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Montag, 14.05.2018

Das 38-Sekunden-Drama

Der HC Elbflorenz verspielt im Sachsen-Derby gegen Aue einen Sieg in letzter Minute. Eine irrwitzige Story vor 2 581 Fans.

Von Alexander Hiller

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Dresdens bester Werfer, Julius Dierberg, knickt enttäuscht ein, während Aue einen Punkt bejubelt.
Dresdens bester Werfer, Julius Dierberg, knickt enttäuscht ein, während Aue einen Punkt bejubelt.

© Lutz Hentschel

  • Dresdens bester Werfer, Julius Dierberg, knickt enttäuscht ein, während Aue einen Punkt bejubelt.
    Dresdens bester Werfer, Julius Dierberg, knickt enttäuscht ein, während Aue einen Punkt bejubelt.
  • Dresdens Trainer Christian Pöhler begrüßte indes Neuzugang Marc Pechstein. Richtig glücklich wirken beide nicht.
    Dresdens Trainer Christian Pöhler begrüßte indes Neuzugang Marc Pechstein. Richtig glücklich wirken beide nicht.

Der HC Elbflorenz mag es gern kompakt. Die Geschichte des Sachsen-Derbys in der 2. Handball-Bundesliga zwischen dem HC Elbflorenz und dem EHV Aue lässt sich auf 38 Sekunden verdichten. Natürlich auf die letzten. Am späten Sonnabend trennen sich beide Teams am viertletzten Spieltag in der mit 2 581 Zuschauern ausverkauften Ballsport-Arena 23:23 (12:9).

Doch in Erinnerung bleiben wohl diese letzten irrwitzigen 38 Sekunden. Die lange überlegenen Gastgeber (11.) hatten zuvor die kampfstarken, aber spielerisch limitierten Gäste (15.) durch fortwährende Leichtfertigkeiten auf ein Tor herankommen lassen. Da dringt wieder ein verdecktes Anspiel zum Kreis durch. Norman Flödl schnappt sich den Ball, windet sich geschickt um seinen Gegner herum und überwindet mit links – sein Wurfarm ist der rechte – den Auer Schlussmann Radek Milek. 23:21 für Dresden – noch 38 Sekunden auf der Uhr. Aue stürmt sofort nach vorn, HCE-Regisseur Roman Becvar hält den Sturmlauf auf, kassiert eine Zwei-Minuten-Strafe. Noch 34 Sekunden. Hastig treibt Aue den Ball durch die Reihen, finden den freigespielten Kevin Roch, der netzt zum 23:22 ein. Noch 23 Sekunden.

„Es sieht megadumm aus“

Dresdens Torhüter Mario Huhnstock lässt sich ein bisschen Zeit, den Ball aus dem eigenen Netz zu befreien. Die sechs Auer Feldspieler gehen sofort beim Anwurf zur Manndeckung auf die in Unterzahl agierenden Dresdner los. Die Schiedsrichter Nils Blümel und Jörg Loppaschewski zeigen da schon Zeitspiel an. Kapitän Arseniy Buschmann entscheidet sich für einen Sololauf – durch zwei Kontrahenten. Der Lauf endet am linken Oberarm von Philipp Jungmann. Die Referees entscheiden auf Stürmerfoul. Noch sechs Sekunden. Aue schnappt sich das Leder, es landet per Doppelpass wieder beim völlig freien Jungmann, der lässt auch dem überragenden Huhnstock keine Chance. Die letzten zwei Sekunden gehen im überschäumenden Jubel der Gäste und der kollektiven Schockstarre der Hausherren unter.

„Wir müssen uns ganz klar vorwerfen lassen“, sagt Dresdens Trainer Christian Pöhler, „dass wir in der ersten Halbzeit nicht schon deutlicher geführt haben, die Chancen dazu waren da“. Denn gegen die offensive Deckung des Heim-Teams agierten die Auer meist hilf-, kopf- und ideenlos. Falls doch einmal ein Wurf den Weg zum Tor fand, stand Huhnstock dort meist goldrichtig. Zwölf Paraden sprechen für den 31-Jährigen.

„Es sieht megadumm aus“, beschreibt der Torhüter die Schlussphase. Auch Trainer Pöhler muss in der Schlussphase verzweifelt sein. „Das ist maximal bitter, wie die letzte Minute läuft. Wir kassieren zwei mehr als dämliche Tore. Haben uns um den verdienten Lohn gebracht“, erklärt der 37-Jährige, der mit seiner Mannschaft bereits in der Vorwoche den Klassenverbleib perfekt gemacht hatte. „Es fühlt sich wie ein verlorener Punkt an, einfach beschissen“, konstatierte er.

Möglich, dass der EHV, der trotz dieses glücklichen Zählers immer noch in akuter Abstiegsgefahr schwebt, in den entscheidenden Sekunden einfach eine Spur aufmerksamer, griffiger, giftiger war. „Jeder, der schon einmal sein großes Saisonziel erreicht hat, weiß, was da für ein Ballast von einem abfällt“, sagte Pöhler. Regisseur Becvar kritisiert genau das. „Solange wir mit Überzeugung gespielt haben, konnten wir Aue dominieren. Aber hey, wir sind weiter in der 2. Liga dabei. Wir hätten mit Selbstvertrauen auftreten können – wo war das?“, fragt sich der tschechische Nationalspieler. Sein Teamkollege Huhnstock analysiert das ähnlich: „Man hat Aue schon angemerkt, was das für ein unglaublich wichtiges Spiel ist, da sind alle 110 oder 120 Prozent gegangen, das haben wir vielleicht nicht geschafft“.

Aufmerksame HCE-Fans dürften sich gefragt haben, weshalb die Dresdner den Auer Marc Pechstein für die nächste Saison verpflichtet haben. Das Rückraum-Ass fiel nur mit zwei Lattentreffern, einem vergebenen Strafwurf und einer Zwei-Minuten-Strafe auf. „Er hat die ganze Woche nicht trainiert, plagt sich mit einer Verletzung an der Fußsohle. Er hat mir vor dem Anpfiff signalisiert, dass er dem Team helfen will. Und das hat er vor allem in der Abwehr mit einem unglaublichen Willen getan“, sagte Aues Trainer Stephan Swat.

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