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Montag, 29.01.2018

Aussetzer im Schneckenrennen

Von Daniel Klein, Leipzig

Der Gruß kam an. Marcel Halstenberg, der bei RB die 23 trägt und sich ein Kreuzband riss, dankte vom Krankenbett aus für die Geste seiner Mitspieler nach dem 1:0.
              Foto: Jan Woitas
Der Gruß kam an. Marcel Halstenberg, der bei RB die 23 trägt und sich ein Kreuzband riss, dankte vom Krankenbett aus für die Geste seiner Mitspieler nach dem 1:0. Foto: Jan Woitas

© dpa

Ungefähr 20 Zentimeter waren es. Die genügten, um die Laune von Ralph Hasenhüttl gründlich zu verderben. Die hauchdünne Abseitsstellung des Hamburgers Filip Kostic vor dessen Ausgleichstreffer zum 1:1-Endstand nahm Leipzigs Trainer zum Anlass für eine Nachhilfe in Sachen Regelkunde: „Ob knapp oder klar ist nicht entscheidend“, erklärte der Österreicher. „Das Tor war abseits, und das macht die Sache schwer verständlich.“

In Zeiten vor den technischen Helferlein wäre die Szene sicher kein Aufreger gewesen, weil dies in Echtzeit kein menschliches Auge und damit auch kein Linienrichter erkennen kann. Doch nun gibt es ja den Videoassistenten – der schritt aber nicht ein. „Warum auch immer“, monierte Kapitän Willi Orban. Die Frage ist durchaus berechtigt. Die Videoanalysten von RB, die jedes Spiel von der Tribüne aus aufzeichnen, waren sich jedenfalls sofort und absolut sicher. Warum hat das dann der Assistent im Kölner Studio vor seinen Großbildschirmen in Zeitlupe nicht gesehen?

Die Diskussion über das Abseitstor lenkte wunderbar vom eigentlichen Problem ab: Die Rasenballer haben von den vergangenen acht Spielen nur eins gewinnen können. Die Serie sei „ausbaufähig“, meinte Hasenhüttl. Es sind aber nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Art und Weise, die den Beteiligten Sorgen macht. „Uns ist nicht mehr so viel eingefallen, wir hatten nicht mehr die Durchschlagskraft“, formulierte Lukas Klostermann vorsichtig. Orban wurde schon deutlicher. Man müsse wieder mehr investieren, mehr Laufwege in die Tiefe machen, mehr Räume schaffen für die Mitspieler. „Uns ist die Leichtigkeit abhanden gekommen.“

Das ist gut beobachtet. Die Gegner stellen sich immer besser aufs Leipziger System ein, in dem sie fast gänzlich auf eigene Angriffe durch die Mitte verzichten. Es ist die Region, in der RB bevorzugt mit aggressivem Pressing Bälle erobert, um dann blitzartig zu kontern. Der neue Hamburger Trainer Bernd Hollerbach hatte Pässe auf die Außenspieler angeordnet. Dort ist der Zugriff weitaus schwieriger.

Hinzu kommen die einfachen Fehler in der Defensive. Zuletzt hatte der Vizemeister immer wieder Gegentreffer nach Standards kassiert und so vor einer Woche in Freiburg den Sieg verschenkt. Das war diesmal nicht das Problem, dafür stürzten zwei Verteidiger auf den Passgeber Bobby Wood, Torschütze Kostic hatte freie Bahn.

Durch diese Nachlässigkeiten ist RB gezwungen, in jedem Spiel mehrfach zu treffen – was auch nicht mehr gelingt. Dabei lief zunächst alles nach Plan. Der 1,73 Meter kleine Bruma köpfte die frühe Führung, die Mannschaft jubelte mit einem Trikot von Marcel Halstenberg und grüßte so den kreuzbandgeschädigten Nationalspieler. Wenige Minuten später hätte Jean-Kevin Augustin erhöhen müssen, doch er verzog knapp, wieder entschieden Zentimeter. „Wir verpassen, das 2:0 nachzulegen, dann hätten wir auch Ruhe in unser Spiel bekommen“, erklärte Kevin Kampl. „Das fehlt uns, aber ich bin mir sicher, dass wir das noch lernen. Wir müssen jetzt Ruhe bewahren und uns nicht abbringen lassen vom Weg.“

Doch eine Besserung sollte schnell eintreten, sonst verliert Leipzig beim Schneckenrennen um die drei noch zu vergebenen Champions-League-Plätze allmählich den Anschluss. Hasenhüttl diagnostizierte bei seinen Mannen ein angekratztes Selbvertrauen. Die Serie schüttele man „nicht so einfach aus den Kleidern“. Helfen könnten Kreativkräfte. Emil Forsberg fehlt seit Anfang Dezember wegen einer Bauchmuskelzerrung, Naby Keita durfte nach auskurierter Grippe erst nach einer Stunde auf den Platz, blieb unter seinen Möglichkeiten. Ohne dieses Duo in Bestform läuft es nicht mehr rund, sondern holprig.

Am Tag nach dem frustrierenden Unentschieden forderte der Trainer Verstärkungen in der am Mittwoch zu Ende gehenden Transferperiode – nicht nur für Halstenberg, sondern auch für Forsberg.

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