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Montag, 11.06.2018

Auszug aus Londongrad

In London wird das Klima für russische Oligarchen inzwischen rauer. Weil jetzt Probleme mit dem Visum drohen, ziehen sie sich wieder zurück.

Von Jochen Wittmann

Teures Pflaster: An der Bishops Avenue in London stehen Anwesen wie diese. In solchen Gegenden haben auch superreiche Russen Immobilien gekauft.
Teures Pflaster: An der Bishops Avenue in London stehen Anwesen wie diese. In solchen Gegenden haben auch superreiche Russen Immobilien gekauft.

© action press

Früher liefen die Geschäfte besser für Gary Hersham. Der Londoner Immobilienmakler bekam jede Woche Dutzende Anrufe reicher Russen, die sich für Wohnraum in der höchsten Preisklasse interessierten. Jetzt bekommt Hersham zwar auch noch Anrufe, aber es sind zumeist Russen, die ihre Immobilien wieder verkaufen wollen. Entweder, weil sie das Geld brauchen, so Hersham, „oder weil sie das Land verlassen wollen“, bevor die britischen Behörden allzu lästige Fragen nach der Herkunft ihrer Finanzen stellen.

Es sieht so aus, als ob ein Exodus der Oligarchen beginnt. „Londongrad“ könnte bald Geschichte sein. Hersham sieht es gelassen. Sein Unternehmen „Beauchamps Estates“ hat jetzt entschieden, dem Geld zu folgen und Dependancen in Südfrankreich, New York und Israel zu eröffnen.

Die britische Hauptstadt hatte den Spitznamen Londongrad erhalten, nachdem sich zwischen 2001 und 2016 nach einer Schätzung der nationalen Statistikbehörde die Zahl der in Großbritannien ansässigen Russen mehr als vervierfachte und London zum bevorzugten Wohnort von reichen und superreichen Russen wurde. Das Königreich nahm die Oligarchen mit offenen Armen auf. Zwischen 2007 und 2015 kauften sich 3 396 begüterte Russen ein sogenanntes Tier-1-Visum: Investierten sie mindestens eine Million Pfund in Großbritannien, bekamen sie ein befristetes Aufenthaltsrecht. Auch steuerlich kam man den Neuankömmlingen entgegen: Ausländische Investoren, die in Großbritannien wohnen, können sich als sogenannte „Non-Doms“ registrieren lassen. Dann zahlen sie lediglich eine jährliche Summe von 30 000 Pfund und müssen weder Einkommens- noch Kapitalertragssteuer für ihre Vermögen zahlen, die sich außerhalb des Königreichs befinden. Bis vor Kurzem wollte keiner Fragen stellen, wie die Oligarchen eigentlich an ihr Geld gekommen waren.

Der bekannteste unter ihnen ist Roman Abramowitsch. Der ehemalige Gouverneur der Provinz Tschukotka kaufte den Fußballklub Chelsea – eine Kleinigkeit für den Multimilliardär. Abramowitsch war so etwas wie das Aushängeschild der russischen Oligarchen in London. Umso spektakulärer war dann die Nachricht, dass die britische Regierung dem Investor nicht mehr das Visum verlängern wollte. Was wie ein „Exempel statuieren“ aussehen sollte, wurde auch so verstanden, meint Gary Hersham: „Die Leute fragen sich doch: Wenn sie das mit ihm machen können, was können sie dann mit mir machen?“ Für Hersham ist es kein Wunder, dass viele seiner Kunden jetzt verkaufen wollen.

Oligarchen wie Roman Abramowitsch sind nicht mehr so sehr daran interessiert, in das Königreich einzureisen, auch wenn er wegen seines Visum-Problems das englische Pokalfinale verpasste, das Chelsea gewann. Der Milliardär hat sich mittlerweile die israelische Staatsbürgerschaft besorgt, die ihm als Sohn jüdischer Eltern aufgrund des „Gesetzes der Rückkehr“ zusteht. Wenn er wieder nach London in sein sündhaft teures Stadthaus zurückkehren will, wird er keine Einreiseprobleme haben – mit einem israelischen Pass bekommt er ohne Probleme ein Touristenvisum.

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