete des Landkreises Bautzen, Udo Witschas, jetzt bei einem Gespräch mit Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) die Chance, das Problem anzusprechen. „Die Frage ist doch, ob statt der derzeit fünf vielleicht auch eine Ausbildungszeit von drei Jahren ausreichen würde“, merkte Witschas an. Und machte deutlich, wie schwierig es gerade im sogenannten flachen Land ist, ausreichend Fachkräfte für Kindereinrichtungen zu bekommen. Der Kultusminister denkt durchaus ähnlich. Allerdings könne Sachsen keinen Alleingang starten. „Es muss eine bundesweite Lösung geben, damit die Abschlüsse nicht nur in Sachsen gelten.“

Das kann dauern. Dabei drängt die Zeit längst. „Der Arbeitsmarkt im Erzieherbereich ist angespannt“, sagt Raik Urban, Geschäftsführer der Zittauer Kindertagesstätten gGmbH. „Es ist zu beobachten, dass neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen meist direkt zum Ausbildungsende zum Herbst verfügbar sind. Kurzfristige Stellenbesetzungen im laufenden Jahr sind schwierig.“ Die Zittauer Kindertagesstätten gGmbH beschäftigt in 13 Einrichtungen 154 Erzieherinnen und Erzieher. „Aktuell sind alle Stellen besetzt“, sagt Urban. Doch in Vertretungsfällen, bei Krankheit oder Schwangerschaften sei es schwer, zu reagieren.

Raik Urban kann sich eine kürzere Ausbildungszeit vorstellen. „Wir meinen, dass eine gute fundierte Ausbildung zum Erzieher innerhalb von vier Jahren machbar, sinnvoll und ausreichend wäre“, sagt der Geschäftsführer. Zu beachten sei aber, dass das fachliche Spektrum eines Erziehers sehr umfangreich ist. „Dazu gehören pädagogische, didaktische, entwicklungspsychologische und sonderpädagogische Kenntnisse“, sagt Raik Urban. Hinzu kämen noch Fähigkeiten für den Umgang mit Eltern. Urban sagt darum auch: „Die theoretischen, aber auch die praktischen Erfahrungen benötigen Zeit.“ Der Bedarf an gut ausgebildeten Erziehern wird aus Urbans Sicht in seinem Unternehmen hoch bleiben. Zumal in absehbarer Zeit mehrere Kolleginnen in den Ruhestand gehen werden. „Doch auch die Verbesserungen bei den Betreuungsschlüsseln bringen einen höheren Mitarbeiterbedarf mit sich“, sagt Raik Urban. „Um diese Situation zu entspannen, wäre es sinnvoll, mehr Erzieher auszubilden.“

Mehr Flexibilität bei der Erzieher-Ausbildung wünscht sich auch Albrecht Ludwig, Geschäftsführer der Diakonie Löbau-Zittau gGmbH, die sechs Kindereinrichtungen in der südlichen Oberlausitz betreibt. „Die jetzige Ausbildungszeit von fünf Jahren ist zu lang“, so Albrecht Ludwig. „Wir könnten uns stattdessen auch eine duale Ausbildung wie bei den Altenpflegern vorstellen, also in der Schule und in den Einrichtungen.“ Einen Abfall der Ausbildungsqualität sollte es dabei aber nicht geben: „Das wollen wir nicht“, sagt Albrecht Ludwig.

Schon heute gebe es durchaus Unterschiede in der Umsetzung der geltenden Fachschulordnung durch die verschiedenen Bildungsträger, hat Raik Urban von der Zittauer Kindertagesstätten gGmbH festgestellt. Im Landkreis Görlitz findet Erzieherausbildung am Beruflichen Schulzentrum „Christoph Lüders“ sowie an der Euro Akademie, beide in Görlitz, statt. „Die Ausbildung ist aus unserer Erfahrung in keinem Fall zu lang“, sagt Birgit Dippe, Leiterin der Euro Akademie Görlitz und Zittau. „Staatlich anerkannte Erzieher betreuen Kinder, Jugendliche und Erwachsene nicht nur, sondern leisten sozialpädagogische Arbeit.“ Um die Kompetenzen dafür zu erlangen, absolvieren die Schüler die berufspraktische Ausbildung in den sozialpädagogischen Tätigkeitsfeldern und die theoretische Ausbildung in neun Lernfeldern, so Birgit Dippe. Wobei sie findet, dass die berufspraktische Ausbildung wieder länger dauern sollte. „Diese wurde leider seit 2017 reduziert.“

Dass Erzieher händeringend gesucht werden, weiß auch Birgit Dippe. „Die Nachfrage nach ausgebildeten Erziehern ist sehr hoch. Wir merken das daran, dass in der Regel alle unsere Absolventen mit dem Abschluss ihrer Ausbildung sofort eingestellt werden und wir jedes Jahr zahllose Stellenangebote von Kita-Trägern zur Weiterleitung an die Schüler der Abschlussklassen erhalten.“ Die Euro Akademie positioniert sich trotzdem eindeutig: „Eine Verkürzung der Ausbildungszeit geht einher mit einer Minderung der Qualität der Ausbildung“, sagt Birgit Dippe. „Die Bildung und Erziehung unserer Kinder sollte einen hohen Anspruch rechtfertigen.“