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Montag, 05.09.2011

Angela Merkel trauert um ihren Vater

Streng, arbeitsam und zurückhaltend: Horst Kasner hat die Kanzlerin geprägt. Am Freitag starb der Ex-Pfarrer in Templin.

Von Jörg Ratzsch, Peter Könnicke und Susann Fischer

Der einstigen Lehrerin von Bundeskanzlerin Angela Merkel fiel es sofort auf: In der kleinen Kirche in Alt Placht bei Templin im Nordosten Brandenburgs brannte am Samstag nicht wie gewohnt die Kerze im Fenster. Die hatte stets der Vater der Kanzlerin, Horst Kasner, angezündet. Der evangelische Theologe starb am Freitag im Alter von 85 Jahren, wie ein Regierungssprecher am Sonnabend bestätigte. Die Kanzlerin sagte alle Termine – darunter auch letzte Wahlkampfauftritte in Mecklenburg-Vorpommern – ab und fuhr zu ihrer Familie nach Templin, wo sie aufgewachsen ist.

Wer war der Mann, und wie könnte er das Leben der Kanzlerin geprägt haben? Geboren wurde Horst Kasner 1926 in Berlin-Pankow. Zum Theologiestudium ging er in den Westen nach Heidelberg und Hamburg. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau Herlind kennen. 1954 – wenige Wochen nach der Geburt des ersten Kindes Angela – siedelte die kleine Familie in die DDR über. Horst Kasner nahm eine Pfarrstelle im Dörfchen Quitzow bei Perleberg an. Seine Frau, die aus dem Westen stammte, ging mit – „aus Liebe“, wie Angela Merkel später einmal berichtete, und obwohl die Pastorenfrau in der DDR nicht in ihrem Wunschberuf Lehrerin arbeiten konnte.

Kein Widerstandskämpfer

Drei Jahre später zog die Familie 140Kilometer weiter nach Osten in die Kleinstadt Templin. Dort kümmerte sich Vater Kasner um die Weiterbildung von Pfarrern aus Brandenburg. Templin wurde damit zur eigentlichen Heimat für Angela Merkel.

Obwohl evangelischer Pfarrer – ein Kämpfer gegen den SED-Staat, wie so manch anderer Geistlicher, war Horst Kasner nicht. Merkels Biograf Gerd Langguth bezeichnet den groß gewachsenen, schlanken Mann in der „Welt am Sonntag“ als „einen der einflussreichsten Kirchenoberen“, der sich „in der DDR arrangiert“ hatte.

Das Verhältnis zu ihrem Vater hat Angela Merkel einmal so beschrieben: Er „hat immer viel gearbeitet (...), und manchmal hat er sich mit der Arbeit vielleicht auch von den Familienpflichten ferngehalten. Er ist emsig und gründlich. Leider.“ – so zitiert die „Bild am Sonntag“ aus einem Gespräch der Kanzlerin mit der Publizistin Herlinde Koelbl.

Der Vater – ein strenger, ordnungsliebender Mann, mit hohen Erwartungen. Merkel-Biograf Gerd Langguth berichtet von einer Begebenheit aus dem Jahr 1984: Tochter Angela bekam zu ihrem 30.Geburtstag Besuch von Kasner in ihrer „provisorischen Bleibe“ in Berlin, und der Vater zeigte sich wenig begeistert vom Zustand ihrer Wohnung. „Weit hast du es noch nicht gebracht“, habe er gesagt.

Gut 20 Jahre später, als Merkel es zur Kanzlerin des wiedervereinigten Deutschlands gebracht hatte, war der Papa dann doch stolz auf die Tochter. Als sie 2005 im Bundestag zur Kanzlerin vereidigt wurde, saß das Ehepaar Kasner auf der Besuchertribüne. Der Vater ließ sich damals immerhin das knappe Lob entlocken: „Das kommt nicht alle Tage vor.“ Mit dieser zurückhaltenden Art hat der Vater offensichtlich auch seine Tochter geprägt.

Im beruflichen Ruhestand engagierte sich Horst Kasner für die Jugendlichen der uckermärkischen Stadt. Er war Mitbegründer des Jugendhauses „Villa“ und fast zehn Jahre lang Vorsitzender des Fördervereins der Jugendbegegnungsstätte. Die ehemalige Leiterin Katja Lorenz erzählt, zu Beginn der 1990er- Jahre habe Kasner in der Stadt auch das erste Graffiti-Projekt für Jugendliche ins Leben gerufen.

Rettung eines Kirchleins

Mit besonders viel Herzblut engagierte sich Horst Kasner nach der Wende für den Wiederaufbau der Kirche in Alt Placht. Schon zu DDR-Zeiten hatte er das von uralten Linden umgebene Fachwerk-Gotteshaus oft besucht. Er musste dem Verfall zusehen – bis die Wende kam. Kasner und einige Mitstreiter gründeten 1990 einen Förderverein. Kasner war bis zu seinem Tod der Vorsitzende.

Dessen Stellvertreter, Roland Resch, sagte, Kasners Verdienst sei nicht nur der Wiederaufbau des jahrhundertealten Fachwerkbaus. Kasner habe die ehemalige Gutskapelle von Alt Placht auch wieder mit Leben gefüllt. Gottesdienste, Trauungen, Taufen, Konfirmationen sowie zahlreiche Konzerte habe Kasner organisiert. „Für ihn war das Ehrenamt ein Hauptamt“, sagte Resch. (dapd/dpa)