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Freitag, 23.02.2018

Biete Dachdecker – suche Baukran

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Volle Auftragsbücher, aber keine Kapazitäten. Oder freie Spitzen, weil sich Arbeiten verzögern. Viele Handwerksbetriebe kennen solche Situationen. Auch die Dachdeckerfirma Anders in Hohenstein-Ernstthal hatte diese Probleme – und entwickelte deshalb das Portal DeinHandwerk.de, sozusagen als Hilfe zur Selbsthilfe. Die Idee hatte der 29-jährige Junior der Firma, Dachdeckermeister Mario Anders. Auf der Messe Haus in Dresden stellt seine Lebensgefährtin Anne Urbig (31), Geschäftsführerin der DeinHandwerk.de GmbH am Wochenende das deutschlandweit einmalige Angebot vor.

Frau Urbig, was genau verbirgt sich hinter DeinHandwerk.de?

Kurz gesagt ist es ein Marktplatz für Leistungen in der Baubranche. Wir bieten Kontakte zwischen Handwerkern, die sich mit Arbeiten gegenseitig unterstützen können, wenn sie Auftragsspitzen oder Lücken haben. Denn Schwankungen gibt es immer, entweder, weil sich Arbeiten verzögern, oder andererseits Termindruck herrscht. So hat uns vor einiger Zeit über das Portal ein Dachdecker aus Freiberg gefragt, ob wir ihn bei einem Auftrag unterstützen können, den er nicht allein in der vereinbarten Zeit schaffen konnte. Anderswo half ein Trockenbauer aus. Und so finden sich immer wieder unterschiedliche Gewerke. Gerade Ein- und Zwei-Mann-Betriebe haben so über das Portal auch gute Chancen, Aufträge zu bekommen. Aber nicht nur Leistungen, auch Baugeräte und Werkzeuge wie Hebebühnen oder Gerüste wechseln so auf Zeit die Firmen. Das spart Geld und lastet die oft sehr teuren Anschaffungen optimal aus, weil sie geteilt werden können. In einem Forum können zudem Dinge aus dem Handwerkeralltag diskutiert werden wie Regeln, Gesetze, richtige Baustoffauswahl. Positiver Nebeneffekt: Die Firmen einer Region lernen sich über das Portal besser kennen. Oft wissen sie nicht sehr viel voneinander.

Wie funktioniert der Austausch über das Portal genau?

Die Firmen lassen sich registrieren und können dann Suchanfragen oder Angebote einstellen – verbunden mit Preisvorstellungen, Stundenlohn, verfügbaren Zeiten und Kontaktadressen. Die eigentliche Vertragsabwicklung läuft zwischen den beiden Firmen, die sich über das Portal gefunden haben. Damit sie ihre Abschlüsse vereinfachen können, haben wir verschiedene Musterformulare bereitgestellt, die heruntergeladen werden können.

Wie ist die Finanzierung geregelt?

Derzeit können sich die nächsten 250 Firmen noch kostenlos im Portal anmelden und den Service für sechs Monate nutzen, um ihn zu testen. Im Anschluss ist ein Mitgliedsbeitrag von 29,90 Euro pro Monat vorgesehen. Die Finanzierung der Handwerkerleistungen regeln die Geschäftspartner untereinander.

Und wie ist die Resonanz auf das Portal?

Erstaunlich gut. Nachdem wir im Mai 2016 die Idee hatten, ging das Portal im September vergangenen Jahres in Betrieb. Hatten wir am Anfang noch 50 Firmen, sind es jetzt bereits 300, die registriert sind. Pro Tag haben wir 60 bis 80 Zugriffe.

Bringt das Portal auch dem privaten Bauherren Vorteile?

Konkrete Anfragen von privaten Bauherren sind nicht vorgesehen. Aber sie profitieren trotzdem – von einem reibungsloseren Ablauf des Auftrages. Ärger, der bei Terminverschiebungen oft programmiert ist, wird so vermieden. Fallen Handwerker aus, können mithilfe des Portals andere einspringen. Für Baufirmen ist es einfacher, flexibel zu reagieren.

Gibt es regionale Grenzen für die Registrierung auf der Plattform?

Nein, im Gegenteil, wir wollen das Angebot deutschlandweit ausdehnen. Momentan sind wir sachsenweit vernetzt. Aber viele Firmen haben Aufträge anderswo in Deutschland. Andererseits suchen Firmen aus anderen Regionen Gewerke.

Wollen Sie angesichts der großen Nachfrage das Angebot noch erweitern?

Ja, wir haben tatsächlich noch weitere konkrete Ideen. So planen wir über das Portal eine Jobbörse. Aber um uns von anderen abzuheben, wollen wir das nicht aus Arbeitgebersicht, sondern aus Sicht der Arbeitssuchenden anbieten. Das heißt, Bewerber sollen sich auf der Seite vorstellen können. Und das durchaus auch mit einem Selfie oder einem kleinen Film – einfach etwas peppiger als anderswo. Handwerksbetriebe können sich dann die für sie passenden Mitarbeiter aussuchen. Und damit jeder jederzeit auch vom Smartphone zugreifen kann, soll es noch eine App geben. Wann genau wir das so umsetzen können, dass es nutzbar ist, wissen wir aber noch nicht. Schließlich sind wir ja nach fünf Monaten weiter in der Startphase. Aber der Bedarf wächst weiter.

Das Interview führte Gabriele Fleischer.