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Donnerstag, 23.08.2018

Das letzte Training von Uwe Neuhaus

Nichts deutet am Mittwochvormittag im Großen Garten auf den Abschied hin. Ein Besuch bei der letzten Übungseinheit vor der Entlassung.

Von Daniel Klein

Uwe Neuhaus bei seiner letzten Trainingseinheit mit den Spielern der SG Dynamo am Mittwoch im Dresdner Großen Garten.
Uwe Neuhaus bei seiner letzten Trainingseinheit mit den Spielern der SG Dynamo am Mittwoch im Dresdner Großen Garten.

© Robert Michael

Dresden. Die sechs Männer im gesetzten Alter grüßen herzlich, man kennt sich und trifft sich öfters hinterm Maschendrahtzaun im Großen Garten. „Jetzt brennt ja hier der Baum, da muss man schon mal vorbeischauen“, findet einer der Rentner und beobachtet, wie die Profis von Dynamo Dresden am Mittwochvormittag so trainieren nach der Liga-Niederlage in Bielefeld und dem Pokal-Aus gegen den Viertligisten Rödinghausen. Von der Entlassung des Cheftrainers Uwe Neuhaus, die am Nachmittag beschlossen und am Abend verkündet wird, ahnen sie da wohl noch nichts.

Thema ist unter den Zaungästen noch das Pokal-Aus. Nicht nur das Ergebnis, vor allem die Art und Weise des Auftritts würde die Anhänger so verärgern, meint einer der Senioren, das restliche Quintett nickt zustimmend. „Da müssen sie sich nicht wundern, wenn statt 29 000 bald nur noch 22 000 Zuschauer zu den Heimspielen kommen.“ Die Sorge ist fürs erste wohl unberechtigt, Interimstrainer Cristian Fiel ist bei den Fans äußerst beliebt, der Kartenverkauf dürfte wieder anziehen.

Am Mittwoch steht der einstige Kapitän nicht mit auf dem Trainingsplatz, er hatte die Woche zuvor vorbeigeschaut - im Rahmen seiner Trainerausbildung sind Hospitationen Pflicht. Dafür betritt Kristian Walter nach rund einer Stunde das Trainingsgelände, der Interimsgeschäftsführer und Ralf-Minge-Vertreter ist aufgrund seines Amtes für Trainerentlassungen zuständig. Dass er Neuhaus feuern wird, weiß er zu diesem Zeitpunkt sicher schon, laut Pressemitteilung informierten er und Minge den Cheftrainer aber erst am Nachmittag über die Beurlaubung. Vielleicht kam Walter also vorbei, um Neuhaus mitzuteilen, dass es Gesprächsbedarf gibt.

Ob Neuhaus bei der Übungseinheit ahnte, dass es seine letzte in Dresden sein wird – darüber kann nur spekuliert werden. Äußerlich ist ihm nichts anzumerken. Er überlässt die Leitung der Erwärmung sowie einige Übungen seinen Assistenten, darunter seinem Stellvertreter Peter Nemeth, der Stunden später ebenfalls entlassen wird, dann greift Neuhaus selbst ein, korrigiert, gibt Anweisungen. Alles beobachtet von den sechs Stammgäste und weitere 30 Trainingskiebitze hinterm Zaun. Ob sie bereits etwas ahnen? Sie sehen, wie fünf Spieler, im Kreis aufgestellt, versuchen, den Ball in den eigenen Reihen zu halten, zwei haben was dagegen. „Die Übung hat Walter Fritzsch auch schon machen lassen“, erinnert sich ein Rentner. „So lange bin ich schon hier dabei.“ Fritzsch trainierte die Dynamos ab 1969 neun Jahre lang, es war die Glanzzeit der Schwarz-Gelben.

Er ist auch der dienstälteste Dynamo-Trainer, länger als er konnte sich niemand auf der Bank der Schwarz-Gelben behaupten. Natürlich auch Neuhaus nicht, wobei seine gut drei Jahre in Dresden zumindest nach der Wende schon beachtlich sind.

Die vor dieser Saison eingeleiteten Umbaumaßnahmen im Betreuer- und Trainerstab kann man auch am Mittwoch beobachten. So viele Männer in roten Funktionsshirts gab es noch bei Dynamo. Besonders wichtig scheint in diesen Tagen Sascha Lense zu sein. Der Teampsychologe ist die gesamten gut anderthalb Stunden dabei, beobachtet die Abläufe, hilft beim Bällerücktransport, schwatzt mit den Assistenzkollegen. Nun wird er den Trainerwechsel psychologisch begleiten.

Bei der letzten Übung teilt Neuhaus die Mannschaft in zwei Gruppen auf, Jung gegen Alt üben den Torabschluss. Die Verlierer werden mit zehn Liegestützen bestraft, zweimal trifft es die älteren Jahrgänge, fünfmal die jüngeren. Es wird zwischen den Lagern gefrotzelt, gestichelt, geflachst. Die Laune, so scheint es, ist bestens. Auch bei Neuhaus.

„Na mal sehen, wer jetzt noch kommt“, orakelt das Rentner-Sextett, als der ganze Tross hinüber zu den Umkleidekabinen im Stadion trottet. Gemeint ist damit aber nicht Neuhaus´ Nachfolger, sondern ein Stürmer, der auch noch verpflichtet werden soll in den nächsten Tagen. Nach diesem Training ist eine andere Personalie aber erst einmal wichtiger.