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Montag, 13.08.2018

Bloß nicht blenden lassen

Von Michaela Widder

© robert michael

Die ausgeklügelte Dramaturgie des Erfolgs ist perfekt aufgegangen. An fast allen Abenden gab es im Berliner Olympiastadion mindestens einen Europameister in Schwarz-Rot-Gold zu feiern. Die deutschen Leichtathleten haben viel mehr Medaillen als erwartet gewonnen und damit auch den Heimvorteil mit der großartigen Stimmung genutzt.

Doch es wäre fatal, sich vom zweifellos guten und sehr erfreulichen Abschneiden blenden zu lassen, jetzt alles schön zu reden. Weltweit medaillenwürdig sind nur wenige Leistungen von Berlin. Dazu gehören die Speerwerfer mit Überraschungssiegerin Christin Hussong. Für sie und die Männer um Thomas Röhler und Johannes Vetter könnten die nächsten Olympischen Sommerspiele vermutlich schon morgen beginnen.

Wie es um die Leistungen der Läufer, Springer und Werfer steht, zeigt ein Blick auf die Weltrangliste. Unter den Top drei in diesem Jahr tauchen abgesehen von den Speerwerfern nur Kugelstoßerin Christina Schwanitz, Weitspringerin Malaika Mihambo und Zehnkämpfer Arthur Abele auf. Bei den Läufern – von Sprint bis Langstrecke – muss man in der Liste weit nach unten blicken, um eine deutsche Fahne zu entdecken.

Selbst Gina Lückenkemper, Europas zweitbeste Sprinterin, würde es vermutlich nicht in ein WM-Finale schaffen. Neun Frauen waren in diesem Jahr schneller. 23 Mal wurde eine bessere Zeit als ihre 10,98 Sekunden gestoppt. Trotzdem tut sie mit ihrer fröhlich-frechen Art der deutschen Leichtathletik gut, die nach dem Rücktritt von Robert Harting einen Nachfolger sucht. Wer ein Star auf der Sportbühne werden will, muss als erstes außergewöhnliche Leistungen bringen – und die dann wiederholen.

Olympiasieger Röhler ist ein geeigneter Kandidat. Der Thüringer geht immer wieder neue Wege, organisiert ein eigenes Meeting, leitet Workshops für Speerwerfer, entwickelt seinen Sport weiter. Und ist wieder erfolgreich. Röhler hat eine viel ruhigere Art als Harting. Aber auch seine leisen Worte haben Gewicht.

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