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Samstag, 13.03.2004

Das Viermal-L-Auto

Interview Das Zukunftsmodell ist leicht, leise, langsam und lustig, meint Designer Luigi Colani.

Herr Colani, Sie sind in diesem Jahr gar nicht auf dem Autosalon in Genf? Für einen Designer ist das doch ein Pflichttermin.

Im Prinzip schon. Aber ich habe viel zu tun und kann mich nun mal nicht zerreißen. Da habe ich mal auf Genf gepfiffen. Außerdem hätte ich mich wahrscheinlich sowieso nur wieder grün geärgert über das, was schräge Geister dort ausgespuckt haben, und den Mist, der dort rumsteht.

So spricht man doch nicht über Kollegen.

Ist aber so. Die Autobranche funktioniert momentan nicht. Außer bei Porsche wird nur gewinselt und gejammert. Das sieht man dann den meisten Autos auch an. Überall wird nur Durchschnittskäse geboten. Eine Design-Revolution hat in letzter Zeit jedenfalls keiner vom Zaun gebrochen.

Das Renault-Design gilt doch durchaus als revolutionär.

Dort sind zwar durchaus anständige Ansätze zu sehen. Aber als sie merkten, dass ihre Linie nicht durchzuhalten ist, machten sie einfach einen Rückzieher.

Vielleicht will die Kundschaft ja gar keine Revolution …

Die Leute haben mehr Gespür für Formen, als wir glauben. Die lassen sich nicht mehr vom Heide-Röschen-Design eines neuen Golf einlullen. Es ist nicht zu fassen, dass man bei VW glaubt, man könne, wie damals den Käfer, ein Auto 30 Jahre lang bauen. Oder nehmen Sie den 7er von BMW. Ist doch schlimm. Und die Leute haben es den Münchnern ja auch heimgezahlt. Die Krönung, an die ich mich erinnere, war der Multipla von Fiat. Das ging voll in die Kacke.

Was würden Sie besser machen?

Ich würde mehr auf Aerodynamik und Marken-Unterschiede setzen. Die meisten Autos gleichen sich heute wie ein Ei dem anderen. Bei mir hätte die dicke Limousine endgültig ausgedient. Ich würde lieber auf das Viermal-L-Auto setzen: langsam, leise, lustig, leicht. Das ist die Zukunft.

Ewig runde Formen sind aber auch langweilig. Muss denn alles rund sein?

Nein, der Margarine-Würfel soll so bleiben, wie er ist.

Wenn Sie eine Idee haben, wie halten Sie sie fest?

Ich skizziere sie. Für mich sind Farben, Tusche und Papier nach wie vor unersetzlich im visionären Formfindungsprozess. Meiner Meinung nach wird heutzutage gerade bei Autos viel zu viel am Computer gefummelt. Da fehlt der Idee von Anfang an die Seele. Ich war in meinem Leben schon in zig Firmen, auch bei Mazda, Nissan und Honda, mit den verschiedensten Projekten beschäftigt, ich weiß, wovon ich rede.

Mit solchen wie anderen Ansichten haben Sie sich in der Vergangenheit aber nicht nur Freunde gemacht.

Ich konnte aber auch nicht mit ansehen, wie man in Chefetagen nicht begreifen wollte, was wichtig ist. Manch ein Industrieunternehmen, auch im Autobereich, arbeitet wie eine Firma mit angegliedertem Altersheim. Dass mich da einige Herren feuerten, weil ich sie richtig in den Arsch getreten hatte, ist verständlich.

Was sollte sich denn in der Autoindustrie ändern?

Sie muss einen Schritt schneller gehen. Wir Deutschen sind auf vielen Gebieten noch konkurrenzfähig. Auch bei Autos. Aber wie lange noch? Im Prinzip werden wir doch immer träger. Und sind hier inzwischen am Reichtum fast erstickt. Währenddessen wächst in Asien eine Übermacht heran. Das stimmt mich nachdenklich.

Gespräch: Rainer Bekeschus