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Mittwoch, 07.11.2018

Bahnfahren mit Risiko

Immer wieder stoßen Bahnen im Müglitztal mit umgekippten Bäumen zusammen. Ein Kahlschlag ist nicht gewollt. Der Forst rät zu einer anderen Lösung.

Von Maik Brückner

Schon öfter ist die Müglitztalbahn gegen umgefallene Bäume gefahren. Zuletzt kam es am 24. Oktober zwischen Altenberg und Geising zu so einer Kollision. Nach zwei Stunden Zwangsstopp konnte der leicht beschädigte Zug weiterfahren.
Schon öfter ist die Müglitztalbahn gegen umgefallene Bäume gefahren. Zuletzt kam es am 24. Oktober zwischen Altenberg und Geising zu so einer Kollision. Nach zwei Stunden Zwangsstopp konnte der leicht beschädigte Zug weiterfahren.

© Egbert Kamprath

Müglitztal. Torsten Sewerin hat Angst um seine Kunden und um seine Mitarbeiter. In den letzten vier Jahren sind Triebwagen der Städtebahn Sachsen 50-mal gegen Bäume gefahren. Diese waren auf eine der Bahntrassen rund um Dresden gekippt, die von der Städtebahn bedient werden. Die Folgen: Züge verspäteten sich oder fielen ganz aus. Kunden mussten auf Busse und Taxen umsteigen. Um weitere Kollisionen – so wie jüngst zwischen Geising und Altenberg – zu verhindern, sieht der Chef der Städtebahn nur einen Ausweg: Die Verantwortlichen der Deutschen Bahn-Tochter DB Netz AG müssen ihren Pflichten konsequenter nachkommen. Das heißt, rechts und links der Bahntrassen muss noch mehr gefällt werden, um das Risiko, dass ein Baum auf die Gleise fällt, zu minimieren. Passiere das nicht, „werden wir in weiteren zwei Jahren den hundertsten Zusammenstoß kundtun“, prophezeit Sewerin.

Klimawandel zwingt zum Umdenken


Rückendeckung bekommt die Städtebahn Sachsen vom Eisenbahnbundesamt. Diese Behörde hat die Eisenbahnaufsicht in Deutschland inne. Nach den Beschwerden der Städtebahn hat sich das Eisenbahnbundesamt die Strecken genauer angeschaut, auf denen das Unternehmen unterwegs ist. Vereinzelt habe man Stellen entdeckt, an denen ein Rückschnitt erforderlich ist. „Das Eisenbahnbundesamt hat die DB Netz AG aufgefordert, an den entsprechenden Stellen für Abhilfe zu sorgen“, sagt Behördensprecher Moritz Huckebrink. Offenbar ist das bereits geschehen. Denn bei der Deutschen Bahn AG sieht man derzeit zumindest auf der Müglitztalbahn-Trasse keinen Handlungsbedarf. Nach einer Inspektion Anfang des Jahres habe man kurz danach und im Sommer alle Bäume beseitigt, die zur Gefahr werden könnten, heißt es vonseiten der Bahn AG.

Der Baum, der jetzt bei Geising mitsamt seines Wurzeltellers umgestürzt war, sei absolut gesund gewesen, erklärt Jörg Bönisch, Sprecher der Deutschen Bahn AG. Zu diesem Schluss seien der Notfallmanager und die Mitarbeiter der Fahrbahn-Instandhaltung gekommen. „Es ist davon auszugehen, dass eine relativ dünne obere Bodenschicht durch den vorangegangenen Regen durchweicht wurde, während das darunter liegende Erdreich noch von der niederschlagsfreien Zeit ausgedörrt war“, so Böhnisch. Durch den starken Wind habe die flache Wurzel den Halt verloren. Das sei nicht vorhersehbar gewesen.

Ähnlich sieht man es beim Forstbezirk Bärenfels. „Ab einer gewissen Windgeschwindigkeit halten auch gesunde Bäume der Kraft der Sturmböen nicht stand und brechen oder stürzen mitsamt des Wurzeltellers“, sagt Sprecherin Kristina Funke. Am besagten Tag sei nicht nur an der Bahntrasse ein Baum umgefallen. Auch im sächsischen Staatswald sind wieder etliche Bäume abgekippt, so Funke.

Dem Wunsch der Städtebahn, noch mehr Bäume zu fällen, wird die DB Netz AG nicht nachkommen. „Eine vorsorgliche Beseitigung aller Bäume, die beim Umsturz das Gleis treffen könnten, ist aus rechtlichen Gründen nicht umsetzbar“, erklärt Böhnisch. Das sieht man auch beim Forstbezirk so. Einen totalen Kahlschlag von 50 Metern entlang der Bahnlinie bis Dohna könne niemand wollen, sagt Funke.

Erst mittel- und langfristig bahnt sich eine Lösung an. Denn bei der Deutschen Bahn hat man erkannt, dass sich etwas ändern muss. Denn nicht nur rund um Dresden bereiten Bäume entlang der Trassen Schwierigkeiten. Ähnliche Probleme gibt es auch im restlichen Bundesgebiet.

„Der Klimawandel mit zunehmenden Extremwetterlagen zwingt uns, die Vegetationspflege anzupassen“, sagt Böhnisch. Und das tue man auch. Ab sofort werden die Wälder auch über die bisher geltende Sechs-Meter-Rückschnittszone beidseitig der Gleise durchforstet. Bäume und weitere Pflanzen, die durch Standort, Zustand oder Form eine mögliche Störungsquelle darstellen könnten, werden beseitigt. Außerdem möchte die DB Netz AG die Waldränder sturmresistent umgestalten. Dabei sollen sturmanfällige Baumarten und -formen entfernt und stabile, standortgerechte Bäume und Sträucher unterstützt werden. Durch diese Maßnahmen sollen die Waldränder sturmsicherer werden.

Rat vom Sachsenforst


„Das ist ein Prozess, der sich nur langfristig und in Partnerschaft mit den Anliegern der Bahnstrecken umsetzen lässt“, sagt Böhnisch. Mit schnellen Ergebnissen sei nicht zu rechnen. Eine nachhaltige Wirkung entfalte sich erst nach einer gewissen Zeitspanne. Letztlich sei die DB bei allen Maßnahmen auch auf die Unterstützung und die Mitarbeit von Waldbesitzern, Behörden und Verbänden angewiesen.

Kurzfristig wird die Städtebahn Sachsen damit leben müssen, dass Bäume, die als gesund eingestuft worden sind, bei Stürmen auf die Gleise fallen. „Während und direkt nach Sturmereignissen muss die Städtebahn grundsätzlich mit Behinderungen durch umgestürzte Bäume auf der Strecke rechnen“, sagt Funke. Kristina Funke hat eine einfache Lösung: Die Triebwagen sollten ihre Geschwindigkeit entsprechend stark drosseln, rät sie.