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Samstag, 10.02.2018

Das Demo-Geschehen in Dresden

„Dresden Nazifrei“ verschiebt seinen Mahngang Täterspuren und spaziert geschlossen zum Großen Garten. An dessen Rande demonstriert die städtische AG 13. Februar gegen den Marsch der Rechtsextremen.

Prominenter Unterstützer des Dresdner Gegenprotestes ist Schauspieler Peter Sodann.
Prominenter Unterstützer des Dresdner Gegenprotestes ist Schauspieler Peter Sodann.

© SZ

Dresden. Samstagnachmittag in Dresden. Hunderte Menschen waren auf den Beinen um ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen gegen rechts. Grund: Die sogenannten Freien Kräfte um Maik Müller, der mittlerweile für die NPD im Ortsbeirat Prohlis sitzt. Er und seine rund 500 Personen starke Gefolgschaft wollten vom S-Bahnhof Reick aus durch Dresden marschieren. Mit dabei, der Europaabgeordnete Udo Voigt. Die Route war nicht bekannt, aber berechenbar. Deswegen initiierten der Studentenrat, die Jusos sowie „DresdenNazifrei“ kleine Stördemos im Umfeld der Rechten. Und so kam es auch, dass Gegendemonstranten der Gruppe What vom Studentenrat die Kreuzung Winterberg- und Rennplatzstraße blockierten.

Impressionen vom Demo-Samstag

Wie die Polizei am Abend mitteilte, ließen sich dort rund 120 Gegendemonstranten nieder. Sie wurden von Polizeibeamten angesprochen, woraufhin ein Teil der Gruppe die Fahrbahn wieder selbständig verließ. An den Verbliebenen leiteten die Beamten den Demonstrationszug vorbei und notierten die Personalien von 34 der Sitzengebliebenen. Beim direkten Aufeinandertreffen von Blockierern und Rechten gab es keine Zwischenfälle. Die Polizei konnte beide Gruppen auseinanderhalten, wie im Video zu sehen ist.



Währenddessen versammelten sich am Wiener Platz mehrere hundert Teilnehmer. Hier hatte die Junge Alternative Dresden, die Jugendorganisation der AfD, einen Aufzug unter dem Motto „Offene Grenzen sind tödlich“ geplant. Mit dabei der AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier, AfD-Landeschef Jörg Urban und der AfD-Landtagsabgeordnete André Barth. Beim Demonstrationszug zur Frauenkirche über die Prager Straße skandierten Teilnehmer „Merkel muss weg“ und „Hilbert muss weg“. Gegen 17 Uhr war hier Ende. Auch für die Veranstaltung meldete die Polizei keine Vorkommnisse.

Die prominenteste Gegendemo meldete die AG 13. Februar an. Treffpunkt war die Karcherallee / Ecke Winterbergstraße am östlichen Ende des Großen Gartens. Der Standort lag auf der Route des Müllerschen Aufzugs. Prominenter Moderator der AG, die auch die jährliche Menschenkette organisiert, ist Oberbürgermeister Dirk Hilbert. Seinem Aufruf, sich dem friedlichen Gegenprotest anzuschließen, folgten bisher mehrere Hundert Demonstranten. Dazu gehören jetzt auch die Teilnehmer des Mahngang Täterspuren, den ebenfalls „Dresden Nazifrei“ veranstaltet. Hilbert selbst hatte angekündigt, bei der Gegendemo an der Karcherallee teilzunehmen, blieb der Veranstaltung allerdings fern.

Der Mahngang sollte über neun Stationen an mehrere Orte führen, an denen Nazis im Zweiten Weltkrieg in Dresden ihr Unwesen getrieben haben. Er wurde kurzerhand in eine Kundgebung umgewandelt. Am 8. Mai werde die Veranstaltung nachgeholt, teilten die Veranstalter mit. Mit den rund 400 Teilnehmer unterstützen sie am Samstag dann die Demo der AG 13. Februar. Gegen 17 Uhr begegneten sich der Rechten-Aufmarsch und die Gegendemonstraten an der Karcheralllee in Hör- und Sichtweite. Die einen pusteten aus vollen Lungen in ihre Trillerpfeifen, die anderen zündeten später zum Finale ihre Fackeln an. Ansonsten blieb es ruhig.



Gegen 17.30 Uhr fand an der Kreuzung Wiener Str. / Karcherallee die Abschlußkundgebung vom Maik Müller-Aufzug statt. Fackeln brannten NPD-Mann Udo Voigt sprach zu seinen Getreuen. Eine Stunde später war auch hier Schluss. Thomas Geithner, Pressesprecher der Polizei, vermeldete einen ruhigen Einsatztag, der durchweg friedlich ablief. Auch Polizeipräsident Horst Kretzschmar sprach in einer ersten Bilanz von einem ruhigen Demo-Tag: „Ein umfangreiches Versammlungsgeschehen prägte heute das Dresdner Stadtbild. Ich freue mich, dass dieser Tag friedlich und störungsfrei verlief und das umsichtige Handeln der Beamten daran einen Anteil hatte. Dafür bedanke ich mich bei den Kollegen.“ Rund 1 100 Beamte waren im Einsatz. Dabei wurde die sächsische Polizei von Kollegen aus Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern sowie der Bundespolizei unterstützt.


2011 war es in Dresden zu massiven Ausschreitungen gekommen, bei denen mehr als 100 Polizisten und bis zu 150 Demonstranten verletzt wurden. Die Polizei hatte im Vorfeld der neuerlichen Veranstaltungen Proteste in Hör- und Sichtweite zugesagt.

Dresden war am 13. Februar 1945 und in den Tagen danach von britischen und amerikanischen Bombern schwer zerstört worden. Bis zu 25 000 Menschen starben. Die Innenstadt versank in Schutt und Asche, nachdem ein durch Brandbomben verursachter Feuersturm wütete. Unter Historikern sind die Bombardements sehr umstritten. Dennoch wird von Fachleuten auch immer wieder darauf verwiesen, dass Dresden keine "unschuldige Stadt" war und beispielsweise einen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt darstellte

In den kommenden Tagen sind weitere Veranstaltungen geplant. Zum Jahrestag selbst bilden die Dresdner am kommenden Dienstag eine große Menschenkette, die auch an der Frauenkirche - einem Symbol der Versöhnung - vorbeigehen soll. Die im Krieg zerstörte Kirche war bis 2005 mit Spenden aus aller Welt wieder aufgebaut worden. Viel Geld stammte aus Großbritannien und den USA. Zum Zeitpunkt des ersten Angriffs läuten dann am späten Abend alle Kirchenglocken in Dresden. Die Frauenkirche lädt zu einer "Nacht der Stille". (szo mit dpa)