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Donnerstag, 29.03.2018

Das große Ohne

Alkohol, Zucker oder doch gleich Netflix? Fasten wird immer beliebter. Und was bringt’s? SZ-Mitarbeiter berichten aus ihrer Fastenzeit.

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Alkohol, Zucker oder doch gleich Netflix? Fasten wird immer beliebter. Und was bringt’s? SZ-Mitarbeiter berichten aus ihrer Fastenzeit.

Johanna Lemke | Foto: Ronald Bonß

„Wie hast du’s ...?“

Es ist ja sehr angesagt, in der Fastenzeit auf Genussmittel zu verzichten. Ich trinke aber eh kaum Alkohol und esse wenig Zucker, verzichten fällt mir nicht schwer. Also nehme ich mir das Motto der evangelischen Kirche vor, die eher zu einer verlängerten Achtsamkeitsübung anregt. Mir gefällt die Vorstellung vom Fasten als Zeit der Besinnung und Einkehr. Das Motto in diesem Jahr: „Zeig dich. Sieben Wochen ohne Kneifen“.

Wöchentlich gibt es Impulsmails. Und es geht knallhart los: „Gott zeigt sich“ findet die erste Mail. Als eher unzuverlässig praktizierende Christin steige ich innerlich aus und kehre erst nach zwei Wochen zurück. Der Impuls der dritten Mail: Zeig deine Liebe. Kann ich, denke ich, aber tue ich es auch? Also los, Kinder verwöhnen, meinem Mann sagen, wieso er toll ist, meiner Mutter schreiben, dass ich sie vermisse. Wieso mache ich das nicht öfter?

Dritte Woche: Steh zu deinen Fehlern. Mir fällt auf, wie viele Menschen nicht in der Lage sind, Kritik anzunehmen. Und ich? „Ja, das hätte ich anders machen können“, sage ich, anstatt ein Missgeschick kleinzureden. Fühlt sich gut an. Langsam komme ich in Fahrt. Unglaublich, wie sehr sich die meisten Menschen hinter Masken, Ausreden und Floskeln verstecken. Dass man damit die eigenen Gefühle einkapselt, gehört dazu. Sich zu zeigen bedeutet also vielleicht auch, mehr zu sich zu finden.

Am Ende geht es rund. „Zeig, wofür du stehst“, lese ich in der sechsten Woche. Erwischt. Mein Ehrenamt habe ich letztes Jahr niedergelegt. Es wird Zeit, dass ich mir etwas Neues suche, für das ich einstehe. Woche sieben macht es mir richtig schwer: „Zeig dich Gott“. Herrje. Tue ich das hier aus religiöser Überzeugung oder als egoistische Challenge? Ich fürchte, ich muss mir selbst die Gretchenfrage stellen und nicht wieder kneifen wie in der ersten Woche.

Fazit: Die gedankliche Fastenzeit bringt wichtige Erkenntnisse – wenn man denn dabeibleibt. Das Potenzial, sich zu drücken, ist groß. Und irgendwie fehlt dann doch die Vorfreude darauf, sich nach langem Verzicht am Ostersonntag wieder auf Schokolade und Eierlikör stürzen zu können.

Oliver Reinhard | Foto: Ronald Bonß

Wenn’s am Wanst zwickt

Was der Wind im Frauenmagazin-Blätterwald oft übertönt: Männer müssen ebenfalls ab einem bestimmten Alter registrieren, wie der Körper sich verändert, auch ohne dass man Sport macht oder sich exzessiv vollstopft. Ich zum Beispiel bin nach dem Fuffzichsten obenrum um einiges kräftiger geworden, die Brust hat sich sanft gewölbt, jeder Oberarm an Umfang zugelegt. Womit ich natürlich prima klarkomme. Indes hat sich auch weiter unten was dazugesellt, und das gefällt mir ebensowenig wie dem lieben Gott. Schließlich hat der mir meine sterbliche Hülle nicht geschenkt, auf dass ich sie verlottern lasse.

Damit die alten Hosen wieder passen und ich verantwortungsvoll mit der Gabe des Herrn umgehe, tu ich, was viele tun. Ich verzichte weitgehend auf Kohlenhydrate. Ist zwar langweilig, aber pöh, ich bin sowieso ein Langweiler. Andere versuchen es mit ohne Alkohol – aber das ist doch kein Leben! Dann lieber keine Nudeln, keine Kartoffeln, kein Reis, nichts Süßes. So startet mein Tag schon morgens herrlich britisch mit gekochten oder Rühreiern, Tomätchen oder Paprika, ab und an zusätzlich einer Bocki oder Lachs, aber immer mit Joghurt voller frisch geschnippelter Äpfel und Bananen sowie frisch gepresstem Orangensaft. Mittags lege ich Fleisch mit Gemüse nach oder umgekehrt, spätnachmittags noch einmal ein bisschen davon – und aus. Wer um 17 Uhr maximal mittelmäßig zulangt, braucht danach eh nix mehr.

Und kaum sind zwei Wochen vergangen, schon ist das Kneifen der Beinkleider am Bund verschwunden. Dafür flattert die einzige Hose, die ich mir dummerweise am Höhepunkt der Wanstigkeit zugelegt habe, nunmehr am Hintern rum wie ein Segel bei Flaute. Na ja, Strafe muss halt sein.

Food-Faschisten stöhnen jetzt bestimmt entsetzt auf, ächzen irgendwas von einseitiger Ernährung und prophezeien mir den Jo-Jo-Effekt. Aber ätsch: Ich habe gar nicht ganz aufgehört. Vielmehr lege ich seither jede Woche einen kohlehydratfreien Tag ein. Oder auch zwei. Weil diese Art Fasten richtig lecker ist und sich super anfühlt. So wie ich mich. Preiset den Herrn.

Von Dominique Bielmeier | Foto: Ronald Bonß

Nur Schoko kann trösten

Wie schwer kann etwas sein, das man schon einmal geschafft hat? Den ganzen Januar über habe ich fast vollständig auf Zucker in Lebensmitteln verzichtet. Wenn etwas laut Nährwerttabelle mehr als fünf Gramm Zucker auf 100 Gramm hatte, habe ich es im Regal liegen lassen. Das waren verdammt viele Lebensmittel, denn in praktisch jedes Produkt wird Industriezucker hineingemogelt, sogar in eingemachte Gurken. Für mich als Berufsnaschkatze war das eine besondere Herausforderung. Aber nach einem ganzen Monat Abstinenz musste ich doch endlich von der süßen Sucht geheilt sein – oder?

Anfang Februar fühle ich mich großartig. Ich bin schlanker, wacher und weniger gereizt. Dann kommt der Absturz: Der Praktikant hat Kuchen für alle mitgebracht. Aus „nur ein kleines Stück, bitte“ wird ein Monat des großen Naschrückfalls. Am Aschermittwoch packen mich Wut und Ehrgeiz. Zuckerfasten, jetzt aber so richtig!

Drei Tage schaffe ich, dann bin ich während eines ganztägigen Tanzworkshops, an dem ich teilnehme, so unterzuckert, dass ich sofort zwei Schokoriegel essen muss. Wer nicht nascht, muss ordentlich frühstücken, das habe ich nun verstanden. Bis Ende Februar klappt es mit dem Fasten trotzdem eher weniger gut. Dann eben ab März! Und zwar so richtig! Ich ziehe eisern durch, bis zu einem Streit mit einer Freundin, nach dem mich nur noch ein Stück Guinness-Schokokuchen trösten kann. Aber ein Ausrutscher darf mal sein.

99 Prozent Kakao hat die Schokolade, die ich für die schlimmen Momente kaufe, gerade mal ein Prozent Zucker sind das. Die Kollegen lehnen dankend ab, umso besser. Ich wähne mich auf der Zielgeraden, da entdecke ich eine australische Casting-Show für Dessert-Köche. Für Dessert-Köche! Stundenlang schaue ich zu, wie sie Macarons, Windbeutel und Pralinen zaubern, dann kaufe ich mir einen verstellbaren Tortenring. Dann eben ab April. Aber so richtig!

Von Larissa Niesen | Foto: Ronald Bonß

Musiktechnisch aufgeschmissen

Kein Netflix, kein Spotify. Eigentlich fand ich Filmdatenbanken und Online-Streamingdienste sowieso nie moralisch vertretbar; wenn das so weitergeht, verdient ja bald kein Künstler mehr was.

Gleich in der ersten Woche habe ich Glück, es läuft „Cloud Atlas“ im Ersten. Hab ich ewig nicht gesehen, passt mir prima. Noch schnell was kochen, damit ich mich gemütlich mit dem Nudelteller vor den Bildschirm setzen kann. Gerade so zeitlich abgepasst, perfekt! – Mist, Salz in der Küche vergessen. Egal, kurz anhalt… ach nee, geht ja nicht. Blöd.

Dauernd suche ich nach der Fernbedienung, weil ich etwas ändern will. Nur kurz die Szene auf Englisch. Nur kurz die Minute wiederholen. Eigentlich erschreckt es mich selbst, wie schnell ich mich auf die Netflix-Bequemlichkeit eingelassen habe und wie sehr ich dank Stopptaste mittlerweile dazu neige, einen Film zu zerhäckseln. Quasi aus Trotz schaue ich mir den gesamten Abspann an. Auf Netflix kommt da nämlich immer gleich Werbung für das Nächste. Jetzt weiß ich also, von wem die „Cloud Atlas“-Filmmusik ist. Nimm das, Netflix! Ohne den Internetdienst muss ich mir auf einmal richtig Zeit für einen Film nehmen, ich merke selbst, dass ich ihn dadurch ganz anders schätze.

Musiktechnisch bin ich ohne den Streamingdienst Spotify erst mal aufgeschmissen. Warum fällt mir erst jetzt auf, dass ich die Musik auf meinem Handy seit Jahren nicht erneuert habe? Hilft nix, ich hopse zu Taylor Swifts „Lovestory“ durch die Küche. Hab ich vermutlich vor Jahren per Bluetooth von einer Klassenkameradin geschickt bekommen.

Radio dagegen öffnet mir meine in der Hinsicht lange verschlossenen Augen. Das höre ich sonst nur im Auto. Ich fange sogar an, die Moderatoren zu kommentieren. Auf Spotify allerdings mag ich lieber nicht mehr komplett verzichten. Aber das Radio läuft jetzt regelmäßig. Und wenn es nur für ein wenig einseitigen Plausch mit dem Moderator ist.

Von Marcus Thielking | Foto: Ronald Bonß

Fünf Liter sind erlaubt

Das Problem ist, dass mein Geburtstag, Ende Februar, dieses Jahr mal wieder in die Fastenzeit gefallen ist, und was bekomme ich geschenkt? Einen Kasten Bier. Natürlich meine Lieblingsmarke aus der ostwestfälischen Heimat, würzig, herb, perfekt feinporige Schaumkrone, weiches Gebirgsquellwasser, schmeckt kellerkalt besonders gut zu … aber lassen wir das, ich darf ja nicht.

„Kannst du an deinem Geburtstag nicht mal eine Ausnahme machen?“, fragen Freunde, die es gut meinen mit mir. Immerhin bin ich katholisch, da kann man auch mal fünfe gerade und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Trotzdem schlage ich vorsichtshalber noch mal in den „Weisungen zur kirchlichen Bußpraxis“ nach. Dort heißt es, das Fasten bleibe „an allen Werktagen der Fastenzeit angeraten“. Werktage. Angeraten. Klingt nicht so, als käme ich umgehend in die Hölle, wenn ich an meinem Geburtstag eine Flasche aufmache. Also, wohl bekomm’s!

Während ich schon mal die ersten Schlucke aus der Pulle nehme, stoße ich im Internet noch auf einen interessanten Artikel über die Tradition des Fastenbiers, das die Mönche schon anno 1651 brauten. Laut päpstlicher Weisung fällt es unter die Regel „Liquida non frangunt ieunum – Flüssiges bricht das Fasten nicht.“ Den Mönchen war es in der Fastenzeit erlaubt, fünf Liter Bier zu trinken, und zwar pro Tag. Na denn: Wohlsein!

Wieso faste ich überhaupt Bier, frage ich mich und öffne die zweite Flasche, denn auf einem Bein kann man nicht stehen. Sind Samstage eigentlich auch Werktage? Und wenn ja, muss dann der Kasten an meinem Geburtstag leer getrunken werden? Fünf Liter, das sind 15 Flaschen, das müsste doch zu schaffen sein. Komm, die dritte Flasche ist schon angebrochen, du hast es fast geschafft. Heißt ja auch Fastenzeit, hihihi – hicks.

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