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Mittwoch, 12.09.2018

Als der amerikanische Traum zerplatzte

Während der 11. September 2001 die Amerikaner zusammenbrachte, spaltete der Zusammenbruch der Finanzmärkte sieben Jahre später die Gesellschaft.

Von Thomas Spang

Das traurige Ergebnis der Finanzkrise.
Das traurige Ergebnis der Finanzkrise.

© dpa

Isabella Martinez (51) kaufte ihre Wohnung in Silver Spring vor den Toren Washingtons im Sommer 2007. Freunde hatten der kleinen Angestellten der Stadtregierung von Washington geraten, es wie alle zu tun. Ohne eigene Ersparnisse einen Kredit aufzunehmen und die eigene Immobilie zu erwerben. „Das war der Fehler meines Lebens“, sagt Isabella heute über den 350 000-Dollar-Kauf.

Die Schulden hat sie immer noch, wie auch die Wohnung, die niemand haben will, weil sie in einer schlechten Nachbarschaft liegt und schwere Mängel aufweist. Kein Wunder, dass sie sich von dem Wertverlust seit dem Platzen der Immobilienblase 2008 kaum erholt hat. Sie liegt heute bei etwas über 200 000 Dollar.

„Als die Preise einbrachen, hat mir niemand geholfen, die Hypothek für meine wertlose Wohnung zu tragen“, klagt Isabella, die ausreichende Einkünfte hatte, nicht „unter Wasser“ verkaufen zu müssen. Anders als Millionen Amerikaner, die mit sogenannten „Short Sales“ Verluste machten oder ihre Kredite einfach nicht mehr bedienten.

Zu Beginn einer Kettenreaktion brachen erst die Immobilienpreise ein. Am stärksten in Landesteilen und Wohnlagen, in denen Banken die sogenannten „Subprime“-Kredite vergeben hatten. Dabei handelte es sich um Hypotheken an Menschen, die keine Anzahlung leisten konnten, deren Bonität fraglich war und zuweilen nicht einmal einen legalen Aufenthaltsstatus in den USA hatten. Wer seinen Namen schreiben konnte und nicht im Strafregister stand, bekam Geld. Die Risiken versteckten die Banken, indem sie mehrere dieser Hypotheken zu sogenannten „Asset-Backed-Securities“ bündelten und diese Wertpapiere dann scheibchenweise in Umlauf brachten. Am Ende wusste niemand mehr, wer, welche Risiken in der Realökonomie hielt.

Ganz groß im Geschäft mit diesen Hypothekenpapieren war das Bankhaus Lehman Brothers, das im „Time-Life“-Wolkenkratzer gleich gegenüber der berühmten Radio City Music Hall in New York residierte. Vor der Tür an der 1271 Avenue of the Americas plätschert noch immer der Brunnen, in dem Audrey Hepburn im Film „Frühstück bei Tiffany“ saß.

Als die Lehman Brother am 15. September 2008 unter der Last von 613 Milliarden Dollar Schulden baden gingen, spielte sich hier ein anderes Drama ab. Die Lehman-Pleite löste Panik an den Börsen aus. Erst brachen die Banken-Aktien ein, dann erfasste die Krise den ganzen Wertpapiermarkt. Binnen weniger Tage büßten die Kurse ein Drittel und mehr ein. Die Aktienfonds, in denen viele Amerikaner ihre Altersersparnisse stecken haben, verloren im Schnitt 38 Prozent.

Auch Robert Blaine bekam es mit der Angst zu tun. Ein großer Teil der Lebensersparnisse des damals 79-Jährigen steckten im Aktienmarkt. „Ich hatte Angst, dass es nicht mehr reichen wird“, erklärt der ehemalige Kleinunternehmer aus Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina, warum er seine Fonds in sichere Anuitäten umwandelte. Wie viele andere Rentner machte er Verluste an der Börse, weil er nicht wusste, wie viel Zeit ihm noch blieb, auf eine Kurserholung zu hoffen. Robert fühlt sich bis heute von der Politik betrogen, „die mit Steuergeld die Banken gerettet und uns sitzengelassen hat“. Im November 2008 wählte er Barack Obama, acht Jahre später Donald Trump.

Kein Einzelfall, wie Wahlforscher wissen. Im Rückblick scheint die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten ohne den drohenden Zusammenbruch des Finanzsystems kaum denkbar. Die Amerikaner hatten nicht plötzlich ihr multikulturelles Gleichheitsideal gefunden. Sie ignorierten in ihrer Not bloß, dass die Hand, die sie aus den tosenden Fluten retten wollte, eine farbige war. Auch der Aufstieg Donald Trumps lässt sich ohne die „Große Rezession“ nur schwer erklären. Dank massiver Interventionen der Zentralbank FED blieb der Zusammenbruch der Finanzindustrie aus. Wie auch ein 820 Milliarden Dollar teures Konjunkturprogramm die Realwirtschaft vor dem Absturz rettete. Aber der Aufschwung brauchte länger als erhofft.

Womit die Bedingungen erfüllt waren, die Alexander Tocqueville (1805-1859) einmal als idealen Nährboden für Revolutionen ausmachte. Eine schlechte Situation verbesserte sich, aber nicht schnell genug. Viele Amerikaner konnten das Gefühl nicht loswerden, von der Politik, der Wall Street, den Eliten betrogen worden zu sein.

Während die Terrorangriffe vom 11. September 2001 die Amerikaner zusammenbrachten, spaltet das „911 der Finanzmärkte“ das Land bis heute. Trotz Vollbeschäftigung und Wachstum bleibt das einzig verbindende Gefühl, in einem kaputten Land zu leben.

Es gibt Zeichen, an denen die düstere Stimmung abzulesen ist. Nie zuvor hatten die Amerikaner so eine niedrige Geburtenrate wie heute. Die Selbstmordrate liegt so hoch wie zuletzt vor 30 Jahren. Die Opiate-Krise hat im ländlichen Amerika seuchenartige Ausmaße angenommen. Gleichzeitig haben die Amerikaner das Vertrauen in ihre Institutionen verloren: die Politik, die Kirchen, die Medien, die Polizei und Justiz. Die Rassenbeziehungen sind angespannter denn je. Gesundheits- und Bildungswesen leiden massiv unter der Uneinigkeit. Straßen, Brücken, Flughäfen und andere Infrastruktur zerfällt.

Derweil klafft die Wohlstandsschere immer weiter auseinander. Während die Regierung die „Wall Street“ rettete und deren Akteure reicher machte, ging das mittlere Vermögen der amerikanischen Privathaushalte in den USA von 126 000 Dollar im Jahr 2007 auf 97 000 Dollar zurück. Die von Obama wieder hergestellte Vollbeschäftigung kam zum Preis niedrigerer Löhne.

Nur ein Drittel der Immobilien hat den Wertverlust von 2008 wieder gutmachen können. Die Kreditkartenschulden liegen heute mit über eine Trillion US-Dollar um 30 Prozent höher als 2007. Etliche Amerikaner sagen, sie haben neben der staatlichen Grundrente keine Altersersparnisse. Und Zweidrittel gaben kürzlich in einer Umfrage von YouGov an, sie hätten nicht genügend Erspartes, eine Arztrechnung über 500 Dollar zu bezahlen. Die uramerikanische Idee, mit harter, ehrlicher Arbeit den Aufstieg zu schaffen, scheitert schon bei den Kosten für den Universitätsbesuch. Wer heute mit bis zu hunderttausend Dollar an Ausbildungsschulden ins Berufsleben startet, muss Autokauf und Immobilienbesitz, aber auch Ehe und Kinderwunsch zurückstellen.

Trump witterte diese Stimmung besser als andere. So gesehen kann er als der politische Erbe der „Großen Rezession“ gesehen werden.

Der Rechtspopulist bestellt heute den Boden, den die Republikaner mit ihrer Totalverweigerung gegenüber der Politik Obamas bereitet haben. Sie verhinderten ein wirkungsvolleres Konjunkturprogramm, blockierten Investitionen in Infrastruktur, sabotieren die Gesundheitsreform und verweigerten Geld für den bezahlbaren Zugang zum College. Nun drehen sie die Finanzmarkt-Reformen zurück, die nach der Lehman-Pleite halfen, die schlimmsten Auswüchse einzudämmen. Sheila Bair, die unter Obama die staatliche Einlage-Sicherung FDIC führte, spricht von einer „verpassten Gelegenheit“. Statt die Großbanken damals zu zerschlagen, blieb es bei einer Stabilisierung des Systems. Zehn Jahre später gibt es mit 30 systemrelevanten Finanzhäusern zwei mehr als 2008.

„Außer Lehman hat niemand einen Preis bezahlt“, klagt Bair. Ob dieses System einer künftigen Krise standhalte, sei ungewiss. „Das werden wir erst wissen, wenn eine dieser großen Banken wieder in Not gerät.“ Im Unterschied zu damals haben die Zentralbanken ihre Munition bereits verschossen. Tiefer können die Zinsen kaum mehr fallen. Und durch die massive Geldmengen-Erweiterung besteht nur noch eingeschränkt die Möglichkeit, auf diesem Weg etwas zu erreichen.

Warnsignale einer neuen Finanzkrise gibt es reichlich. So weist die „Bank of International Settlements“ mit Nachdruck darauf hin, dass die Schuldenberge heute höher sind als vor der Lehman-Pleite. In der Kombination aus staatlichen und privaten Verbindlichkeiten schieben die Märkte heute Schulden in Höhe von 237 Trillionen Dollar weltweit vor sich her. Das sind 70 Trillionen Dollar mehr als 2007.

In den USA allein legte die Staatsverschuldung während der „Großen Rezession“ um 40 Prozent auf nun 105 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu. Vertrauenserweckend ist das nicht. Zumal ein paar unschöne Realitäten bleiben. Isabella kann ihre Wohnung weiter nicht verkaufen und Robert hat seine Verluste noch nicht verkraftet. Was bleibt, ist die Wut und das ungute Gefühl, dass dieser Anschlag auf den amerikanischen Traum dauerhaften Schaden angerichtet hat.