erweiterte Suche
Samstag, 14.01.2017

Agent in Angst

Christopher Steele, Autor des umstrittenen Trump-Dossiers, ist untergetaucht. Er arbeitet in einer gefährlichen Branche.

Von Jochen Wittmann, SZ-Korrespondent in London

Bild 1 von 2

Ein Polizeiwagen steht vor dem Haus, in dem der Ex-Agent Christopher Steele gewohnt haben soll. Der Autor des Trump-Dossiers ist spurlos verschwunden.
Ein Polizeiwagen steht vor dem Haus, in dem der Ex-Agent Christopher Steele gewohnt haben soll. Der Autor des Trump-Dossiers ist spurlos verschwunden.

© reuters

  • Ein Polizeiwagen steht vor dem Haus, in dem der Ex-Agent Christopher Steele gewohnt haben soll. Der Autor des Trump-Dossiers ist spurlos verschwunden.
    Ein Polizeiwagen steht vor dem Haus, in dem der Ex-Agent Christopher Steele gewohnt haben soll. Der Autor des Trump-Dossiers ist spurlos verschwunden.
  •  Ex-Agent Christopher Steele
    Ex-Agent Christopher Steele

Kurz bevor er verschwand, war er am Mittwochmorgen noch schnell zu seinem Nachbarn gegangen, um ihn zu bitten, sich um seine drei Katzen zu kümmern. Seitdem ist Christopher Steele untergetaucht. Der 52-jährige Brite soll ins Ausland geflüchtet sein, melden britische Medien, oder sich in einem „sicheren Haus“ des Auslandsgeheimdienstes MI 6 befinden.

Der Grund für sein plötzliches Verschwinden: Christopher Steele wurde als der Verfasser des Dossiers über Donald Trump benannt, das der künftige US-Präsident als „verlogenes Zeug“ verdammt hatte. Das 35 Seiten umfassende Dossier blickt auf die Beziehungen zwischen dem Milliardär und dem Kreml. Die zentrale Anschuldigung ist: Der russische Geheimdienst habe kompromittierendes Material über den nächsten Präsidenten in der Hand. Allerdings konnte bisher keine der Behauptungen – von Sex-Orgien über Bestechungsversuche bis zum gegenseitigen Informationsaustausch – überprüft werden.

Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Steele gilt unter Kollegen als solide, vertrauenswürdig und kompetent. Nach seinem Studium in Cambridge hatte Steele beim MI6 angeheuert und arbeitete in den 90er-Jahren als Diplomat getarnt an der britischen Botschaft in Moskau, wo er seine umfangreichen Kontakte akquirieren konnte, die ihm beim Start ins Geschäftsleben halfen, als er 2009 den Dienst quittierte. Zusammen mit seinem Kollegen Christopher Burrows gründete er „Orbis Business Intelligence Ltd.“, eine Beratungsfirma, die laut Webseite „Problemlösungen für Unternehmen mit komplexen Problemen“ anbietet, soll heißen: Informationen beschafft, die nur ehemalige Geheimdienstmitarbeiter liefern können.

„Orbis“ konnte sich schnell im lukrativen Markt der Informationsbeschaffung etablieren. 2010 wurde die Firma vom britischen Fußballverband FA beauftragt, im Zuge der – letztlich erfolglosen – britischen Bewerbung um die Ausrichtung der Fußball-WM 2018 Korruptionspraktiken beim Weltfußballverband Fifa zu recherchieren. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse hatte Steele später mit der US-Bundespolizei FBI geteilt. Sie führten zur Verhaftung von mehreren Fifa-Funktionären und ihrer Auslieferung an amerikanische Behörden sowie zum späteren Rücktritt von Fifa-Präsident Sepp Blatter.

Im Juni dieses Jahres erhielt „Orbis“ den Job, sich um das Verhältnis von Donald Trump zu Russland zu kümmern. Auftraggeber war zunächst eine republikanische Gruppe. Nach der Nominierung Trumps zum Präsidentschaftskandidaten übernahm die Finanzierung des Auftrags eine Gruppe von Unterstützern der Demokraten-Kandidatin Hillary Clinton. Bis zum Dezember lieferte Steele eine Reihe von Berichten, die in dieser Woche vom Online-Dienst „Buzzfeed“ veröffentlicht wurden.

„Vage“ Quellen

Das kompromittierende Dossier zirkulierte jedoch schon vorher weitläufig. Denn Steele selbst hatte das Material an seine Kontaktleute innerhalb der FBI weitergereicht und auch verschiedenen Medien zugänglich gemacht. Der Grund, warum das Dossier noch nicht vorher veröffentlicht worden war, liegt darin, dass die explosiven Informationen nicht überprüft werden können. Als Gewährsleute werden darin ungenannte und nur vage beschriebene Quellen angeführt.

Die mangelnde Überprüfbarkeit des Materials machte es Trump leicht, das Dossier als ein Lügengespinst abzutun. Allerdings war ein solcher Kenner der russischen Verhältnisse wie der frühere britische Botschafter in Moskau Sir Andrew Wood derart beunruhigt, dass er den US-Senator John McCain daraufhin ansprach. Der Inhalt des Dossiers, sagte Wood der britischen Zeitung The Times am Freitag, habe Informationen bestätigt, die er anderswo gehört habe, und ihnen müsste nachgegangen werden, denn wenn sie stimmen, wäre der künftige US-Präsident erpressbar.

Jetzt tobt ein Streit darüber, ob das Dossier glaubwürdig ist oder nicht. Für das bilaterale Verhältnis zwischen Großbritannien und Russland ist die Affäre schon jetzt pures Gift. Die russische Botschaft in London erklärte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: „MI 6-Offiziere sind niemals ex“, womit man nahelegte, dass Christopher Steele vielleicht nicht im Auftrag, aber doch im Interesse der britischen Regierung gehandelt habe.