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Donnerstag, 04.10.2018

Autos raus!

Wenn Aktivisten und Lobbyisten diskutieren, ist dem Publikum dreierlei sicher: Unterhaltung, Denkanstoß und ein bisschen Empörung.

Von Nadja Laske

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Ein Tag ohne Autos ist möglich – aber sinnlos?
Ein Tag ohne Autos ist möglich – aber sinnlos?

© Marco Klinger

Gefühlt fünf vor zwölf füllt sich der Saal. Tatsächlich ist es zehn vor sieben. An nerviger Parkplatzsuche kann es nicht liegen, dass der große rote Vortragsraum des Deutschen Hygienemuseums am Dienstagabend noch gähnend leer liegt. Platz für Pkw ist um diese Zeit an der Lingnerallee genug. Wenige Minuten noch, bis die Podiumsdiskussion „Wie geht die Stadt ohne Autos?“ beginnt. Bisher hat sich nur ein Dutzend Besucher eingefunden.

Später wird sich herausstellen: Wer mit Bus und Bahn anreist, kann sich in aller Regel auf pünktliche Ankunftszeiten verlassen. Auch Radfahrer schließen ihre Bügelschlösser auf den Punkt. Am wenigsten gern verlassen sich Autofahrer auf ein Kurz vor Knapp. Stau und Stellplätze gelten als schwer vorhersehbare Größe.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Zurück oder Zukunft? Wie wir in Dresden leben wollen“ hat die Landeshauptstadt zusammen mit dem Leibnitz-Institut und der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Austausch eingeladen. Als der Sozialwissenschaftler Davide Brocchi, Jens Katzek als Vertreter des Vereins Automotive Cluster Ostedeutschland (ACOD) und der Vorstand für Finanzen und Technik der Dresdner Verkehrsbetriebe, Andreas Hemmersbach, im Podium begrüßt werden, hat sich der Saal bis auf wenige freie Stühle gefüllt.

Fast ausschließlich junge Leute sind der Einladung gefolgt. Viele von ihnen parken ihre Satteltaschen zwischen den Beinen. Auf die Frage hin, wie viele der Gäste motorisiert erschienen sind, outet sich nur ein winziger Teil. Mit unzähligen Händen winken indes die Nutzer des Nahverkehrs und des Fahrrads. Entsprechend sicher kann sich Davide Brocchi des Applauses für seinen Vortrag sein. Darin geht es um seine Initiative „Tag des guten Lebens“, um Nachhaltigkeit in all ihren Auslegungen und um die Verbindung zwischen Wirtschaftswachstum und erklärtem Wohlstand. In Vorher-Nachher-Manier zeigt der Aktivist staugestresste und autofreie Straßen in seiner Heimatstadt Köln, wo er seit 2013 Aktionstage veranstaltet. Zuletzt haben die Anwohner des Viertels Ehrenfeld auf der Fläche von einem Quadratkilometer alle Autos entfernt. Rund 22000 Menschen leben in den 24 Straßen, in denen sie ein Bürgerfest feierten. „Da wo die Menschen zusammenkommen, braucht keiner ein Luxusauto, um sich von anderen abzuheben“, sagt Davide Brocchi und manifestiert damit seine Position: Autos gelten als Statussymbol – Reiche fahren sie, Arme leiden darunter. Autofreie Lebensräume und nachbarschaftlicher Umgang stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Autos verderben die Umwelt und das soziale Miteinander, sie gehören weitgehend abgeschafft.

„Wenn ich meine Nachbarn treffen will, gehe ich einfach hin“, kontert Jens Katzek. Der Biochemiker vernetzt als Geschäftsführer des ACOD, Automobilhersteller, Zulieferer, Forschungsinstitute, Verbände und Institutionen. Als Lobbyist stellt er die Freiheit auf selbstbestimmte Mobilität in den Vordergrund und bittet das Publikum um Handzeichen: „Wer von Ihnen hatte eine Anreise von bis zu zwei Kilometern? Bis fünf? Mehr?“ Das Gros der Gäste wohnt im Stadtgebiet, kann also gut ÖPNV und Rad nutzen.

Wer das nicht kann, sind Mitarbeiter von Firmenstandorten weit vor den Toren der Stadt. Das leiste der Nahverkehr nicht, räumt DVB-Vorstand Andreas Hemmersbach ein und stellt die Frage, weshalb die Allgemeinheit in solchen Fällen zur Pflicht gerufen werde, statt die entsprechenden Unternehmen selbst. Eine Revolutionierung des öffentlichen Nahverkehrs stellt er nicht in Aussicht: Bus kann Elektrobus werden, aber Bahn bleibt Bahn.

Welcher komplexen Veränderungen es bedarf, Städte und Städter ohne Autoverkehr funktionieren zu lassen, bekommt der Abend im Hygienemuseum nicht annähernd zu fassen. Doch er zeigt einmal mehr das Interesse der jüngeren Generation am ökologischen Wandel und – wenig überraschend – am alternativen Leben.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 61 Kommentare

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  1. Nachdenklich

    "Autos gelten als Statussymbol – Reiche fahren sie, Arme leiden darunter." Was für ein veralteter Schwachsinn ist das denn bitte? Die Zeiten vom Bonzen-Benz sind ja nun wahrlich vorbei. Jeder normaldenkende Mensch weis, dass rein theoretisch jeder fast jedes Auto fahren kann wenn er will. Nicht besitzen und nicht kaufen, aber fahren. Und zum Thema "Interesse der jüngeren Generation am ökologischen Wandel" kann man nur mal empfehlen, die Umfragen im Speckgürtel der Städte durchzuführen. Dort wo junge Leute zu hunderten ihre Häuser bauen...dort wo aber keine DVB zu sehen ist! Dresden Auto frei....kann man machen, muss man aber nicht.

  2. Flughund

    Schade, dass der Autor mit dem vorletzten Wort seinen bis dahin guten Artikel entwertet. "Alternativ" hat eine negative Konnotation in einer automobil dominierten Welt. Auch ich fahre Fahrrad, aus mehreren Gründen: Ich bin im Berufsverkehr schneller (und Ja!, ich warte an roten Ampeln) und spare mir das Fitnessstudio. Alternativ bin ich deswegen noch lange nicht. Die meisten, die ich kenne, ebensowenig.

  3. XXX

    Völlig autofrei wird eine Stadt nicht zu bekommen sein. MIV wird es immer geben, nicht alle Transporte sind zu Fuß, per Rad oder ÖV zuu bewältigen. Aber dafür gibt es z.B. carsharing-Angebote. Es muß also nicht jeder Haushalt über ein Auto verfügen. Desweiteren bin ich der Meinung, daß der größte Teil des Berufspendlerverkehrs per ÖV bewältigt werden kann, bzw. könnte, wenn auch rund um DD das ÖV-Angebot ausgebaut werden würde. Halb so hohe Fahrpreise wären für deren Nutzung ein weiterer Anreiz. Auch benötigen wir keine Einkaufszentren an den Stadträndern, siehe z.B. die Dresdner Neustadt und Pieschen mit ihren vielen Angeboten für die tägliche Versorgung (und darüber hinaus) in fußläufiger Entfernung. Hier ist für die Eigenversorgung niemand auf ein Auto angewiesen. @1: Wer ins umland zieht, muß auch einige Nachteile in Kauf nehmen, oder er kümmert sich darum, daß diese beseitigt werden. Einerseits mit dem Auto durch DD fahre, aber nicht an einer stark befahrenen Straße wohnen wollen?

  4. Mickeymouse

    Ganz dickes Brett. Mächtiger Gegenspieler - die deutsche Blechkistenlobby. Wenn man hier etwas erreichen will, bedarf es Einsichten in der Bevölkerung und politischem Willen. Vorbild kann der Umgang mit der Zigarettenindustrie sein. Z.B. Werbeverbot für PKW, Schockbild-Aufkleber: Autofahren tötet, Autoverbotszonen oder zumindest Einschränkungen im Innenstadtbereich, überall wo ÖPNV geht. Geld für Aufklärung, Bildung, Argumentation für ÖPNV und gegen Verbrennungsmotoren, sowie jegliche Verbesserung von alternativen Verkehrsangeboten. Nicht zuletzt: Glaube an die Vernunft und Lernfähigkeit des Homo Sapiens automobilicus.

  5. knut knebel

    Wer nichts ändern will, macht immer neue Quatschrunden. Auch hier waren wieder jene Zuhörer, die es gar nicht betrifft. Hoffnung auf künftigen Generationswechsel wird Illusion bleiben - wie schon immer. Dabei ist die Sache ganz einfach über die Preisschraube zu regulieren. Und ich empfehle dringend, auch wenigstens den minimalen gesellschaftlichen Grundkonsens des Verursacherprinzips wieder real umzusetzen, denn bisher ist es ja die blanke Verantwortungslosigkeit im Umgang mit den Lebensgrundlagen. Egozentrismus und Blödheit gelten. Dem ist mal wieder ein Dämpfer zu verleihen. Jene sich richtig Verhaltenden dürfen nicht länger die (pardon) Gearschten sein und u.a. fremder Abgase einatmen. Die aktuellen Spritpreise gehen in die richtige Richtung, diese Art von Welt stranguliert sich selbst, auch im Stau. Ich empfehle dringend weiter die "Schlauchlösung" als Verursacherprinzip, PKW-Auspuff im Fahrgastraum. Warum sollen immer nur die Guten "begast" werden. Prinzip Verantwortung eben. Amen

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