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Samstag, 26.05.2018

Das Seebad der 10 000

Von Steffen Klameth

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Erfolgreich und umstritten: Der Investor Ulrich Busch.Foto: St. Klameth
Erfolgreich und umstritten: Der Investor Ulrich Busch.Foto: St. Klameth
  • Erfolgreich und umstritten: Der Investor Ulrich Busch.Foto: St. Klameth
    Erfolgreich und umstritten: Der Investor Ulrich Busch.Foto: St. Klameth
  • Urlaub auf 2,5 mal fünf Metern: So sollten die Zimmer mal aussehen.
    Urlaub auf 2,5 mal fünf Metern: So sollten die Zimmer mal aussehen.
  • Viel Platz: Blick in ein Apartment des Hotels Prora Solitaire.
    Viel Platz: Blick in ein Apartment des Hotels Prora Solitaire.
  • Das ist erst der Anfang: Das Luftbild zeigt die BlöckeI und II im Juli 2015.Fotos: dpa; St. Klameth (2)
    Das ist erst der Anfang: Das Luftbild zeigt die Blöcke I und II im Juli 2015.Fotos: dpa; St. Klameth (2)

Frau Google hat offenbar noch leichte Orientierungsprobleme. Wer ihrer netten Stimme nach Prora folgt, steht plötzlich vor einer Schranke – Baustelle. Der Wachmann zeigt Verständnis und dirigiert die fehlgeleiteten Gäste zur nächsten Querstraße. Dort endet die Fahrt abermals an einer Schranke. Aber die öffnet sich, sobald man den Klingelknopf betätigt und sich als Gast zu erkennen gegeben hat. Willkommen im Hotel Prora Solitaire.

In Prora kann man sich schon mal verfahren. Es gibt zwar nicht sehr viele Häuser, dafür sind sie außergewöhnlich lang – fast 500 Meter pro Block. Zum Vergleich: Die Wohnzeile an der Prager Straße in Dresden ist nicht mal halb so lang. Prora hat gleich mehrere dieser Blöcke, aufgefädelt wie an einer Schnur entlang der Ostseeküste. Ein Traum für die einen, ein Alptraum für die anderen. „20 000 Menschen sollten im KdF-Seebad Rügen gemeinsam Urlaub machen“, sagt Gästeführerin Ellen Buttgereit. Die Abkürzung KdF steht für „Kraft durch Freude“. So hieß die Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront, die die Nazis nach Auflösung der freien Gewerkschaften gegründet hatten.

An einem Modell im Dokumentationszentrum zeigt Frau Buttgereit, wie das Ganze mal aussehen sollte: Acht Blöcke, jeder mit 1 250 Zimmern, jedes Zimmer mit Meerblick. Dazwischen zehn Gemeinschaftshäuser, zwei Theater, ein Kino, Schwimm- und Gymnastikhalle, Festhalle und Festplatz. Und, und, und. „Es war an alles gedacht“, sagt die Gästeführerin. Nur nicht an den Krieg. Im Mai 1936 wurde der Grundstein für das KdF-Seebad gelegt, reichlich drei Jahre später marschierten die Deutschen in Polen ein. Für Prora bedeutete das zunächst einen Baustopp, dann das Ende. Nach dem Zweiten Weltkrieg plünderte die Rote Armee die Rohbauten, später besetzte die NVA das Gelände. Manche Blöcke wurden zu Kasernen ausgebaut, andere gesprengt.

Bis aus zwei deutschen Staaten wieder einer wurde. Was tun mit dem „Koloss von Prora“? Abreißen, forderten sogleich die einen. Erhalten, riefen die anderen. Das eine erwies sich so schwierig wie das andere. Und so passierte erst mal: nichts. Schließlich stellte der Bund die Anlage unter Denkmalschutz und bot sie zum Schnäppchenpreis feil. Buttgereit: „Damit begannen die Immobilienspekulationen.“ Ein Name, der dabei immer wieder genannt wird, ist der von Ulrich Busch. Er war der erste, der zwei Blöcke erwarb, zusammen für 455 000 Euro. Einen Block verkaufte er alsbald für 300 000 Euro weiter, der neue Besitzer machte noch mehr Reibach. Mit den Gewinnen schossen auch die Gerüchte ins Kraut. Wir treffen Ulrich Busch im Foyer des Hotels Prora Solitaire. Der Geschäftsmann trägt Anzug und Krawatte, auf seiner Visitenkarte stehen die Worte „Projektentwicklung & Design“. Das Hotel im Block II empfängt seit Herbst 2016 Gäste, während in der Nachbarschaft noch die Bagger rollen und Bohrhämmer dröhnen. Es ist auch kein gewöhnliches Hotel, sondern besteht aus über 100 Apartments und Suiten, die vornehmlich Kapitalanlegern gehören. In diesem und nächstem Jahr eröffnen weitere Hotels. Prora wird noch viele Jahre eine Baustelle bleiben. Ob sie hier Urlaub machen würde, fragen wir Gästeführerin Ellen Buttgereit. Sie entgegnet: „Ich wohne hier!“

Die Hoteliers und Vermieter im drei Kilometer entfernten Binz schauen mit Argwohn auf die neue Konkurrenz – völlig zu Unrecht, wie die 1. Stellvertreterin des Bürgermeisters, Romy Guruz, betont. Die Aufgabe in Prora bestehe darin, „ein lebenswertes Ostseebad mit eigenem Charakter zu entwickeln, das genauso groß sein wird wie unser Ort selbst.“ Dazu gehörten auch der Bau neuer Straßen und komplett neue Straßennamen. Google muss also noch eine Menge dazulernen.