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Samstag, 11.08.2018

„Das Stadion hat getobt“

Europameister Thomas Röhler spricht über seinen Weg, den nicht jeder versteht.

Ein inniges Verhältnis hat Thomas Röhler mit seinem Speer.
Ein inniges Verhältnis hat Thomas Röhler mit seinem Speer.

© dpa

Herr Röhler, was bedeutet Ihnen als Olympiasieger der europäische Titel im Speerwerfen?

Das eine ist Olympia, das andere EM. Aber ich habe es jetzt schon mal vordefiniert als die schönsten und emotionalsten Europameisterschaften, die ich in meiner Karriere erleben werde. Das Stadion hat getobt. Die Leute haben das Speerwerfen hier geliebt. Deshalb gehört diese Goldmedaille sehr eng zu meiner Rio-Medaille.

Vor dem letzten Versuch holte sich der Zweitplatzierte Andreas Hofmann noch Tipps von Ihnen ab. Ist das nicht etwas ungewöhnlich?

Wir machen das im Training, bei Meetings – warum sollen wir plötzlich damit aufhören? Das ist eine Normalität. Im Endeffekt waren wir hier, um einen deutschen Speerwurfsieg zu erzielen. Ich war mir meiner Mittel und Taten ziemlich sicher und hatte ja den letzten Wurf.

Nach Ihrer Zittereinlage in der Qualifikation traten Sie im Finale sehr souverän auf. Woher kommt diese Selbstsicherheit?

Ich glaube, ich habe gewonnen, weil ich fokussiert geblieben bin. Ich wollte einfach technisch korrekt werfen, präzise. Und so sind die Speere geflogen, nach dem ersten, der ungültig war. Danach folgten weitere Würfe, die zum Sieg gereicht hätten. Ich bin absolut happy darüber, was ich die vergangenen Wochen mit meinem Trainer gemacht habe, auch verrückte Sachen, die von außen nicht jeder verstanden hat. Wir haben den Wurfstil angepasst und sind dahin zurückgekommen, worin Röhler am besten ist: Das ist, den Speer zum Fliegen zu bringen. So wird man Europameister.

Was waren das für verrückte Sachen?

In der Sportwelt wirst du ein bisschen für verrückt gehalten, wenn du eine bestehende Technik aufbrichst, um Kleinigkeiten anzupassen, zu ändern. In Fachkreisen hat man uns da schon sehr fragend angeschaut. Im Nachhinein bin ich aber glücklich. In Berlin habe ich gezeigt, was wir aus 2014, 2015 und 2016 gewohnt waren: Viele Würfe sind wieder auf hohem Niveau.

Was haben Sie konkret verändert?

Wir haben daran gebastelt, ein bisschen mehr Zuglänge in den Wurf zu bekommen, und insgesamt ist es ein bisschen mehr ein physischer Ansatz. Wir haben intensiveres Krafttraining in die Saison reingezogen, um in Richtung 2020 eine Basis zu schaffen, Körner aufzubauen.

Warum sieht man das Ihrem Körper – im Gegensatz zu Ihren beiden deutschen Konkurrenten – nicht an?

Wäre ich bepackter, würde die Technik nicht mehr funktionieren. Speerwerfen ist eine explosive und sehr beweglichkeitsorientierte Sportart. Da muss man nicht so aussehen, das muss nur drinstecken. Wir verfolgen den drahtigen Ansatz.

Warum gab es überhaupt diese Veränderungen?

Ich will der Beste bleiben – auf lange Frist. Ich bin noch ein junger Speerwerfer, aber ich habe auch schon einige Jahre in den Beinen und man muss immer wieder neue Reize setzen. Da gehören auch solche verrückten Geschichten wie Technikanpassung dazu. Das muss man einfach mal riskieren. Mein Coach hat definitiv einen Plan. Ihm muss ich einen Riesendank aussprechen. Wir beide können das gut einschätzen, was wir letztes Jahr durchgemacht haben, wohin wir es jetzt wieder gebracht haben.

Hatten Sie auf diesem ungewöhnlichen Weg auch Zweifel?

Zweifel hat man als Sportler nicht, man muss seinem Plan folgen. Natürlich waren auch schwierige Wochen dabei, die Wettkämpfe in Luzern, Rabat. Das war eine total anstrengende Phase, aber Teil des Plans. Und nicht jeder Plan verläuft immer einfach, es gibt Ups und Downs.

Würden Sie es unterstützen, wenn sich Berlin für die zweite Ausgabe der European Championships bewerben würde?

Ich finde die Idee super. Und ich würde als einer der Ersten die Bewerbungspapiere dafür unterschreiben. Ich bin ein Stück weit überzeugt von diesem Format. Den Athleten gefällt das auch, die sind von dem Gesamt-Event begeistert.

Das Gespräch notierte Michaela Widder.

TV-Tipp: ZDF überträgt am Samstag von 9 bis 22 Uhr, ARD am Sonntag von 12 bis 21.45 Uhr.