erweiterte Suche
Mittwoch, 12.09.2018

Das Weiße Haus von Großenhain

Ein Mann streicht sein Haus an der Meißner Straße. Die Stadt stören nicht nur die Kleckse auf dem Fußweg.

Von Jörg Richter

Ende Juni begann der Hausbesitzer das Gebäude an der Meißner Straße anzustreichen. Die Fassade ist nun strahlend weiß.
Ende Juni begann der Hausbesitzer das Gebäude an der Meißner Straße anzustreichen. Die Fassade ist nun strahlend weiß.

© Kristin Richter

Großenhain. Das berühmteste Weiße Haus der Welt steht in Washington. Jetzt hat auch Großenhain eins. Zwar nicht so elegant wie der Wohnsitz von US-Präsident Donald Trump, aber immerhin weiß. Das Weiße Haus von Großenhain befindet sich auf der Meißner Straße, an der Ecke zum Frohngässchen. Es gehört einem gebürtigen Rumänen (Name der Redaktion bekannt). Er hat es in den vergangenen Monaten angestrichen. Nicht hintereinanderweg, sondern immer mal wieder.

„Ich arbeite viel auswärts, überall in Europa“, erzählt er auf Englisch. Unter anderem sei er schon beruflich in London gewesen. Und so bald er ein paar Tage frei hat, kehrt er zurück nach Großenhain. Hier hat er vor einiger Zeit das alte, leerstehende Haus gekauft. Es war ziemlich heruntergekommen. Putz bröckelte von der Fassade und Risse zogen sich durch die Außenwände. Der neue Hausbesitzer hat die entsprechenden Stellen ausgebessert. Im vergangenen Jahr strich er die Fensterumrandungen weiß. Nun folgte der Komplettanstrich in der gleichen Farbe.

Er habe noch keinen richtigen Plan, was er mit dem Haus anstellt, sagt er auf SZ-Nachfrage. „Ich will es nur ein bisschen hübsch machen“, so der Rumäne. Die Art und Weise, wie er sein Vorhaben bisher umgesetzt hat, ist nach deutschem Standard sicherlich etwas unorthodox. Sein einziges Werkzeug seien eine Malerrolle mit Teleskopstiel und ein Stuhl gewesen. Bis zu fünf Meter Höhe habe er damit die Außenwände anstreichen können. Den Rest musste er von den Fensterbrettern im Obergeschoss aus erledigen.

Ganz ohne Farbkleckse ging das aber nicht ab, was nicht jedem, der dort vorbeiläuft, gefällt. Der Fußweg ist voller weißer Spritzer. Das hat das Ordnungsamt der Stadtverwaltung bereits registriert. „Der Eigentümer wurde von unserem Vollzugsdienst angeschrieben, bislang steht seine Antwort aber noch aus“, so Stadtsprecherin Diana Schulze. Dabei sind es noch nicht mal die Kleckse, wegen denen die Stadtverwaltung gern mal mit dem Hausbesitzer reden möchte. „Leider hat sich der Eigentümer im Vorfeld mit der Stadt Großenhain weder verständigt, noch das Vorhaben beantragt“, sagt Diana Schulze. Aus diesem Grund wurde versucht, mit dem Rumänen in Kontakt zu treten. „Leider blieb dies bislang erfolglos.“

Der Fall des Weißen Hauses von der Meißner Straße macht eines deutlich: In der Großenhainer Innenstadt darf es eigentlich gar kein weißes Haus geben. Das ist ganz klar in der Satzung über die Gestaltung der Altstadt Großenhain vom 26. Januar 1994 geregelt. Darin heißt es im § 10 (Farbgebung und Material) Absatz 2: „Folgende Farbtöne dürfen beim Fassadenanstrich nicht verwendet werden: a) reines Weiß oder sehr helle Farbtöne, b) reines Schwarz oder sehr dunkle Farbtöne.“ Wer sich nicht daran hält, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Geldbuße bis zu 100 000 DM (jetzt rund 51 000 Euro) geahndet werden kann. Im Vergleich dazu fallen die Bußgelder von bis zu 1 000 Euro, die dem Hausbesitzer für die Farbkleckse auf dem öffentlichen Fußweg drohen, milde aus. Diese Strafe sieht das Polizeigesetz des Freistaates Sachsen für Ordnungswidrigkeiten vor.

Sehr wahrscheinlich wird das Weiße Haus von Großenhain nur kurz existieren. Vorausgesetzt, dass die Stadtverwaltung den rumänischen Eigentümer bei einem seiner hiesigen Aufenthalte antrifft. Er wird wohl sein Eckhaus noch mal streichen müssen. Dann allerdings mit einer dezenteren Farbe.

Vielleicht löst sich die mutmaßliche Ordnungswidrigkeit aber auch in Wohlgefallen auf, wenn es sich bei der weißen Farbe um eine Grundierung handelt. Das weiß allerdings nur der Rumäne. So oder so hat er noch reichlich zu tun. In der Dachrinne wächst Gras. Der Sockelbereich ist mit Moos überzogen, was auf feuchte Fundamente hinweist. Und ein Farbeimer auf einem Fensterbrett verrät, dass auch noch im Inneren gearbeitet wird.