erweiterte Suche
Mittwoch, 16.05.2018

Alles Trick

Ein Team junger Filmemacher arbeitet in Dresden an einer besseren Welt – die nicht alles hält, was sie verspricht.

Von Nadja Laske

Bild 1 von 6

  • Mit Leidenschaft dabei: 3D-Artist Till Giermann (l.) und Produzent Ralf Daniel drehen Werbefilme für Luxusmarken – oder sie animieren Abenteuer wie die von „Henry“ im Sealand, einem zweifelhaften Zufluchtsort.Foto: Sven Ellger
    Mit Leidenschaft dabei: 3D-Artist Till Giermann (l.) und Produzent Ralf Daniel drehen Werbefilme für Luxusmarken – oder sie animieren Abenteuer wie die von „Henry“ im Sealand, einem zweifelhaften Zufluchtsort.Foto: Sven Ellger
  • Viele Etappen absolviert die Figur Henry, bis sie so ist, wie sie das Publikum sehen soll: Zuerst entsteht der Protagonist des Kurzfilms „Sealand“ als Skizze, dann als Ölgemälde, als Büste und später als Charakterkopf – alles am Computer.Repros: greenhouse production/PR
    Viele Etappen absolviert die Figur Henry, bis sie so ist, wie sie das Publikum sehen soll: Zuerst entsteht der Protagonist des  Kurzfilms „Sealand“ als Skizze, dann als Ölgemälde, als Büste und später als Charakterkopf – alles am Computer.Repros: greenhouse production/PR

Mit einem virtuellen Stift sitzt Henrike Terheyden vor ihrem Bildschirm. Per Knopfdruck wechselt sie von der Bleimine zum Radiergummi. Papier braucht sie nicht. Was hier entsteht, wandert direkt von ihrer Hand in den Computer – Grenzübertritt in eine neue Welt.

Sealand – eine Utopie

Erschaffen im Geist hat sie Till Giermann. Zusammen mit einem gut zehnköpfigen Team arbeitet der Regisseur an einem Animationsfilm. Sealand soll er heißen und in zwölf, dreizehn Minuten erzählen, was in Menschenleben möglich und unmöglich ist: Ein Mann flieht aus dem Krieg und entdeckt auf seinem Weg eine andere Realität: einen utopischen Vergnügungspark mitten im Meer. Zunächst erscheint ihm dieses neue Universum als der ideale Zufluchtsort. Doch bald entdeckt der Deserteur, dass es Gründe gibt, auch dort nicht wirklich anzukommen. Bis der Film beim Publikum für die erhoffte Gänsehaut sorgt und das bezweckte Gedankenkarussell in Gang setzt, vergehen viele Monate. Jede Stunde davon kostet viel Geld. „Man veranschlagt für eine Filmminute Produktionskosten in Höhe von zehn bis fünfzehntausend Euro“, sagt Till Giermann – eine Summe, die Filmprojekte wie diese gut und gerne wert sind, aber niemals einspielen werden. Darum aber geht es in diesem Fall nicht. Neben wirtschaftlichen Interessen haben auch künstlerische ihre Berechtigung.

Ein kleines grünes Haus

Sealand ist die Idee von Enthusiasten. Das Gros von ihnen arbeitet normalerweise in einem kleinen grünen Haus am Ende des Lahmannringes in Dresden-Bühlau. Dass das Team unter dem Namen greenhouse production in der Werbebranche etabliert ist, gehört zur Entstehungsgeschichte dazu. Ursprünglich war Sealand Till Giermanns Herzenswunsch. Inzwischen schlagen für das Projekt viele Herzen. Greenhouse-Chef Carsten Krätzschmars steht hinter der Produktion; in seinen festen und freien Kollegen kann sich Regisseur Till auf eine begeisterte Crew verlassen. Und auf die Unterstützung entscheidender Kunst- und Kulturgremien, die die Filmarbeit ermöglichen. Die Mitteldeutsche Medienförderung, die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, die Sächsische Landesmedienanstalt und das Amt für Kultur und Denkmalschutz Dresden fördern den Kurzfilm mit rund 70 000 Euro. Einen Beitrag von 5 000 Euro mussten die Filmemacher bereits vorweisen, doch das genügt noch nicht. „Um den Eigenanteil aufbringen zu können, haben wir eine Crowdfunding-Aktion gestartet“, erzählt Till. Für jede Förderung waren stapelweise Formulare notwendig.

So konnte sich derweil die dissidierende („andersdenkende, „aus -ihrer- Gesellschaft ausgetretene“) Hauptfigur Henry, die von ihren Vätern und Müttern „Dissi“ genannt wird, von einer vagen Skizze über detailliertere Zeichnungen und ölgemäldeartige Computerbilder hin zu einem echten Protagonisten entwickeln.

Henry hadert mit allem

Zu einem Charakter, der nicht nur zwei-, sondern dreidimensional mit der Welt bricht, aus der er kommt und mit der Welt hadert, in die er geht. Allein der Wandel vom Zwei- zum Dreidimensionalen verlangt hunderte Arbeitsstunden. Nachdem Henrike zeichnerisch eine Figur geschaffen, ihr Gesichtszüge, den perfekten Bart, passende Kleidung, Körperbau und Körperhaltung gegeben hat, erwecken Spezialisten der Computeranimation dieses Wesen zum Leben. Sie versetzen es in räumliche Darstellung hinein, bringen es in Bewegung, schenken ihm Gestik und Mimik. Nur auf Sprache muss es verzichten. „Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst nicht so gern rede“, sagt Till Giermann, und das muss kein Scherz sein. Der Autor und Regisseur hat eine Geschichte erdacht, die ohne Worte funktioniert. Vor allem jedoch, um den Film international zeigen und auf störende Untertitel verzichten zu können. Doch in der Tat vertieft sich Till gern in die Stille der puren Bewegung. Als 3D-Artist gehört es zu seinen Hauptaufgaben, bewegte Filmszenen zu bearbeiten.

Vom Koch zum 3D-Techniker

Gelernt hat er das beim Tun. In seinem Beruf als Koch hielt es ihn nicht lange, bald begann der 35-Jährige, Videos zu drehen. Den Umgang mit der Computertechnik bis hin zur 3D-Software hat er sich selbst beigebracht und vor vier Jahren seinen ersten Animationskurzfilm vorgestellt. Die Geschichte um einen einsamen alten Mann lief auf 25 Festivals und gewann einen Preis. Auch sie brauchte keine Worte und machte manchen Zuschauer sprachlos.

www.startnext.com/sealand