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Dienstag, 13.03.2018

Damit die Mutter in der Nähe ist

Eine Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Wohnortnähe ist wichtig. Das erleichtert die Elternarbeit.

Von Sylvia Jentzsch

Nach der Geburt entsteht zwischen Mutter und Kind ein unsichtbares Band. Egal wie sich die Lebenswege entwickeln, es zerreißt nicht. Deshalb ist es besonders für Kinder, die in Heimen untergebracht sind wichtig, Kontakt mit ihrer Mutter oder anderen Angehörigen zu haben.
Nach der Geburt entsteht zwischen Mutter und Kind ein unsichtbares Band. Egal wie sich die Lebenswege entwickeln, es zerreißt nicht. Deshalb ist es besonders für Kinder, die in Heimen untergebracht sind wichtig, Kontakt mit ihrer Mutter oder anderen Angehörigen zu haben.

© Dietmar Thomas

Mittelsachsen. Im Landkreis gibt es 35 Heime in denen bis zu 256 Kinder und Jugendliche betreut werden können. Nur die Hälfte der Kinder aus dem Landkreis, die einen Heimplatz benötigen, kommen zurzeit in einer Einrichtung in der Region unter. Weil aber die Nähe zu den Müttern, Eltern und anderen Verwandten für den weiteren Entwicklungsweg der Kinder und die Zusammenarbeit mit den Heimen wichtig ist, will der Landkreis, dass künftig mehr Heimkinder wohnortnah untergebracht werden.

„Gleich nach der Geburt entsteht zwischen Kind und Mutter ein unsichtbares Band“, so die Leiterin des Kinder- und Jugendheimes „Waldhauses“ in Noschkowitz, Sibylle Gierschner. Sie spricht von einem natürlichen Instinkt. Egal was die Geschichte der beiden Menschen bringe, das Band bleibe, so Gierschner. Den Kindern sei das nicht immer bewusst. Doch spätestens in der Pubertät komme das „unsichtbare Band“ wieder zum Tragen. „Die Jugendlichen wollen wissen, wo ihre Wuzeln sind und das manchmal mit allen Mitteln, auch ungewöhnlichen“, so Sybille Gierschner. Es sei für die Kinder und Jugendlichen schwer, zu verstehen, warum sie nicht dort sind, wo sie hingehören. „Diese Problematik müssen wir als professionelle Helfer unbedingt im Blick haben“, sagte die Heilpädagogin und systemische Therapeutin. Es sei in manchen Fällen sehr schwierig für die Erzieher, zu merken, wie es den Kindern und Jugendlichen wirklich geht. Nach außen zeigen sie nicht, welche Probleme sie mit sich herumtragen.

„Wir können die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen in materieller und auch in seelischer Hinsicht erfüllen, wir können Aufgaben übernehmen, aber wir können die Mutter, die Eltern oder Großeltern nicht ersetzen“, sagte die Leiterin des „Waldhauses“. Deshalb sei einer ihrer ersten Sätze bei einer Neuaufnahme, dass die Eltern mit den Erziehern zusammenarbeiten müssen, wenn um das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen gehe.

Eine besondere Rolle habe immer die Mutter, so Gierschner. Trotzdem spielen die Beziehungen auch zum Vater, dem Geschwistern und Großeltern eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Kindes. „Und wenn diese auch im ersten Moment nicht da sind oder wir nicht wissen, wo sie sich aufhalten, setzen wir alles daran, dass sie gefunden werden. Dann holen wir sie ab, helfen ihnen, den Kontakt mit ihren Kindern aufzubauen. Das ist nicht einfach. Manchmal liegen mehrere Jahre zwischen dem letzten Zusammensein“, so Gierschner.

Die Eltern müssten auch lernen, wie wichtig sie für ihre Kinder sind, um Vergangenes aufzuarbeiten „Wir wollen, dass die Verbindung zwischen Mutter und Kind eine verlässliche ist. Dass Kinder nicht in ihrer Erwartungshaltung und Euphorie enttäuscht werden. Die Beziehung, die wie ein Pflänzchen wächst, muss für das Kind verlässlich sein. Vertrauen ist in diesem Fall ganz wichtig“, sagte die Leiterin des „Waldhauses“. Alle am Helferprozess Beteiligten müssten respektvoll miteinander umgehen. Die Eltern gehören, bis auf Ausnahmefälle, dazu und sind wichtig für den Hilfeprozess. Gierschner befürwortet in den meisten Fällen, eine Unterbringung der Kinder und Jugendlichen in Wohnortnähe, da sich dann die so wichtige und notwendige Elternarbeit besser gestalten lasse.

Das unterstützt auch das Landratsamt Mittelsachsen. Künftig sollen die Kinder und Jugendlichen aus dem Landkreis öfter als bisher in wohnortnahen Heimen oder Einrichtungen untergebracht werden. Das ist das Ziel des Kreisjugendamtes, das dafür mit den Trägern der freien Jugendhilfe ein Konzept erarbeitet hat.

„Wir haben im Landkreis ein vielfältiges Angebot an stationären Einrichtungen, dass von zahlreichen Trägern vorgehalten wird“, sagte die zuständige Planerin im Landratsamt, Sylvia Kempe zur Sitzung des Jugendhilfeausschusses. Das Ziel der Verwaltung sei, die Zahl der zu betreuenden Kinder- und Jugendlichen aus dem Landkreis in den hiesigen Einrichtungen zu erhöhen. Diese Quote liegt zurzeit bei rund 50 Prozent. Die Hälfte der Heimunterbringung erfolgt außerhalb des Landkreises, während Kinder und Jugendliche von anderen Städten und Landkreisen in Mittelsachsen untergebracht sind.

Die Ursache liegt in der Wirtschaftlichkeit. Die freien Träger müssen ihre Einrichtungen wie Wirtschaftsunternehmen führen. Die Kosten für unbelegte Plätze übernimmt niemand. Hinzu kommt, dass die Einrichtungen ihre Konzepte haben und nicht jedes Kind oder jeder Jugendlicher in diese Konzepte passt. „In manchen Fällen ist auch der Abstand vom Wohnort wichtig“, sagte die Noschkowitzer Heimleiterin Sibylle Gierschner. So würden Kinder aus den Großstädten die Ruhe in Noschkowitz genießen – zwar nicht sofort, aber im Laufe der Zeit.

Einige Ausschussmitglieder wollten wissen, warum sämtliche stationäre erzieherische Einrichtungen in den Händen von freien Trägern sind, und ob diese verpflichtet werden können, freie Plätze vorzuhalten. Doch das gehe nicht, so Amtsleiterin Heidi Richter. Selbst wenn das Landratsamt eine Einrichtung betreiben würde, müsste sie ebenfalls wirtschaftlich geführt werden. Um das Ziel, einen wohnortnahe Unterbringung der Kinder und Jugendlichen zu erreichen, soll der fachliche Austausch mit den Trägern weiterentwickelt, regelmäßige Belegungsinformationen ausgetauscht und in der Abteilung Jugend und Familie ein Fachcontrolling aufgebaut werden. In Mittelsachsen gibt es ausreichend Plätze für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in stationären Einrichtungen, also in Heimen oder betreuten Wohnangeboten. Das ergab eine Untersuchung der Abteilung Jugend und Familie des Landratsamtes gemeinsam mit den Trägern der freien Jugendhilfe.