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Mittwoch, 12.09.2018

Auf den Spuren der Ahnen

Was wäre Weißwasser ohne den jüdischen Unternehmer Joseph Schweig? Seine Familie ist auf Stippvisite in Weißwasser. Für die Ururenkelin schließt sich hier ein noch größerer Kreis.

Von Christian Köhler

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Noa Seger, Werner Schubert und Yehudit Schweig (von links nach rechts) haben sich am Dienstag im Hotel Kristall in Weißwasser getroffen.
Noa Seger, Werner Schubert und Yehudit Schweig (von links nach rechts) haben sich am Dienstag im Hotel Kristall in Weißwasser getroffen.

© Christian Köhler

  • Noa Seger, Werner Schubert und Yehudit Schweig (von links nach rechts) haben sich am Dienstag im Hotel Kristall in Weißwasser getroffen.
    Noa Seger, Werner Schubert und Yehudit Schweig (von links nach rechts) haben sich am Dienstag im Hotel Kristall in Weißwasser getroffen.
  • Günter Segger (Mitte), Vorsitzender der Weißwasseraner Denkmalkommission, hat den Gästen im Weißwasseraner Glasmuseum gemeinsam mit Leiterin Elvira Rauch die Arsall-Glasausstellung gezeigt. Noa Seger (rechts) hält’s im Bild fest.
    Günter Segger (Mitte), Vorsitzender der Weißwasseraner Denkmalkommission, hat den Gästen im Weißwasseraner Glasmuseum gemeinsam mit Leiterin Elvira Rauch die Arsall-Glasausstellung gezeigt. Noa Seger (rechts) hält’s im Bild fest.

Weißwasser. Was wäre Weißwasser ohne den jüdischen Unternehmer Joseph Schweig? Es gäbe keine Glasindustrie und in dessen Folge auch kein Wachstum zu einer Industriestadt. „Als Joseph Schweig am 1. April 1881 nach Weißwasser kam, hatte er die feste Absicht, sesshaft zu werden“, erklärt Historiker Werner Schubert. Der 94-jährige Schubert hatte vor Jahren bereits damit begonnen, Kontakt zu Joseph Schweigs Familie in Israel aufzunehmen. Nach 2006 – als Joseph Schweig, Begründer mehrerer Glashütten in Weißwasser, zum ersten Ehrenbürger der Stadt ernannt wurde – ist Urenkelin Yehudit Schweig das erste Mal in der Glasmacherstadt gewesen. Diesmal hat sie ihre Tochter Noa, also die Ururenkelin von Joseph Schweig, mitgebracht – und das aus vielerlei Gründen.

Ein Kreis schließt sich

„Ich studiere in London Kunst“, erklärt Noa Seger. Ihre Abschlussarbeit dreht sich um das Thema Bauhaus – und dessen 100-jähriges Jubiläum 2019. Dass das Bauhaus über Architekt Ernst Neufert und Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld – beide waren für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke (VLG) in Weißwasser tätig – eben genau jene „Nachfolgeorganisation“ ist, die Joseph Schweig Ende des 19. Jahrhunderts in Weißwasser gründete, versetzte die Studentin in bloßes Staunen. „Für mich ist der Besuch in Weißwasser der Start für meine Recherchen für die Arbeit“, sagt sie mit Blick auf die Verbindung Schweig – Neufert – Wagenfeld. Auch in ihrer Heimat, in Tel Aviv, wird es sich im kommenden Jahr um das Bauhaus drehen – und so gesehen wird auch Weißwasser in Israel vertreten sein.

Neben der Glasgeschichte – Mutter und Tochter haben sich das Glasmuseum, die Telux (ehemalige Osram-Fabrik), den Kohlestau-Platz und die letzte verbliebene Glasproduktionsstätte (Stölzle) in Weißwasser angesehen – wollen beide auch mehr über ihren Ururgroßvater erfahren. Was war er für ein Mensch? Was trieb ihn an?

Vergangenheit ist Zukunft

Niemand kennt sich wohl so gut im Leben des Joseph Schweig aus wie Werner Schubert. Und bei dem, was der Historiker zu berichten hat, lassen sich mehrere Parallelen zum Heute herstellen. „Man muss sich vorstellen, als Schweig hier ankam, lebten gerade einmal 1 000 Leute hier“, so Schubert. Vornehmlich Fischer und Bauern hatte es in das kleine Örtchen verschlagen. Als Schweig seinen Fuß auf den gräflichen Boden der von Arnims setzte und das „Braunkohlewerk Weißwasser“ pachtete, gab es noch keine Facharbeiter, keine Glaser oder gar ein Rathaus. „Aus ganz Europa strömten die Menschen nach Weißwasser, als Schweig sich entschied, nicht auf Kohle, sondern auf Glas zu setzen“, berichtet Schubert. 1894 unterstützte Schweig den Bau des Elektrizitätswerks in der heutigen Straße des Friedens mit einer Geldzuwendung. 1910 gab er der Stadt 10 000 Mark, damit diese endlich, den rasant ansteigenden Einwohnerzahlen angemessen, ein Rathaus bauen konnte. 1922 stiftete der Industrielle den Glasmacherbrunnen am Bahnhof zum Andenken an die Gefallenen im Ersten Weltkrieg – Deutschlands erstes Antikriegsdenkmal in dieser Zeit. „Und er gründete mehrere Vereine, damit sich die Neubürger darin in das gesellschaftliche Leben integrieren konnten“, erläutert der Weißwasseraner Historiker.

Dass die Stadt maßgeblich durch einen jüdischen Industriellen geprägt wurde – „der kein reiner Kapitalist war, sondern demokratische Ziele verfolgte und für soziale Verantwortung stand“, so Schubert – zeigt auch, dass er Häuser für seine mehr als 1 000 Arbeiter errichten ließ. Ohne Zuwanderung also wäre Weißwasser wohl kaum so, wie es heute ist.

„Die soziale Ader hatte auch noch mein Großvater – Bruno Schweig – verinnerlicht“, erinnert sich Yehudit Schweig. Bruno, das jüngste der drei Kinder von Henrietta und Joseph, musste 1937 vor dem Nazi-Regime nach England auswandern „und bedauerte es sein Leben lang, es nicht seinem Vater gleich tun zu können“, sagt seine Enkelin. Wegen der deutschen Geschichte setzte Bruno Schweig nie wieder einen Fuß nach Deutschland. Aber: „Alle Menschen“, so habe es ihr Großvater immer gesagt, „sind gleich. Unabhängig von Status, Herkunft oder Religion“.

„Es bedeutet uns so viel“

Durchaus bewegt haben Noa Seger und ihre Mutter Yehudit Schweig am Grab ihrer 1923 verstorbenen Ahnen in Weißwasser gestanden. „Es bedeutet uns so viel, hier zu sein“, sagt Yehudit Schweig, als sie ganz nach jüdischer Tradition einen Stein auf den Grabstein ihrer Ahnen legt. Besonders danken möchten die beiden Frauen dem Historiker Werner Schubert für sein Bemühen, den Menschen Joseph Schweig und seine Bedeutung für Weißwasser bewahrt zu haben. „Ohne ihn würde wahrscheinlich niemand so recht wissen, wer Joseph Schweig war.“ Und Noa Seger sagt: „Mein Eindruck von Weißwasser ist, dass man hier noch stark in der Vergangenheit lebt“. Sie wünsche sich, dass die Menschen positiver in die Zukunft schauen und die Vergangenheit als Teil ihrer Identität begreifen. Mit Weißwasser werden beide verbunden bleiben – und das, weil Uwe Mühle von nun an für Werner Schubert den Kontakt aufrechterhält.