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Samstag, 22.04.2017

Das gute Gewissen von Dresden

Er kämpft für eine gesunde Gesellschaft – in jeder Hinsicht. Dafür erhält Professor Gerhard Ehninger den Erich-Kästner-Preis.

Von Henry Berndt

Prof. EhningerFoto: / /
Prof. Ehninger Foto: / /

© Uniklinikum

Im Kleinen funktioniert das mit der Solidarität schon ganz gut, zum Beispiel bei der Suche nach Stammzellspendern. Allein in Deutschland sind schon mehr als vier Millionen Menschen bei der DKMS registriert. Wenn eine Knochenmarkspende für einen Leukämiepatienten gebraucht wird, dann fragt niemand danach, woher der Patient kommt oder welche Religion er hat. „Diese Bereitschaft, für andere Menschen da zu sein, hat etwas sehr Symbolisches“, sagt Gerhard Ehninger, Direktor der Medizinischen Klinik I am Dresdner Uniklinikum. Bevor der 64-Jährige 1994 nach Sachsen kam, gründete er in Tübingen jene DKMS, die seitdem allein in Deutschland mehr als 50 000 Spenden vermittelt und so viele Leben gerettet hat.

„Es zieht sich durch mein Leben, dass ich mich für andere Menschen einsetze und mich für ihre Rechte starkmache“, sagt Ehninger. Längst ist er ein weltweit anerkannter Spezialist im Bereich der Blutstammzellenforschung und Knochenmarktransplantationen. Doch auch auf einem anderen Fachgebiet versucht er, die Gesellschaft zu heilen. Seit Beginn der Pegida-Demonstrationen in Dresden engagiert er sich für eine weltoffene Stadt und gründete den Verein „Dresden – place to be“ mit. Die Bilder eines von ihm initiierten Konzertes unter dem Titel „Offen und bunt“ mit Zehntausenden Besuchern vor der Frauenkirche im Januar 2015 sorgten in Zeiten der beginnenden Imagekatastrophe ausnahmsweise für farbenfrohe Bilder aus der sächsischen Landeshauptstadt.

Hört sich preisverdächtig an? Das dachte sich auch der Presseclub Dresden und verleiht Gerhard Ehninger in diesem Jahr den 22. Erich-Kästner-Preis. „Professor Ehninger ist vor allem durch seine Arbeit und Forschung in Dresden bekannt. Was ihn mindestens genauso antreibt, ist sein Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit“, begründet die Presseclub-Vorsitzende Bettina Klemm die Auszeichnung.

Als Preisträger steht er fortan in einer eindrucksvollen Reihe. Unter anderem gehörten in den vergangenen Jahren bereits Ignatz Bubis, Marion Gräfin Dönhoff, Richard von Weizsäcker, Hans-Dietrich Genscher und Dieter Hildebrandt zu seinen Vorgängern. „Ich bin sehr gerührt, in die Fußstapfen dieser Menschen zu treten“, sagt Ehninger, „und ich bin mir der Verantwortung bewusst, die damit verbunden ist.“ Er sehe den Preis nicht als rückwärts gewandte Auszeichnung an, sondern eher als Ansporn zum Weitermachen.

Der Professor hat noch viel vor in und mit Dresden, stets umgeben von „vielen tollen Leuten, die mitziehen“, wie er betont. Im Fachgebiet Medizin wäre da der fortwährende Wunsch, der Stadt „die Strahlkraft zurückzugeben, die sie einmal hatte“. Er träume davon, Dresden wieder zur „Apotheke der Welt“ zu machen. „Wir sind da auf einem guten Weg.“

Im Fachgebiet Demokratie könnte der Weg ein wenig steiniger werden. Nur auf den ersten Blick scheint Ehningers Kampf gegen Hetze und Alltagsrassismus so gar nichts mit seiner Arbeit als Wissenschaftler zu tun zu haben. „Für viele junge Leute ist Dresden nach den Entwicklungen der letzten Jahre nicht mehr attraktiv“, sagt er. „Darunter leiden auch wir als Wissenschaftseinrichtungen.“ Pegida habe innerhalb kürzester Zeit vieles von dem kaputt gemacht, was sich die Stadt über Jahre aufgebaut habe. Inzwischen sagten ihm die großen Stiftungen, dass für Dresden kein Spender mehr die Hand hebe, zumindest nicht wenn es ums Geld geht.

Was bei der Stammzellspende schon funktioniert, ist im großen Maßstab noch Wunschdenken: eine solidarisch vereinte Gemeinschaft. „Wir wollen endlich einmal zusammenstehen gegen Intoleranz und Respektlosigkeit gegenüber anderen Menschen“, formulierte Ehninger im Herbst vergangenen Jahres in einem Aufruf, der mit „Was uns eint“ überschrieben war. Es war seine Reaktion auf die Pöbeleien zum Tag der Deutschen Einheit, die ihn schwer getroffen hatten. Aus dem Aufruf ging das Bündnis „Dresden Respekt“ vor, das die bisherige Spaltung der Kräfte überwinden sollte, die sich für die Demokratie engagieren. Ohne kommunale Mittel stellt das Bündnis seitdem regelmäßig Projekte auf die Beine, ist am 10. Juni auch beim „Offenen Rathaus“ in Dresden dabei.

Das gute Gewissen der Stadt ist und bleibt ruhelos. Obwohl ihn seine Gegner immer wieder mit Verleumdungen und Drohungen stoppen wollen, geht Gerhard Ehninger seinen Weg unbeirrt weiter. „Pegida ist ja inzwischen zur Randnotiz geworden“, sagt er. Ein Trost sei das aber keineswegs, denn inzwischen gehe das Problem weit darüber hinaus. „Der Populismus ist salonfähig geworden und hat es schon bis ins Weiße Haus geschafft.“ Bei so vielen Aufgaben braucht es zu Hause eine Familie mit viel Verständnis. „Zum Glück engagieren sich meine Frau und meine Kinder auch stark“, sagt der Professor.

Übergeben wird der mit 10 000 Euro dotierte Erich-Kästner-Preis übrigens im Oktober auf Schloss Albrechtsberg. Ehningers Laudator wird dort Sebastian Krumbiegel von den Prinzen sein. Keine schlechte Wahl, haben sie doch beide die Weltoffenheit in ihrer DNA.