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Donnerstag, 28.06.2018 Aus dem Gerichtssaal

Als Demo getarnt im linken Stadtviertel

Der Überfall von Neonazis und Hooligans auf Leipzig-Connewitz ist nun Thema im Prozess gegen die „Freie Kameradschaft“.

Von Alexander Schneider

„Wir wären unterlegen gewesen“, sagte ein Polizeibeamter im Zeugenstand.
„Wir wären unterlegen gewesen“, sagte ein Polizeibeamter im Zeugenstand.

© dpa

Neun Monate nach Prozessbeginn gegen mutmaßliche Mitglieder der rechtsextremen und gewalttätigen „Freien Kameradschaft Dresden“ (FKD) wurden am Landgericht Dresden die ersten Zeugen zum letzten Vorwurf vernommen: Die Teilnahme an den Krawallen von mehr als 200 Neonazis und Hooligans im „linken“ Leipziger Stadtteil Connewitz Anfang 2016.

Fünf Männer im Alter von 23 bis 30 Jahren und eine Frau (28) stehen seit September 2017 unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Landfriedensbruchs, Körperverletzung und Herbeiführens von Sprengstoffexplosionen vor der Staatsschutzkammer. Sie sollen etwa an den Krawallen in Heidenau im August 2015, an dem Überfall auf das alternative Wohnprojekt „Mangelwirtschaft“ in Übigau im Oktober 2015 und an Angriffen auf Ausländer und Asylunterkünfte beteiligt gewesen sein.

Rechte Chaoten griffen am 11. Januar 2016 in Leipzig zahlreiche Läden und Vereine an, demolierten Autos, schlugen Scheiben ein, es gab auch körperliche Auseinandersetzungen und Brände. Anlass für diese geplante Aktion war der erste Jahrestag des Leipziger Pegida-Ablegers „Legida“. Während im Leipziger Stadtzentrum Demos stattfanden, zogen FKD-ler und andere Gewalttäter durch das Szene-Stadtviertel. Sie sollen sich mit einem Transparent als links-alternative Spontandemo getarnt haben. In der Anklage wird der Sachschaden auf mehr als 110 000 Euro beziffert.

Ein Polizist berichtete als Zeuge, dass die bis zu 300 Mann starke Gruppe gegen 19.20 Uhr aufgefallen war. Der Beamte sagte, er sei erleichtert gewesen, dass nicht die Polizei im Fokus der Chaoten gestanden habe. „Wir wären unterlegen gewesen.“ Die Beamten, die deutlich in Unterzahl waren, haben mehr als 200 Verdächtige noch in Connewitz gestellt.

Noch immer werden mutmaßliche Mitglieder und Unterstützer der Dresdner Neonazi-Kameradschaft identifiziert. Erst am Dienstag fanden in Dresden Wohnungsdurchsuchungen bei neun Verdächtigen statt. Auch sie sollen sich unter anderem an den Krawallen in Heidenau und Übigau beteiligt haben.