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Dienstag, 04.08.2015

Das Schicksal einer jüdischen Familie

Mit seinen Stolpersteinen erinnert der Künstler Gunter Demnig an NS-Opfer. Jetzt auch in Bischofswerda.

Von Ingolf Reinsch

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Vor dem Haus an der Bischofstraße 15 in Bischofswerda, dem letzten Wohnsitz von Samuel und Friderike Hoffmann, verlegte Gunter Demnig am Sonnabend drei Messingsteine mit Lebensdaten des Ehepaares und seiner Tochter Hella.
Vor dem Haus an der Bischofstraße 15 in Bischofswerda, dem letzten Wohnsitz von Samuel und Friderike Hoffmann, verlegte Gunter Demnig am Sonnabend drei Messingsteine mit Lebensdaten des Ehepaares und seiner Tochter Hella.

© Wolfgang Schmidt

  • Vor dem Haus an der Bischofstraße 15 in Bischofswerda, dem letzten Wohnsitz von Samuel und Friderike Hoffmann, verlegte Gunter Demnig am Sonnabend drei Messingsteine mit Lebensdaten des Ehepaares und seiner Tochter Hella.
    Vor dem Haus an der Bischofstraße 15 in Bischofswerda, dem letzten Wohnsitz von Samuel und Friderike Hoffmann, verlegte Gunter Demnig am Sonnabend drei Messingsteine mit Lebensdaten des Ehepaares und seiner Tochter Hella.
  • Erstmals wurden in Bischofswerda jetzt Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an das Schicksal einer der wenigen jüdischen Familien, die in der Stadt gelebt hat. Die Steine sollen erinnern, aber auch zu Mitmenschlichkeit mahnen.
    Erstmals wurden in Bischofswerda jetzt Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an das Schicksal einer der wenigen jüdischen Familien, die in der Stadt gelebt hat. Die Steine sollen erinnern, aber auch zu Mitmenschlichkeit mahnen.

Bischofswerda. Die drei Steine, jeder so groß wie ein Pflasterstein, sind fast unscheinbar auf dem grauen Asphalt. „Hier wohnte Samuel Hoffmann“, ist auf einem der Messingbeschläge zu lesen. Jahrgang 1876. Deportiert nach Theresienstadt 1942. Freigekommen am 5. Februar 1945.

Hier, das ist ein Mietshaus an der Bischofswerdaer Bischofstraße. Die Haustür ist offen. Davor stehen am Sonnabendmittag rund 50 Einwohner und Gäste der Stadt, unter ihnen der neue Oberbürgermeister Holm Große. Formell gerade mal zwölf Stunden im Amt, ist das Verlegen der Stolpersteine der erste offizielle Termin, an dem er teilnimmt. Die drei Steine erinnern an eine jüdische Familie, die in Bischofswerda lebte.

Zwischen den Menschen kniet Gunter Demnig. Er verlegt die Stolpersteine für Samuel Hoffmann, dessen Frau Friderike und die Tochter Hella. Routiniert verrichtet der Mann mit dem breitkrempigen Hut seine Arbeit. Er setzt die Steine ein und justiert sie mit dem Hammer, gibt Zement in die Fugen und kippt Wasser darüber, streut Sand über die Steine und verreibt ihn mit der Kelle.

Gunter Demnig und seine Stolpersteine sind längst berühmt. Seit über 20 Jahren verlegt der Kölner Künstler die Steine mit Aufschrift vor Häusern, in denen Opfer der Nationalsozialisten wohnten, vor allem Juden. Mehr als 50 000 Stolpersteine gibt es mittlerweile in über 500 deutschen Städten und Gemeinden und in fast 20 weiteren Ländern. In Bischofswerda sind es die ersten. Dass sie verlegt wurden, ist dem Burkauer Lehrer Mathias Hüsni zu danken. Er hatte den Kontakt zu Gunter Demnig hergestellt und bei der Stadt erfolgreich für einen Zuschuss geworben. Die 360 Euro, die die drei Messingsteine kosten, werden aus der Sammelstiftung der Stadt finanziert.

Stadtbekannte Kaufmannsfamilie

In Bischofswerda gibt es kaum Spuren jüdischen Lebens. Seit 1880 (frühere Zahlen liegen nicht vor) lag die Zahl jüdischer Einwohner stets unter zehn. Trotzdem gibt es auch hier dunkle Punkte und erschütternde Schicksale. Wie das der Familie Hoffmann, einer stadtbekannten Kaufmannsfamilie. Samuel Hoffmann hatte seit 1910 ein Textilwarengeschäft an der Dresdner Straße 1, jenem Haus, in dem jetzt Bibliothek und Galerie untergebracht sind. Seine hübsche Tochter Hella war liiert mit einem später in Kamenz führenden Nazi. Gleich nach dem Machtantritt Hitlers, also schon 1933, emigrierte sie nach Brasilien. Ob sie der Karriere ihres Mannes im Wege stand oder ob er wusste, was sie erwarten würde und er ihr Leben retten wollte, ist unbekannt. Die Eltern blieben in Bischofswerda zurück. Die Tochter schrieb ihnen regelmäßig, und stolz zeigte der Vater den Nachbarn Bilder von ihr aus dem fernen Land. Warum die Eltern der Tochter nicht folgten, weiß keiner mehr zu sagen.

Wie alle Juden in Deutschland erlitten die Hoffmanns in den 1930-er Jahren schwere Repressalien. Mit Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze 1935 wandelte sich die Situation für sie grundlegend. In den Folgejahren wurden sie enteignet, entrechtet, mussten an der Jacke den „Judenstern“ und in ihrem Namen den Zusatz „Israel“ bzw. „Sarah“ tragen. Als die Hoffmanns dann im Krieg wie alle Juden in Deutschland keine Lebensmittelzuteilungen mehr bekamen, steckte der eine oder andere ihnen etwas Essbares zu, bis sie 1942 am helllichten Tag abgeholt und in das Ghetto Theresienstadt gebracht wurden. Dort verliert sich die Spur von Friderike Hoffmann. Geschichtsforscher gehen davon aus, dass sie den Völkermord an den Juden nicht überlebte. „Schicksal unbekannt“, steht jetzt auf dem Stolperstein vor ihrem einstigen Wohnhaus.

Samuel Hoffmann wurde in Theresienstadt von einem Wachmann mit einem Gewehrkolben geschlagen – so stark, dass sein Gesicht für den Rest seines Lebens von den Narben schwer gezeichnet war. Anfang 1945 wurde er vom Schweizer Roten Kreuz freigekauft und konnte in das Alpenland ausreisen. Nach dem Krieg kehrte er nach Bischofswerda zurück und zog 1947 nach Dresden um. Über das weitere Schicksal von Tochter Hella ist nichts bekannt.

Zeichen der Mitmenschlichkeit

„Die Menschen sollen die Steine sehen, die Schrift darauf lesen. Die Steine mögen nachdenklich machen“, wünscht sich Michael Ulrich, katholischer Pfarrer im Ruhestand und Mitglied im Arbeitskreis Judentum im Bischof-Benno-Haus Schmochtitz. OB Holm Große sagte, die Steine sollen „an Einwohner aus unserer Stadt erinnern, aber auch Zeichen der Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit sein“.

Nicht immer in Bischofswerdas Geschichte ist das der Fall gewesen. Als das Ehepaar Hoffmann 1942 deportiert wurde, habe keiner in der Stadt protestiert, sagt Mathias Hüsni. Schon sieben Jahre zuvor, 1935, war es beim Bischofswerdaer Herbstmarkt zu antisemitischen Szenen gekommen. Die Zeitung „Sächsischer Erzähler“ rechtfertigte das Vorgehen der Polizei gegen die fünf jüdischen Stände auf dem Markt, die als solche gekennzeichnet werden mussten. Marktbesucher wurden auf Schildern aufgefordert: „Deutsche, kauft nicht beim Juden!“. Wer es trotzdem tun wollte, wurde „in höflicher, aber bestimmter Form“ über die „Rassenfrage“ aufgeklärt, schrieb die Zeitung. Offenbar hatten sich einige Kunden gegen solche Aktionen verwahrt, denn sie wurden im „Sächsischen Erzähler“ als „Querköpfe“ beschimpft. (mit wsch) Auf ein Wort

Quellen: Juden in der Oberlausitz, Lusatia-Verlag Bautzen 1998

Heidrun Schäfer: Nur mit Hilfe der Nachbarn überlebt, SZ vom 27. Januar 2001