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Donnerstag, 11.10.2018

Bomben werden unberechenbarer

Luftbilder von 1945 verraten, wo in Dresden Blindgänger liegen könnten. Heute danach zu graben, funktioniert aber nicht.

Von Sandro Rahrisch

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Gerade erst wurde wieder ein Blindgänger in Dresden gefunden. Was liegt da noch alles unter der Erde? Dieses zusammengesetzte Luftbild vom 19. April 1945 gibt Hinweise auf die Bombeneinschläge.
Gerade erst wurde wieder ein Blindgänger in Dresden gefunden. Was liegt da noch alles unter der Erde? Dieses zusammengesetzte Luftbild vom 19. April 1945 gibt Hinweise auf die Bombeneinschläge.

© Angermann Luftbildservice GmbH

  • Gerade erst wurde wieder ein Blindgänger in Dresden gefunden. Was liegt da noch alles unter der Erde? Dieses zusammengesetzte Luftbild vom 19. April 1945 gibt Hinweise auf die Bombeneinschläge.
    Gerade erst wurde wieder ein Blindgänger in Dresden gefunden. Was liegt da noch alles unter der Erde? Dieses zusammengesetzte Luftbild vom 19. April 1945 gibt Hinweise auf die Bombeneinschläge.
  • Am Messering im Ostragehege vermutet die Polizei einen Blindgänger. Das Bild vom April 1945 zeigt an dieser Stelle einen schwarzen Punkt.
    Am Messering im Ostragehege vermutet die Polizei einen Blindgänger. Das Bild vom April 1945 zeigt an dieser Stelle einen schwarzen Punkt.
  • Christian Angermann besitzt Luftfotos von 1945.
    Christian Angermann besitzt Luftfotos von 1945.

Die erste Angriffswelle dauert keine halbe Stunde. Insgesamt 900 Tonnen Sprengstoff warfen die britischen Lancaster-Bomber in der Nacht zum 14. Februar 1945 über Dresdens Innenstadt ab. Noch während die Überlebenden aus dem Stadtzentrum fliehen, dröhnt der Himmel abermals. Diesmal lassen die Piloten um die 1 500 Tonnen Spreng- und Brandbomben fallen. Nicht nur die Altstadt steht in Flammen. Es trifft auch Striesen, Strehlen, Gruna, Reick, Blasewitz, Loschwitz, Löbtau, die Südvorstadt, die Friedrichstadt und die Johannstadt. Viele Häuser brennen noch, als die Amerikaner am Tag darauf zu einer dritten Welle starten und noch einmal über 770 Tonnen Bomben abwerfen.

Die mit Kratern, Ruinen und Schützengräben übersäte Innenstadt hat Christian Angermann noch heute vor Augen. Er ist im Besitz von rund 60 Luftfotos, die im April 1945 – also zwei Monate nach dem Feuersturm – von den Alliierten aufgenommen wurden. Er hat sie hochauflösend gescannt und am Computer so aneinandergelegt, dass er das zerstörte Zentrum auf einem einzigen Bild überblicken kann. In der Fachsprache heißt das georeferenziert.

Eine Fläche von fünf mal fünf Kilometern sieht er auf seinem Bildschirm. Angermann erkennt auf den historischen Fotos auch jenen schwarzen Fleck zwischen Elbe und altem Schlachthof, von dem die Polizei nun vermutet, es könnte sich um einen Blindgänger handeln. Eine nicht explodierte Bombe, die seit über 70 Jahren zwei bis drei Meter tief in der Erde liegt. Versunken bei dem Aufprall auf den sandigen Boden.

Schwarze Punkte sind auf Angermanns Luftbild viele zu erkennen, im Großen Garten, im Ostragehege oder in einer Kleingartensiedlung an der Weißeritz. Wenn man nur nach dunklen Punkten auf den Aufnahmen suchen müsste, warum werden dann immer wieder eher zufällig scharfe Blindgänger entdeckt? Warum wird nicht überall dort nach Bomben gegraben?

Über die Fotografien verfügt auch der Kampfmittelbeseitigungsdienst. „Für uns sind die Aufnahmen ein wichtiger Bestandteil, wenn wir einen möglichen Bombenfund beurteilen sollen“, sagt Sprecher Jürgen Scherf. Ein Allheilmittel seien die Bilder jedoch nicht. Völlig uninteressant seien freilich die unzähligen Krater auf den Aufnahmen. Denn genau dort sind Bomben bereits detoniert. Die eigentliche Herausforderung sei es, die schwarzen Punkte zu finden und richtig zu deuten. „Man muss unterscheiden: Handelt es sich um den Eintrittspunkt einer Bombe, ein Wasserloch oder einen Bildfehler“, so Scherf.

Und das ist nicht die einzige Unsicherheit. Selbst wenn jeder Punkt ein Blindgänger wäre, so liegt er da heute möglicherweise nicht mehr oder er ist längst entschärft. „Noch während des Krieges ist die Stadt beräumt worden“, sagt Scherf. Trupps gingen durch Dresden, zogen die Zünder aus den Sprengkörpern, warfen sie in eine Grube und schütteten das Loch zu. Listen sind damals nicht geführt worden. Nicht zu vergessen seien die Blindgänger, die man nicht sieht, weil sie von zerstörten Häusern verschüttet wurden oder erst fielen, nachdem die Aufklärungsflugzeuge die Innenstadt fotografiert hatten. Die letzten Bomben gingen Ende April auf Dresden nieder. „Die Luftbilder sind für uns unverzichtbar, wenn wir einem Verdacht nachgehen wollen. Aber verlässliche Aussagen lassen sich ausschließlich aus diesem Material nicht ableiten.“ Großflächige Grabungen wären also kaum sinnvoll. Genauer untersucht wird erst, wenn ein Grundstückseigentümer das anfragt, weil er bauen will. Dann holen die Experten die Bilder hervor und rücken mit Metalldetektoren an.

Wie viele Blindgänger noch in der Erde liegen, weiß auch der Kampfmittelbeseitigungsdienst nicht genau. Es sei nicht einmal klar, ob die Flugzeug-Beladungslisten der Briten und Amerikaner, mit denen der Kampfmittelbeseitigungsdienst arbeitet, richtig sind. Selbst Experten streiten, wie hoch der Anteil der nicht detonierten Bomben ist. Von 10 bis 20 Prozent ist die Rede. Dass diese immer gefährlicher werden, könne man so allerdings nicht sagen. „Sie werden unberechenbarer“, so Scherf. Weil die Zünder rosten und sich die chemische Zusammensetzung des Sprengstoffs über die Jahrzehnte verändert habe. „Es kann sein, dass die Bomben gar nicht mehr explodieren. Es könnte aber auch sein, dass sie empfindlicher geworden sind.“

Für Christian Angermann sollten die bisher wenig verbreiteten Luftbilder noch einen anderen Nutzen haben. Die Aufnahmen, die erst zusammengesetzt die immense Zerstörung des historischen Dresdens zeigen, sollten als Kriegsmahnmal für die nachfolgenden Generationen verstanden werden, findet er. So etwas dürfe nicht nur den Entschärfern vorbehalten bleiben. Solche Fotos gehörten ins Museum. Außerdem wäre es an der Zeit, die Umweltschäden aufzuarbeiten, die entstanden, als Bomben auf Tanklager und Gasometer fielen auch in Dresden.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 30 Kommentare

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  1. bernoi

    Auch 70 Jahre nach Kriegsende werden heranwachsende Generationen an eine furchtbare Zeit erinnert. Meine Mutter musste als Kind in die Luftschutzbunker flüchten, sie ist noch mit ihrem Jahrgang 1941 lebende Zeitzeugin. Umso wütender bin ich darüber, dass es schon wieder Politiker gibt die im Bundestag und in den Landtagen sitzen, welche die Nazizeit verherrlichen und sämtliche Kriegs-Schuld die von deutschem Boden ausging vehement leugnen. Es ist erschreckend wie wieder Menschen von Jugendlichen bis Senioren Parteien wählen die nationalsozialistisches Gedankengut verherrlichen und Hass auf anders denkende , anders aussehende und sexuell anders orientierte Menschen ausüben. Mein Respekt gilt den Bombenentschärfern vom Kampfmittelbeseitigungsdienst und allen Helfern die vor allem kranke, behinderte und alte Menschen evakuieren und betreuen...

  2. nettosteuerzahler

    Die Anteil der Blindgänger bei Amerikanischen Angriffen von 10 bi 20 % das ist soweit Konsens. Bei den Britischen Angriffen kann die Quote jedoch von 20 bi 60 % schwanken. Grund hierfür sind fehlerhafte englische Zünder die in Amerikanischen Bomben Körpern eingesetzt wurden. In geringeren Maßen gilt das auch für russische Zünder in Deutschen Beute Bomben. Was jedoch meist auf Fehler/Irrtümer bei m Bestücken zurückzuführen war. Insbesondere bei deutschen Panzersprengbomben für elektrische Zünder die mit russischen reinen Mechanik Zündern ausgerüstet wurden.

  3. Realist

    @ Geroi - oder soll ich sagen @ Wirklichkeitsverdreher: Es sitzt niemand im Bundes- oder in Landtagen, der die Nazizeit und etwaige Kriegsschuld leugnet. Wobei die Kriegs"schuld" sicher in der ganzeuropäischen Situation damals zu suchen ist. Mich macht viel mehr wütend, daß wir seit Jahrzehnten Regierungsparteien haben, die weltweit sinnlose Kriege unterstützen und gar daran teilnehmen! Egal, ob CDU/CSU, SPD, FDP, GRÜNE, wer auch immer. Die alle haben schon Bundeswehreinsätze in sinnlosen Kriegen befohlen und werden es wohl leider in Syrien wieder tun! Die von Ihnen beschriebene AfD würde solche Kriegseinsätze mit Sicherheit NICHT befürworten! Danke und Gruß.

  4. Anmerker

    @bernoi Leider weißt ihr Kommentar eine einseitige Sichtweise auf, wenn sie den Bogen schon so weit spannen. Geschichte ist geschehen und man muss mit den Folgen leben. Bei der Mahnung vor Wiederholung sollte man aber auch auf unserer Befreier zeigen, die bereits jetzt schon oder immer noch Bomben abwerfen. Die Überreste dieser Waffen muss auch von jemanden beseitigt werden, selbst wenn die Orte nicht in Europa liegen.

  5. Exil-Sachse

    @1 [bernoi] Lieb(e)r bernoi, vielleicht sollten Sie sich über die körperlichen Gebrechen Kaiser Wilhelms beschweren, welcher aufgrund dieser einen Hang fürs militärische hatte und seine englischen Verwandten unbedingt mit Kriegsschiffen besuchen wollte. Vielleicht lag es ja auch an der mangelnden Empathie seiner englischen Verwandten. Aus meiner Sicht beruht der erste WK, Versailler Vertrag mit deutscher Kriegsschuld, die Zwischenkriegszeit mit wirtschaftlicher Depression sowie der nationale Sozialismus mit seinen Folgen für unser Land sehr auf dieser Ausgangssituation. Und irgendwie sind wir immer noch ein unter diesen Traumata leidendes Volk. Wir sollten die Vergangenheit überwinden und uns der Gestaltung der Zukunft zuwenden.

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