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Freitag, 02.05.2014

„Als ich wieder schlafen konnte, wusste ich, dass es richtig ist.“

Einen Tag nach ihrer Rücktrittserklärung spricht Gerti Töpfer über ihre schwere Entscheidung, ihre Pläne – und über ihren Wunschnachfolger.

Wer die Verantwortung abgibt, sollte seinem Nachfolger nicht sagen, wie es seiner Meinung nach richtig geht“, sagte Gerti Töpfer gestern im SZ-Interview. Wer sie beerbt, könnte am 31. August entschieden werden.
Wer die Verantwortung abgibt, sollte seinem Nachfolger nicht sagen, wie es seiner Meinung nach richtig geht“, sagte Gerti Töpfer gestern im SZ-Interview. Wer sie beerbt, könnte am 31. August entschieden werden.

© Alexander Schröter

Keine Schritte von Behördengängern im Flur, kein Telefon klingelt, kein Kopierer rattert – auch im Rathaus war gestern Feiertag. Gerti Töpfer (CDU) hat sich am Tag nach ihrem Rücktritt vom Amt der Oberbürgermeisterin dennoch auf in ihr Büro gemacht. Stille. Nur ihr Handy vibriert unablässig. Eine Kurznachricht nach der anderen trifft ein.

Frau Töpfer, Sie haben während Ihrer Erklärung im Stadtrat um Fassung gerungen. Wie schwer war der Rücktritt?

Die Entscheidung habe ich nach vielen schlaflosen Nächten getroffen. Zwischen Denken und Sprechen kann eine große Kluft liegen. Die Erklärung ist mir nach elf Jahren im Amt nicht leicht gefallen.

Wer wusste von der Entscheidung?

Auf meinem Abreißkalender stand noch in dieser Woche der Spruch: „Wenn Du ein Geheimnis für Dich behalten willst, und es drei Leute wissen, müssen zwei davon tot sein.“ Ein paar mehr wussten es natürlich schon. Aber nur enge Vertraute, die Familie und meine Ärzte, die mir zu dem Schritt geraten haben. Meine Mitarbeiter habe ich erst am Mittwoch einige Stunden vor der Stadtratssitzung eingeweiht.

Wie lang haben Sie mit dem Gedanken gespielt, bevor der Entschluss gefallen ist?

Vor etwa einem Jahr ist mein gesundheitlicher Zustand schlechter geworden. Aber zunächst habe ich immer noch gedacht, das geht schon irgendwie, wenn ich nur ein bisschen kürzertrete. Aber das funktioniert in diesem Amt einfach nicht. Die Einsicht, dass es gar nicht mehr geht, kam dann während meiner mehrwöchigen Kur Anfang des Jahres. Als ich nachts wieder schlafen konnte, wusste ich, dass es die richtige Entscheidung ist.

Wie haben Ihre engsten Mitarbeiter reagiert?

Erst einmal mit betretenem Schweigen. Aber meine Krankheit ist ja auch niemandem verborgen geblieben. Daher haben, denke ich, die meisten auch viel Verständnis für meine Entscheidung.

Werden Sie Stadtchefin bleiben, bis ein Nachfolger gewählt ist?

Nein. Am 31. Mai werde ich meine Arbeit im Rathaus offiziell beenden, sofern der Bescheid der Rechtsaufsicht bis dahin vorliegt. Ich habe anfangs noch mit dem Gedanken gespielt, über die Kommunalwahl hinaus im Amt zu bleiben. Aber ich wollte meinem Nachfolger die Chance geben, gleichzeitig mit einem neuen Stadtrat anzufangen. Eine Oberbürgermeisterwahl muss 90 Tage vor dem Termin bekannt gegeben werden. Wenn der Stadtrat in seiner nächsten Sitzung zustimmt, können in Riesa am 31. August gleichzeitig ein neuer Landtag und ein neuer Bürgermeister gewählt werden.

Apropos Nachfolger. Haben Sie da jemandem im Hinterkopf?

Es ist ja nicht ganz unbekannt, dass ich Marco Müller für einen fähigen jungen Mann halte. Er ist in Riesa geboren und aufgewachsen. Er hat hier eine Familie gegründet und setzt sich für seine Stadt ein. Ich traue ihm das Amt zu. Die Entscheidung darüber fällt aber natürlich die CDU-Ortsgruppe. Und da habe ich wie jedes andere Mitglied natürlich auch nur eine Stimme.

Sie sind ja nicht nur Oberbürgermeisterin. Was wird aus Ihren anderen Funktionen in der Stadt?

Der Vorsitz im Wasser- und Abwasserzweckverband ist an mein Amt gebunden. Das werde ich also ebenfalls niederlegen. In den Aufsichtsräten sieht das etwas anders aus. Bis neue Nachfolger dafür gewählt sind, werde ich die Posten weiter besetzen. Auch meine Kandidatur für den Kreistag will ich aufrecht erhalten und mein Ehrenamt als Vorsitzende des Fördervereins der Studienakademie will ich gern weiterführen. Ich kann aber mit Bestimmtheit sagen, was ich in Zukunft nicht tun werde. Das ist erstens, mich um einen Platz im Stadtrat zu bewerben. Zweitens werde ich kein Enthüllungsbuch schreiben und drittens werde ich die Arbeit meines Nachfolgers nicht kommentieren. Wer die Verantwortung abgibt, sollte seinem Nachfolger nicht sagen, wie es seiner Meinung nach richtig geht.

Werden Sie denn der Stadt als Kämpferin gegen Rechts erhalten bleiben?

Auf jeden Fall. Ich bleibe ja Bürgerin dieser Stadt und werde mich daher auch weiter für Riesa einsetzen. Von der NPD kommt derzeit ja nicht mehr viel, außer ein paar dumme Sprüche. Ich rechne damit, dass die es nicht mehr in den Stadtrat schaffen.

Wie geht es denn ab morgen nun weiter?

Nach dem 31. Mai vertritt mich Baubürgermeister Tilo Lindner im Amt. Ihm muss ja alles ordentlich übergeben werden. Dafür werde ich noch viele Gespräche führen und eine Menge Papier ordnen müssen. Zudem geht das ganz normale Tagesgeschäft hier im Rathaus ja für mich weiter. Parallel kann ich schon mal damit beginnen, mein Büro zu räumen. Ein kleines Fach mit Dingen, die sich über die Jahre angesammelt haben, ist schon leer.

Und privat? Was werden Sie ab Juni tun?

Ich werde mich erst einmal nur um meine Gesundheit kümmern. Das wird schon einige Monate in Anspruch nehmen.

Das Gespräch führten Jens Ostrowski und Britta Veltzke.