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Samstag, 15.09.2018

Bildung als Programm

Von Ralph Schermann

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Zum 90. Volkshochschul-Geburtstag 2008 zeigte Direktor Maik Gloge etwas, das früher so wichtig war wie heute ein Computer: die Sekretariats-Schreibmaschine.
Zum 90. Volkshochschul-Geburtstag 2008 zeigte Direktor Maik Gloge etwas, das früher so wichtig war wie heute ein Computer: die Sekretariats-Schreibmaschine.
  • Zum 90. Volkshochschul-Geburtstag 2008 zeigte Direktor Maik Gloge etwas, das früher so wichtig war wie heute ein Computer: die Sekretariats-Schreibmaschine.
    Zum 90. Volkshochschul-Geburtstag 2008 zeigte Direktor Maik Gloge etwas, das früher so wichtig war wie heute ein Computer: die Sekretariats-Schreibmaschine.
  • Die Festrede hielt 1918 der Berliner Professor Ernst Troeltsch. Traditionell gibt es jährlich gedruckte Kursangebote – auch heute noch.
    Die Festrede hielt 1918 der Berliner Professor Ernst Troeltsch. Traditionell gibt es jährlich gedruckte Kursangebote – auch heute noch.
  • Der Standort in der HO-Passage hielt sich dann aber über drei Jahrzehnte.
    Der Standort in der HO-Passage hielt sich dann aber über drei Jahrzehnte.
  • Einer der sehr oft wechselnden Sitze der VHS-Geschäftsstelle befand sich 1950 auf dem Marienplatz.
    Einer der sehr oft wechselnden Sitze der VHS-Geschäftsstelle befand sich 1950 auf dem Marienplatz.

Görlitz. Das hatte zur Eröffnung der Görlitzer Volkshochschule vor Hundert Jahren bestimmt keiner erwartet: Sprachkurse sind am meisten gefragt. Von den 2017 insgesamt durchgeführten 18 393 Unterrichtsstunden in 916 Kursen mit 9546 Teilnehmern entfielen rund die Hälfte allein auf das Sachgebiet Sprachen. Am Anfang dagegen notierte der Görlitzer Bürgermeister Konrad Maß: „Sprachlehrgänge sind am wenigsten begehrt, woran die unsichere politische Lage mit schuld sein mag.“

Gerade die politische Lage indes war es, die 1918 zur Geburtshelferin der Volkshochschulen wurde. Galten als Vorläufer noch die Berliner Humboldt-Akademie (1878) oder der Frankfurter Bund für Volksbildung (1890), erfolgten die meisten deutschen Gründungen nach dem Ersten Weltkrieg. In Görlitz formulierte bereits am 9. Juni 1918 ein 35-köpfiger Arbeitsausschuss mit Bürgermeister Konrad Maß an der Spitze als Ziel, „dem Volk für den Kriegseinsatz zu danken, das Bildungsstreben besonders der Frauen und der heranwachsenden Jugend zu befördern sowie die Schulbildung um die erweiterten Weltaufgaben zu ergänzen.“

In einer Beschlussvorlage an die Stadtverordnetenversammlung wurde nicht mit Hinweisen auf bereits bestehende Volkshochschulen in Bromberg oder Nürnberg gespart und versichert: „Bei den Hörern sind geistige Kräfte zu wecken, um deutsche Art und deutsches Wesen zu vertiefen, und alles soll frei sein von einseitiger politischer oder konfessioneller Tendenz.“

Die Stadtverordneten stimmten nicht nur zu, sondern bewilligten sofort eine Beihilfe von 3000 Mark. Im Gewerbehaus Demianiplatz 57 wurde ein erster Dienstsitz eingerichtet. Für 20 Pfennig gab es ab September den ersten Plan mit 47 Kurs- und Vortragsangeboten zu kaufen. Schon am 28. September 1918 fand in der Stadthalle die offizielle feierliche Eröffnung statt, und man war allgemein stolz darauf, unter den deutschlandweit ersten 18 solchen Einrichtungen zu sein. Für die Festrede wurde der Geheimrat, Religionsforscher und Philosophie-Professor Ernst Troeltsch aus Berlin gewonnen, was sich als Fehler erwies. Die „Görlitzer Volkszeitung“ kommentierte: „Seine Ausführungen werden für die meisten Anwesenden schwer verdaulich gewesen sein.“ Den Grund dafür las man im „Neuen Görlitzer Anzeiger“ als „zu hohe akademische Gedankenflüge“, während sich die „Görlitzer Nachrichten“ dezent in die Akustik flüchteten: „Leider war der Professor sehr schwer zu verstehen.“

Die Lehrprogramme indes waren das Gegenteil. Und so erfreute sich die neue Bildungseinrichtung schnell des Interesses der Görlitzer. Die Vorlesungen begannen am 30. September 1918 und damit bereits einige Wochen vor dem Kriegsende. Das erste Semester zählte 4155 Teilnehmer in 25 Kursen, Spitzenreiter war mit 692 Hörern die deutsche Literaturgeschichte. Und als es Ende 1919 in Deutschland bereits 135 Volkshochschulen gab, zählte Görlitz mit zu denen, die man um Rat fragte. Auch wenn die Hörergebühren mit 50 Pfennig je Stunde keinesfalls für einfache Arbeiter erschwinglich schienen, war die Nachfrage enorm. 1920 musste begonnen werden, einige Lehrgänge zu begrenzen, meist auf maximal 40 Teilnehmer. 1932 wurden erstmals an Erwerbslose Freikarten ausgegeben. In der NS-Zeit hieß die Einrichtung „Volksbildungsstätte Görlitz“. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Initiative der Stadt für eine neue VHS, die von der Besatzungsmacht allerdings nicht erwünscht war. Es gab ab Oktober 1945 zunächst zwar zwölf verschiedene Themen, ab 1946 aber durfte nur Russisch weitergeführt werden. Im Herbst 1946 gab es dann ein Übergangsprogramm, und im Februar 1947 öffnete die Görlitzer Volkshochschule entsprechend den Vorgaben der Besatzungsmacht dann als staatliche Einrichtung.

Unterrichtet wurde von Beginn an in verschiedenen Schulhäusern, auch in Außenstellen wie Ostritz oder Reichenbach. Die Geschäftsstelle wechselte häufig ihren Standort, ehe sie ab 1960 über drei Jahrzehnte mit einem Sitz in der HO-Passage (Straßburg-Passage) für die Görlitzer zum festen Begriff wurde. Die Schwerpunkte wechselten, es begannen Kurse zur Vorbereitung auf Hoch- und Fachschulstudien, in den 1950ern waren Steno und Maschineschreiben für viele ungelernte Frauen eine Art Einstieg in die Berufstätigkeit. Ab den 1960er Jahren begannen dann die Sprachausbildungen zu boomen.

Nach der politischen Wende 1990 wurde die bis dahin staatliche VHS kommunalisiert. Die Stadt stellte 1991 das Gebäude Langenstraße 23 zur Verfügung. Damit bekam die Volkshochschule Görlitz erstmals eigene Unterrichts- und Lehrmittelräume. Angeboten wurden übergangsweise auch Umschulungen. 1993 erhielt die VHS auch das Haus Hainwald 8 als Fachbereich Kunst und Kultur, und die Einrichtung besitzt heute 15 feste Mitarbeiter sowie knapp 200 neben- und freiberufliche Kursleiter.

Übrigens: Der Name täuscht. Natürlich sind Volkshochschulen gar keine Hochschulen. Dieser Begriff bezieht sich auf die Freiheit der Lehre, selbstständige Lehrplangestaltung und unabhängige Auswahl der Mitarbeiter. Einen gewissen politischen Hintergrund haben Volkshochschulen aber weiterhin. Als kommunale Weiterbildungszentren leisten sie nämlich einen Beitrag zur Verwirklichung des Rechts auf Bildung und Chancengerechtigkeit. Gut anzunehmen, dass das auch in den nächsten Hundert Jahren noch so sein wird.

Eine komplette mehrseitige Chronik ihrer Geschichte hat die Görlitzer Volkshochschule zusammengestellt und auch in den Semesterheften Frühjahr und Herbst 2018 sowie

im Internet veröffentlicht. Kontakt: VHS, Langenstraße 23, Telefon 03581 420980. www.vhs-goerlitz.de