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Mittwoch, 25.01.2017

Dach überm Gleis

Die Deutsche Bahn will ab 2020 die Görlitzer Bahnsteighalle sanieren – mit einer Lösung gegen die Taubenplage.

Für die Sanierung der Görlitzer Bahnsteighalle ist es noch nicht fünf vor zwölf – höchste Zeit dafür ist es aber doch. Die Planungen dafür laufen.
Für die Sanierung der Görlitzer Bahnsteighalle ist es noch nicht fünf vor zwölf – höchste Zeit dafür ist es aber doch. Die Planungen dafür laufen.

© nikolaischmidt.de

Der Bahnhof Görlitz wird zur Baustelle. Lange war das immer nur mit Fragezeichen im Gespräch, nun hat es Jörg Böhnisch, Sprecher der Deutschen Bahn AG, amtlich bestätigt: „Zu zwei Vorhaben wurde eine Machbarkeitsstudie erstellt. Jetzt ist die EU-Vergabe in Vorbereitung.“

Bei den beiden Vorhaben handelt es sich um den Umbau des Daches über den Bahnsteigen sowie den Einbau eines Aufzuges am Bahnsteig 9/10. Damit bekennt sich die Deutsche Bahn dazu, den Görlitzer Bahnhofsbau unabhängig von der repräsentativen Empfangshalle zu bewahren und zu modernisieren. Darüber hatte sich 2013 noch mancher etwas gewundert, der von solchen Visionen erfuhr. Denn dass damals die DB den Görlitzer Bahnhof nicht nur in die kleine Riege der von ihr als erhaltenswert genannten Bahnhöfe einordnete, sondern ihn sogar „von 2016 bis 2020 sanieren und modernisieren“ wollte, war in einer Zeit des allgemeinen Bahnhofsterbens schon eine durchaus erstaunliche Ambition – zumal die Deutsche Bahn selbst von und nach Görlitz derzeit gar keine Nahverkehrsstrecken mehr betreibt.

Prompt hieß es in allen Medien: „Bahn plant Millionen-Investitionen in Görlitz“. Da war die Bahn wohl selbst von der Dimension ihrer eigenen Aussage überrascht und ging auf vorsichtige Distanz. Auch 2015 hieß es auf Nachfrage: „Konkrete Angaben zum Bauvorhaben können wir noch nicht geben.“ Sachsens Bahnsprecherin Erika Poschke-Frost bestätigte zwar, dass „daran gearbeitet“ werde, von einem Baubeginn 2016 indes war keine Rede mehr.

100 Jahre Bahnsteighalle im Bahnhof Görlitz

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Dass der Görlitzer Bahnhof eine Bahnhofshalle besitzt, ist einem Stadtrat namens Hertzog zu verdanken. Zuerst sollte jeder Bahnsteig mit separaten Bahnsteigüberdachungen versehen werden. Hertzog vertrat gegenüber dem Ministerium die Meinung, dass unter den hiesigen Windverhältnissen schwache und betagtere Reisende von einer Windbö erfasst und auf die Gleise geschleudert werden könnten. Man einigte sich deshalb auf die Überdachung der südlichen vier Gleise.

So entstand anfangs nur eine zweischiffige Halle. Die Stadtverwaltung bewilligte aber einen Zuschuss von 60000 Mark, um sie um ein weiteres Schiff erweitern zu können.

Die Fertigstellung der Hallenkonstruktion war für 1914 geplant. Der Termin konnte jedoch wegen des Ersten Weltkrieges nicht eingehalten werden. Die südlichen zwei Hallen wurden 1916 fertiggestellt.

Da der Bahnsteig 3 stark von Militärzügen frequentiert wurde, konnte die komplette Halle erst 1917 übergeben werden.

Bald also geht es tatsächlich los, und es wird höchste Zeit. Schon lange hat auch Peter Mitsching von der Görlitzer Denkmalpflege die Sanierung für notwendig gehalten. Einige Metallteile seien verschlissen, hieß es vor allem, und auch das leidige, jahrzehntelang bekannte Taubenproblem auf den Bahnsteigen bedürfe einer Lösung. Bahnkunden fordern seit Jahren die Erneuerung aller Bahnsteige, einen barrierefreien Zugang von der Südstadt und den noch fehlenden Aufzug am mittleren Bahnsteig. An den Gleisen werden immer wieder Kritiken wegen zu großer Abstände zwischen Zügen und Bahnsteigkanten laut. Das ist kein Wunder, erfolgte doch die bisher letzte grundhafte Erneuerung der Platten auf den Bahnsteigen im Jahr 1985.

Die Stadtverwaltung Görlitz hatte nie Zweifel daran, dass der Bau starten wird. „Die DB hat 2013 eine Zusammenarbeit mit der Verwaltung, insbesondere mit der Unteren Denkmalschutzbehörde, verbindlich zugesichert“, bestätigte eine Stadtsprecherin. Es handele sich zudem um Investitionen in die Zukunft, denn bei einer Umgestaltung der Bahnsteige wäre die später mögliche Elektrifizierung der Dresdener Bahnstrecke mit zu berücksichtigen.

Soweit freilich geht die jetzt in Aussicht stehende Sanierung noch nicht. Jörg Böhnisch listet auf, was die europaweite Leistungsausschreibung umfasst: „Es geht um die Instandsetzung aller Stahlbauteile plus Korrosionsschutz oder Feuerverzinkung der Neubauteile, die Erneuerung der Fundamente, den Neubau einer Entwässerung sowie die Schaffung einer neuen Dacheindeckung inklusive Verglasung.“ Dazu soll das Taubenproblem gelöst werden, indem ultraleichte Kunststoffnetze eingebaut werden. Die Ausschreibung nennt das Bauwerk „eine dreischiffige Halle in teils offener, teils geschlossener Konstruktion, die die Bahnsteiggleise 7 bis 12 überspannt. Ausgeschrieben wird auch die erforderliche technische Ausrüstung, beispielsweise die Beleuchtung und der Blitzschutz. Als spätester Endtermin für die Planungen gilt der 31. Dezember 2018. „Der Baubeginn ist dann für 2020 vorgesehen, und die Bauzeit wird etwa zwei Jahre betragen“, ergänzt der Bahnsprecher. Unabhängig von der Hallensanierung werden demnächst zudem auch die Planungen für den noch zu bauenden Personenaufzug an den Bahnsteigen 9/10 separat vergeben.