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Montag, 17.09.2018

Ärzte für unheilbar Kranke fehlen

Drei Palliativ-Teams für schwerkranke Patienten gibt es im Kreis Görlitz – eigentlich genug. Das Versorgungs-System ist aber sehr kompliziert.

Von Frank Seibel

Sechs von zehn im Löbauer SAPV-Team: Die Ärztinnen Dr. Waltraut Karthäuser (Mitte vorn) und Dr. Irmelin Barhoum (Mitte hinten) sowie die Schwestern Angela Preuß, Petra Fichna, Alexandra Garten und Anja Strauß (v.l.n.r).
Sechs von zehn im Löbauer SAPV-Team: Die Ärztinnen Dr. Waltraut Karthäuser (Mitte vorn) und Dr. Irmelin Barhoum (Mitte hinten) sowie die Schwestern Angela Preuß, Petra Fichna, Alexandra Garten und Anja Strauß (v.l.n.r).

© Rafael Sampedro.

Görlitz. Ein Arzt ist im Grunde auch ein Bär: Man kann das Fell nur einmal verteilen. Dieses Bild fällt Dr. Eric Hempel ein, wenn er an die Erwartungen denkt, die heute an Ärzte gestellt werden, vor allem im Klinikum. Tagsüber sollen sie ganz regulär Visite machen, operieren, also wach, freundlich, konzentriert und kompetent für ihre Patienten da sein. Nachts und an Wochenenden auch immer mal wieder für bis zu 24 Stunden. Und dann wäre es schön, wenn sie als Notärzte mit Blaulicht zu Unfällen rasen und zudem noch als Palliativ-Mediziner nachts todkranke Menschen zu Hause besuchen, die unter starken Schmerzen oder Atemnot leiden. „Man kann aber das Fell des Bären nicht dreimal verteilen“, sagt der Arzt und Medizinische Direktor des Städtischen Klinikums Görlitz.

Hempel ist selbst seit vielen Jahren Notarzt. Und so übernimmt er regelmäßig oder auch mal ganz spontan Notdienste – zu Zeiten, in denen er eigentlich frei hätte. Ein Wochenende oder eine Nacht zwischen zwei ganz normalen, vollen Arbeitstagen im Klinikum. Denn Notdienste im Rettungsdienst oder auch bei der Versorgung von unheilbar kranken Menschen (Palliativmedizin) sind in der Regel eine freiberufliche Tätigkeit.

Silke Seeliger kennt diese Zwickmühlen des Gesundheitssystems. Sie ist Geschäftsführerin eines sogenannten SAPV-Teams: Spezialisierte ambulante Palliativversorgung. Fünf Ärzte und fünf Krankenpflegerinnen stehen 365 Tage im Jahr rund um die Uhr bereit, um Hausärzte und Pflegedienste bei der Betreuung sterbenskranker Menschen zu unterstützen. Vor allem gegen starke Schmerzen und gegen Atemnot in der letzten Phase des Lebens müssen Mediziner zum Einsatz kommen, die sich auf die komplexen Vorgänge spezialisiert haben, denen ein todkranker Patient ausgesetzt ist – körperlich, aber auch psychisch. Der Kreisverband Löbau/Zittau hat mit den Krankenkassen einen Vertrag ausgehandelt, der die Pflichten des SAPV-Teams ebenso regelt wie die Finanzierung. Pro Patient erhält das SAPV-Team eine festgelegte Pauschale.

Das Löbauer Team ist eines von mittlerweile dreien im Landkreis und zuständig für den gesamten Süden, vom Zittauer Gebirge bis zur Autobahn. Für den nördlichen Teil des Landkreises ist ein zweites Team zuständig, das seinen Sitz in Niesky hat und eng mit dem Emmaus-Krankenhaus kooperiert. Noch im Aufbau ist ein drittes Team im Raum Weißwasser, das von einem in Dresden ansässigen Träger geführt wird.

Mit diesen Palliativ-Teams ist der Landkreis besser versorgt als es gesetzlich vorgeschrieben ist. Ein Team je 250 000 Einwohner, das ist die Vorgabe des Staates. Zwischen Zittau und Weißwasser leben 285 000 Menschen. Aus Sicht des Landesverbandes für Hospizarbeit und Palliativmedizin ist die Aufteilung des Landkreises sinnvoll, zumal die Teams teilweise auch über die Landkreisgrenzen hinaus aktiv seien. Und in dünn besiedelten Regionen lassen sich wegen der langen Wege weniger Patienten mit einem Team versorgen.

Rein rechnerisch passt das mit der Versorgung von unheilbar kranken Menschen. Die zwölf stationären Hospizplätze in Herrnhut decken auch den offiziell ermittelten Bedarf für den Landkreis, wie er in der aktuellen Hospizstudie für den Freistaat Sachsen festgestellt wurde. Und wenn in Bischofswerda das zweite Hospiz in Ostsachsen fertiggestellt wird, dürfte sich die Situation im Kreis Görlitz noch entspannen, sagt Matthias Reuter. Er ist Sozialplaner beim Landkreis Görlitz. Bislang kommen Menschen aus dem Landkreis Bautzen und der Sächsischen Schweiz nach Herrnhut, weil dies das einzige stationäre Hospiz östlich von Dresden ist. Und nun plant auch das Emmaus Krankenhaus in Niesky, ein weiteres Hospiz für den Norden des Landkreises Görlitz zu bauen. Das wären noch einmal zwölf Plätze. „Tatsächlich kommen Patienten aus dem Raum Weißwasser nicht nach Herrnhut“, sagt Sozialplaner Reuter.

Die Versorgung unheilbar kranker und sterbender Menschen ist ein kompliziertes System mit vielen Partnern. Hausärzte und Pflegedienste gehören dazu, Palliativstationen in den Krankenhäusern in Ebersbach-Neugersdorf, Görlitz und Weißwasser, die Hospize und eben die SAPV-Teams, die den Hausärzten und Pflegediensten in kritischen Situationen zur Seite stehen.

„Es geht bei unserer Arbeit nicht nur um Schmerzmittel“, betont Dr. Waltraut Karthäuser, die das Löbauer SAPV-Team medizinisch leitet. „Wir sind auch für die Angehörigen der Patienten da.“ Sie ist, wie der Görlitzer Dr. Eric Hempel, eine Klinik-Ärztin. Und während Hempel sein „Fell“ zusätzlich dem Rettungsdienst zur Verfügung stellt, investiert Waltraut Karthäuser ihre Kraft in die Versorgung unheilbar Kranker. Natürlich sei das mitunter eine erhebliche psychische Belastung. „Aber wir sind alle engagierte Ärzte, die sich bewusst dafür entschieden haben.“

Entscheidend für die ambulante Palliativ-Versorgung ist die Team-Arbeit. Die fünf Pflegerinnen haben ihr gemeinsames Büro in den Geschäftsräumen der gemeinnützigen GmbH beim Deutschen Roten Kreuz in Löbau. Hier koordinieren die Schwestern die Besuche bei Patienten, tauschen miteinander ihre Erfahrungen aus – nur so können sie den Umgang mit dem Sterben persönlich meistern. Ein Arzt ist immer in Bereitschaft. Jeweils 60 bis 70 Patienten im Süden des Landkreises werden vom Löbauer Team bereut; im Jahr sind es etwa 300. Jeder fünfte Patient lebt in Görlitz – und wird von Waltraut Karthäuser und ihren Kollegen im Löbauer SAPV-Team betreut.

Zur Entlastung der Görlitzer Ärzte muss man sagen, dass zwei im Nieskyer SAPV-Team mitarbeiten, das für den Bereich nördlich der Autobahn zuständig ist. Und da diese Arbeit ein rein freiberufliches Plus ist, spielen nicht nur Dienstpläne, sondern auch Geld eine Rolle. Ein spezieller Dienst am Klinikum bringt finanziell mehr ein als die 60 Euro für einen Einsatz als SAPV-Arzt.