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Donnerstag, 14.06.2018

Bomben-Lager in der Heide

Die Dresdner Fliegerbombe wurde nach Zeithain gebracht – so wie jede Munition, die in Sachsen gefunden wird. Ein Besuch vor Ort.

Von Antje Steglich

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Sprengmeister Holger Klemig leitet die Kampfmittel-Zerlegeeinrichtung in Zeithain. Dort gibt es auch für die nächsten Jahre noch viel Arbeit, wie ein Blick in ein Lager voller scharfer Granaten zeigt. Fotos:
Sprengmeister Holger Klemig leitet die Kampfmittel-Zerlegeeinrichtung in Zeithain. Dort gibt es auch für die nächsten Jahre noch viel Arbeit, wie ein Blick in ein Lager voller scharfer Granaten zeigt. Fotos:

© Sebastian Schultz

  • Sprengmeister Holger Klemig leitet die Kampfmittel-Zerlegeeinrichtung in Zeithain. Dort gibt es auch für die nächsten Jahre noch viel Arbeit, wie ein Blick in ein Lager voller scharfer Granaten zeigt. Fotos:
    Sprengmeister Holger Klemig leitet die Kampfmittel-Zerlegeeinrichtung in Zeithain. Dort gibt es auch für die nächsten Jahre noch viel Arbeit, wie ein Blick in ein Lager voller scharfer Granaten zeigt. Fotos:
  • Die Reste der Fliegerbombe von Dresden-Löbtau, die nun öffentlich ausgestellt werden sollen.
    Die Reste der Fliegerbombe von Dresden-Löbtau, die nun öffentlich ausgestellt werden sollen.
  • Einer von 18Bunkern der Zerlegeeinrichtung Zeithain. Der Betrieb stand nur ausnahmsweise mal einen Tag still, um Sturmschäden zu beseitigen.
    Einer von 18 Bunkern der Zerlegeeinrichtung Zeithain. Der Betrieb stand nur ausnahmsweise mal einen Tag still, um Sturmschäden zu beseitigen.

Zeithain. Mehr als ein bisschen Metall ist nicht übrig geblieben von der 250-Kilo-Fliegerbombe, die Ende Mai Dresden in Atem gehalten hat. Die Form der Spitze ist noch zu erkennen, die Seiten aber sind total zerfetzt. „Die Bombe ist nicht so dickwandig, sie sollte vor allem eine hohe Sprengwirkung haben“, erklärt Sprengmeister Holger Klemig am Donnerstag in Zeithain. Dort befindet sich die Zerlegeinrichtung des sächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Und dort landet alles, was sachsenweit an Munition gefunden wird. Durchschnittlich 20 Tonnen Kampfmittel werden jeden Monat nach Zeithain gebracht – zu den letzten großen Funden gehört die englische Fliegerbombe aus Dresden-Löbtau.

Momentan liegt die noch recht unspektakulär auf einer Holzpalette in der Ecke des sogenannten Sägebunkers. Eine Gefahr geht von ihr nicht mehr aus, sagt Holger Klemig. Die Bombe vom Typ „MC 500 Pfund“ soll allerdings noch etwas gesäubert werden. Denn während die Munition normalerweise in Zeithain vernichtet wird und die ungefährlichen Reste letztlich beim Vertrags-Schrotthändler oder im Riesaer Stahlwerk landen, steht diesem besonderen Exemplar eine Zukunft als Ausstellungsobjekt bevor. „In den Schrott geht die bestimmt nicht. Wir haben schon mehrere Anfragen für Ausstellungen bekommen“, so Holger Klemig. Zuerst aber will der Kampfmittelbeseitigungsdienst selbst die Fliegerbombe öffentlich präsentieren: zum Dresdner Stadtfest vom 17. bis 19. August auf seinem Informationsstand unweit des Landtags. Denn zwar ist jede Bombe eine Herausforderung, doch diese – Nummer 219 – ist vielleicht sogar die schwierigste in seiner bisherigen Laufbahn gewesen, sagt Holger Klemig.

Seit 1994 arbeitet der 56-Jährige, ein Diplom-Ingenieur, für den Kampfmittelbeseitigungsdienst und leitet seit mehr als einem Jahr auch die Zerlegeinrichtung in Zeithain. Die wurde 2002 in einem Waldstück nahe Zeithain eingerichtet – auf dem Gelände der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Zeithain. Kurz Muna. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst nutzt insgesamt 18 der alten Einheitsbunker, in der die Wehrmacht einst Munition lagerte. Zehn sind auch jetzt wieder Lager, acht zum Arbeiten, zählt Holger Klemig auf. 20 Mitarbeiter sind dort insgesamt tätig. Vorwiegend Männer über 40. Erfahrung sei wichtig, Personenschäden gab es in der Einrichtung noch nie, sagt der Sprengmeister. Denn die Sicherheit habe immer höchste Priorität. Nicht das schnelle Abarbeiten der Lagerbestände.

Wie viele Kampfmittel sich in den Bunkern insgesamt angesammelt haben, will er zwar nicht verraten. Doch ausnahmsweise führt er eine Delegation Journalisten am Donnerstag in einen nochmals mit Tor und Zaun gesicherten Bereich innerhalb der Zerlegeinrichtung. Zwei Stahltüren muss er öffnen und weist gleich am Eingang darauf hin, dass auch nur von dort Fotos gemacht werden können. „Das ist scharfe Munition“, warnt der 56-Jährige. Es müssen Hunderte Sprenggranaten sein, die in dem weiß getünchten Raum nach Größe und Sprengkraft sortiert sind. In grauen Plastikkörben unter kaltem Neonlicht. Selbst die kleinsten tragen schätzungsweise noch mehr als zehn Kilogramm Sprengstoff in sich. Und obwohl sie für den Laien alle ähnlich aussehen, kann der Sprengmeister mit einem Blick deutsche, französische, tschechische, russische, englische und amerikanische Bauarten ausmachen. „Alle in Sachsen gefunden“, sagt er, ohne bei der Masse an Sprengkraft nervös zu werden. Allerdings brauche es noch Jahre, um allein diese Sprenggranaten zu vernichten.

Grundsätzlich geht die Munition von den Lagerbunkern direkt in die thermische Vernichtungsanlage, das Herzstück der Einrichtung. In drei verschiedenen Öfen kann die Munition unschädlich gemacht werden, erklärt Holger Klemig. Im Detonationsofen werden Granaten bei Temperaturen von bis zu 700 Grad zum Explodieren gebracht. Im Abbrandofen wird die größere Munition, wie zum Beispiel Bomben, die vorher im Sägebunker in kleine Scheiben zerlegt wird, bei mehr als tausend Grad verbrannt. Und ähnlich heiß wird es auch im Ausglühofen, den Holger Klemig als eine Art Riesen-Toaster beschreibt, in dem Gewehrkolben und Ähnliches zu einem unbrauchbaren Klumpen Metall verschmelzen.

Sollte die Munition aber beispielsweise zu gefährlich sein, um sie ofengerecht zu zersägen, gäbe es noch eine Notfallvariante: den Sprengbunker. Ein Raum ohne Fenster. In der Mitte ein riesengroßer Sandkasten, in dem der Krater von der letzten Sprengung vorige Woche noch sichtbar ist. Die Reste der 8,8-Zentimeter-Panzergranate liegen noch am Rand. Mit einer zusätzlichen Vernichtungsladung wurde die per Kabel und aus etwa 50 Meter Entfernung ferngezündet, erklärt der Sprengmeister. Und auch von hier gehen die Abgase – wie auch von der thermischen Vernichtung – in eine speziell entwickelte Rauchgasanlage. Die Einrichtung arbeite umweltgerecht, darauf legt der sächsische Kampfmittelbeseitigungsdienst viel Wert. Die Anlage ist in Deutschland einzigartig, sagt dessen Chef André Mauermeister. Neben der Zeithainer gebe es in der Bundesrepublik überhaupt nur noch zwei weitere Zerlegeinrichtungen.

Und die Zeithainer Einrichtung könne seit dieser Woche auf eine weitere Methode zur Vernichtung von Kampfmitteln zurückgreifen: Die Sanierung des Sprengplatzes im wenige Kilometer entfernten Jacobsthal wurde jetzt nach fünfjähriger Bauzeit beendet, teilte der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement mit. Die Sanierung kostete insgesamt rund 12,5 Millionen Euro. Voraussichtlich ab Herbst sollen dort die ersten Gefahren- oder Übungssprengungen stattfinden, kündigt Holger Klemig an. Bevor es die Zerlegeeinrichtung gab, wurden dort alle gefundenen Kampfmittel gesprengt.