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Donnerstag, 21.10.2004 Irak

Ausländische Helfer wollen nicht aufgeben

Das Schicksal der entführten Care-Direktorin im Irak, Margaret Hassan, war gestern ungewiss. Gefährdet ist auch die Arbeit anderer Hilfsorganisationen.

Von unserer KorrespondentinBirgit Cerha

„Ich werde nicht weggehen, weil ich glaube, es ist wichtig für meinen Mitarbeiterstab, dass ich bei ihnen bleibe.“ 30 Jahre lang hatte sich die in Dublin geborene und mit einem Iraker verheiratete Margaret Hassan für die Nöte der Iraker eingesetzt und offen gegen die Sanktionen protestiert. Als Direktorin von Care International leitete sie Ernährungs-, Gesundheits- und Wasserprogramme. „Sie ist eine Heldin“, sagt einer ihrer irakischen Mitarbeiter. „Und nun wurde sie zur Geisel.“

Die Entführung von Margaret Hassan hat den noch im Irak tätigen Nichtregierungsorganisationen (NGO) erneut einen schweren Schlag versetzt, nachdem erst vor wenigen Wochen zwei italienische Mitarbeiterinnen einer Hilfsorganisation aus wochenlanger Geiselhaft freigelassen worden waren. Während Care seine Arbeit im Irak nun vorerst einstellte, sind immer noch etwa 50 Hilfsorganisationen im Zweistromland tätig. Die meisten haben ihr ausländisches Personal nach Jordanien abgezogen und stützen sich auf irakische Helfer.

Nach der Bombardierung seines Bagdader Büros vor einem Jahr hatte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sein Arbeitszentrum nach Jordanien verlegt und beschäftigt heute 400 irakische Mitarbeiter. „Wir setzen unsere Arbeit fort, wir haben nur unsere Methoden geändert“, erläutert eine IKRK-Sprecherin.

Der Terror gegen Hilfsorganisationen trifft die Iraker in einer zunehmend verzweifelten humanitären Situation. Um die schwere Krise, insbesondere im Gesundheitssektor in den Griff zu bekommen, bedürfe es dringend verstärkter koordinierter Hilfe von außen, stellt Iraks Gesundheitsminister Aladin Alwan fest. Jahrzehntelange Vernachlässigung, Sanktionen und zwei Kriege haben Iraks Gesundheitssystem fast vollständig zerstört. Der jüngste Konflikt hat die Situation noch verschärft. Das Gesundheitsministerium in Bagdad veröffentlichte vor wenigen Tagen die erste detaillierte Studie über die Krise im Gesundheitssektor, die das Leben von einer wachsenden Zahl von Irakern bedroht. Tödliche Infektionen wie Typhus und Tuberkulose haben in allen Landesteilen stark zugenommen. Was Mediziner alarmiert, sind Fälle der äußerst gefährlichen Hepatitis-E, die in Bagdader Elendsvierteln ausgebrochen ist. Kliniken im ganzen Land müssen unzählige Kinder mit teils gefährlichen Durchfallerkrankungen behandeln.

Auch die Armut hat sich rasant ausgebreitet. Nach Schätzungen mussten im Vorjahr 27 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei Euro am Tag auskommen. Jeder vierte Iraker ist abhängig von Nahrungsmittelrationen – insgesamt 6,5 Millionen Menschen. Uno-Studien zufolge weist jedes vierte Kind unter fünf Jahren Symptome chronischer Mangelernährung auf.