erweiterte Suche
Freitag, 09.11.2018

„Auf Kinder bin ich neidisch“

Die Regisseurin Mina Salehpour will die Dresdner zum Reden bringen – im Theater und am Bäckertresen.

Von Johanna Lemke

„Das Gefühl, wenn man bei Pegida vorbeigeht, das vergisst man nicht“, sagt Regisseurin Mina Salehpour.
„Das Gefühl, wenn man bei Pegida vorbeigeht, das vergisst man nicht“, sagt Regisseurin Mina Salehpour.

© Ronald Bonß

Geboren in Teheran, als Kind nach Deutschland geflohen, ausgewiesen, beim zweiten Versuch Asyl bekommen, schließlich erfolgreich integriert: das sind alles Stempel, die einen Menschen nur unzureichend beschreiben. Früher hätte Mina Salehpour genervt versucht, sie abzustreifen. Inzwischen kommt sie gut damit klar. „So wie die Zeiten sind, nehme ich das Migranten-Label gern – meinetwegen so groß wie möglich“, sagt sie und fügt hinzu: „Vor allem hier in Dresden.“

Mina Salehpour lebt normalerweise in Hannover, aber sie ist Hausregisseurin am Staatsschauspiel Dresden. Sie hat also zugesagt, zweimal im Jahr mehrere Wochen in der Elbestadt zu arbeiten. Als sie das entschied, vor fast zwei Jahren, gab es Pegida schon, doch ihr war nicht klar, was das wirklich bedeutet. Erst als sie dann auf dem Weg zu den Theaterproben an einer Pegida-Kundgebung vorbeikam, verstand sie das Ausmaß. „Das Gefühl, das einem durch den Körper fließt, wenn man an einem Montag bei Pegida vorbeigeht, das vergisst man nicht“, sagt sie. „Ich hätte mir nicht erträumt, dass es das gibt in diesem Land. Beim ersten Mal bin ich stehen geblieben und habe es mir angesehen. Ich konnte nicht glauben, dass Menschen im Alter meiner Eltern solche Dinge sagen. Die mich ganz direkt betreffen.“

Abschiebung nach einem Jahr

Man stellt es sich vor, wie die schlanke Mina Salehpour, die als Kind aus dem Iran nach Deutschland kam, mit ihren gerade mal 150 Zentimetern neben pöbelnden Ausländerfeinden steht. Andererseits: Diese kleine Frau ist das Gegenteil von Passivität. Sie füllt jeden Raum mit ihrer Energie. Ihr Blick ist einnehmend, beharrlich, sie spricht irrsinnig schnell in einer gestochenen Rhetorik und lacht hinterher so herzlich, dass man sie umarmen möchte. Sie erzählt, wer ihre künstlerischen Helden sind: „George Tabori, Charlie Chaplin und die Macher von South Park“.

Und so ist auch ihr Theater: Hinter mitunter großer Verspieltheit verbergen sich weltumspannende Themen. Mit „Nationalstraße“ nach dem Buch von Jaroslaw Rudis debütierte die Regisseurin in Dresden. Einen beträchtlichen Teil der Inszenierung bewegte sich der Monolog-Darsteller Simon Werdelis nicht vom Fleck. All sein Erleben, seine Gefühle und der Selbstbetrug fanden in stark reduzierten Bewegungen Ausdruck. Mina Salehpours zweite Arbeit „Wo ein Vogel am schönsten singt“ erzählte bildverträumt die Einwanderungsgeschichte einer russisch-jüdischen Familie. Nun steht ihr Weihnachts-Familienstück im Schauspielhaus kurz vor der Premiere: „Sophie im Schloss des Zauberers“ hat am Sonnabend Premiere, „ein Kammerspiel mit viel Bühnenzauber“, so Salehpour. Alle zwei Jahre nimmt sie sich eine Produktion für Kinder oder Jugendliche vor. Der Grund ist fast politischer Natur: „Wen erreichst du denn? Unsere Kinder. Bei ihnen muss man anfangen.“ Und wieder schimmert ihre Vergangenheit auf: „Ich bin sehr neidisch auf Kinder. Wahrscheinlich, weil ich selbst keine Kindheit hatte.“ Und sie beschreibt, was sie mit vielen Migrantenfamilien gemeinsam hat: Kinder lernen meist schneller als Erwachsene die neue Sprache. „Es ist eine typische Folge von Flucht, dass Kinder zu den Eltern der Eltern werden. Sie übersetzen für die Eltern auf Ämtern, im Alltag, sogar in der Schule, wenn es um sie als Schüler geht.“

Mina Salehpour war zehn, als ihre Mutter mit ihr das erste Mal aus dem Iran nach Deutschland kam, das war 1994. Sie lebten in einem Flüchtlingsheim in Erlangen, dessen Gelände sie nicht verlassen durften. „Ich kann bis heute nicht den Geruch von Mandel-Honig-Seife ertragen, die in den Sachwert-Paketen war. Wenn ich das rieche, geht mein Puls hoch und ich bin sofort zurück in der Zeit der Unsicherheit, in der jeden Moment jemand kommen und uns wegbringen konnte“. Der Antrag auf Asyl wurde nicht bewilligt, weil der Vater, „der die politischen Probleme hatte“, noch im Iran war. Nach einem Jahr musste sie mit ihrer Mutter zurück. Die Familie versuchte es andersherum: Der Vater ging nach Deutschland, bekam Asyl und konnte die Familie hinterherholen. Man kann sich schwer vorstellen, was das mit einem Kind macht. Mina Salehpour erzählt sehr sachlich aus dieser Zeit.

Es sei ihr leicht gefallen, sich zu integrieren, weil ihre Mitschüler sie akzeptiert haben. Mina wurde Klassensprecherin, als junges Mädchen wollte sie Politikerin werden. Mit 16 beschloss sie, Theater zu machen. Das politische Denken hörte nicht auf. Heute beschäftige sie der Rechtsruck in Deutschland „Tag und Nacht“. Gleichzeitig ist ihr wichtig, zu betonen: „Ich bin aus einem muslimischen Land geflohen, und das hat Gründe.“ Sie weiß um die Herausforderungen, die auf Deutschland warten, um die gesellschaftliche Aufgabe. Als Regisseurin hält sie sich jedoch davon fern, mit der realistischen Moralkeule zu inszenieren. „Ich erzähle Familiengeschichten im Wandel politischer Zeiten. Doch sie müssen immer wie eine Parabel funktionieren.“ Wie ein Bild, in dem das Große durchscheint.

Manche geben Deutschunterricht, andere helfen in Vereinen. Mina Salepour behandelt aktuelle gesellschaftliche Fragen im Theater. Es ist der ihr mögliche Weg. Als im Sommer 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, arbeitete Salehpour gerade am Münchner Theater. Ihre Schauspieler fuhren damals zum Bahnhof, um Wasserflaschen zu verteilen. „Ich selbst hätte nicht hinfahren können.“ In den proppevollen Zügen von München nach Franken zu ihren Eltern dolmetschte sie damals für viele Flüchtlinge, aber selbst das war harte Arbeit: „Ich musste mich überwinden, nicht zu weinen. Die Menschen im Zug erinnerten mich an mich. Ich hatte das all die Jahre vergessen, dass wir so etwas auch durchgemacht hatten, als Familie.“

Wie das kleine syrische Mädchen

Wenn Mina Salehpour zweimal im Jahr in Dresden arbeitet, dann wohnt sie hier. Sie fährt auch an den Wochenenden nicht nach Hannover, sie will dann Dresdnerin sein – und reden. „Ich bin eine Labertasche und spreche viel mit den Leuten auf der Straße“, sagt sie. Sie sucht Gespräche beim Bäcker, an der Bushaltestelle. Am Ende landen sie meistens bei dem Thema Migration. „Ich erzähle den Leuten: Ich war ein Flüchtlingskind. Und ich sehe die Verwunderung in ihren Augen. Mit dem Begriff Flüchtling verbinden sie etwas ganz anderes. Dabei trennt mich von dem neunjährigen syrischen Mädchen, das mit seiner Familie nach Deutschland kommt und kein Deutsch kann, nichts – nur die Zeit.“

Manchmal wirkt Mina Salehpour mit Anfang 30 so weise wie Menschen, die doppelt so alt sind wie sie. Bei aller Vitalität umgibt sie eine unheimliche Ruhe, die vielleicht nur Menschen eigen ist, deren Leben von heftigen Brüchen markiert wurde. „Was ich tue, hängt davon ab, was ich tue“, sagt sie, „ich steuere das. Natürlich kann man Schicksalsschläge nicht vermeiden. Aber ich bin dem Leben nicht ausgeliefert.“

„Sophie im Schloss des Zauberers“: Premiere am 10.11., Staatsschauspiel Dresden
Kartentel. 0351-4913555

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.