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Montag, 27.03.2017

Ach du meine Nase

Kaum jemand kennt den Mann, der das Sandmann-Lied schrieb – und Text für Pittiplatsch.

Von Gudrun Janicke

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Wir sehen erst den Abendgruß: Wenn das Sandmännchen erscheint, ist immer ein Liedtext von Walter Krumbach zu hören. In dieser Woche wäre der Dichter 100 Jahre alt geworden. Er schrieb in Brandenburg auch Teddy-Bücher.
Wir sehen erst den Abendgruß: Wenn das Sandmännchen erscheint, ist immer ein Liedtext von Walter Krumbach zu hören. In dieser Woche wäre der Dichter 100 Jahre alt geworden. Er schrieb in Brandenburg auch Teddy-Bücher.

© picture alliance / dpa

  • Wir sehen erst den Abendgruß: Wenn das Sandmännchen erscheint, ist immer ein Liedtext von Walter Krumbach zu hören. In dieser Woche wäre der Dichter 100 Jahre alt geworden. Er schrieb in Brandenburg auch Teddy-Bücher.
    Wir sehen erst den Abendgruß: Wenn das Sandmännchen erscheint, ist immer ein Liedtext von Walter Krumbach zu hören. In dieser Woche wäre der Dichter 100 Jahre alt geworden. Er schrieb in Brandenburg auch Teddy-Bücher.
  • Walter Krumbach hat etwa 90 Bücher geschrieben – und Liedtexte, die jeder kennt. Der Dichter hatte drei Töchter.
    Walter Krumbach hat etwa 90 Bücher geschrieben – und Liedtexte, die jeder kennt. Der Dichter hatte drei Töchter.

Ob Schnatterinchen und Pittiplatsch, Herr Fuchs oder Frau Elster: Millionen Kinder haben die Erlebnisse dieser TV-Figuren verfolgt, bevor sie zu Bett gehen mussten. Aber kaum jemand kennt den Schriftsteller Walter Krumbach (1917–1985), der ihnen Leben eingehaucht hat.

„Er ist der wohl bekannteste unbekannte Dichter Deutschlands“, sagt Rainer E. Klemke aus Groß Schönebeck im brandenburgischen Kreis Barnim. Er ist Projektleiter beim örtlichen Bürgerverein. Zusammen mit Einwohnern bereitet Klemke die Ehrung des Dichters zum 100. Geburtstag am 1. April vor, wenn es in der Kirche eine kleine Festveranstaltung geben soll.

Nicht nur die Puppen im Sandmann-Programm sprachen Krumbachs Texte – auch viele andere Figuren in DDR-Kinderfernsehsendungen. Mit viel Fantasie erdachte er etwa Texte für rund 200 Folgen von Meister Nadelöhr: „Ich komme aus dem Märchenland, schnibbel-die-schnabbel-die Scher, bin allen Kindern wohlbekannt ...“. Oder für Puppendoktor Pille: „Habt ihr Kummer oder Sorgen, dann schreibt gleich morgen an Frau Puppendoktor Pille mit der großen, klugen Brille ...“. Der kugelige freche Pittiplatsch sagte immer mit seiner etwas gequetschten krächzenden Stimme „Ach du meine Nase“ – in den Mund gelegt von Krumbach.

Der Autor schrieb zudem etwa 90 Bücher für die Jüngsten in Millionenauflage, die in verschiedenen Sprachen erschienen; darunter „Spätzlein Tschilp“, „Igel Itzo“, „Beim Puppendoktor“ und „Wie Mauz und Hoppel Freunde wurden“. Eltern und Großeltern, selbst damit aufgewachsen, gaben ihre Liebe zu diesen Werken an den Nachwuchs weiter.

Der in Joachimsthal geborene Krumbach lebte mit seiner Familie als freiberuflicher Autor im nahen Groß Schönebeck, berichtet Klemke. „Welche Berühmtheit er eigentlich war, wussten die wenigsten.“ Er habe nie viel Aufhebens um seine Person gemacht. Kaum jemand habe gewusst, dass der Autor des berühmten Sandmann-Liedes ums Eck wohnt.

„Sandmann lieber Sandmann, es ist noch nicht so weit ...“ – den Text für den Abendgruß-Song hat Krumbach in Groß Schönebeck geschrieben. „Innerhalb weniger Stunden entstanden die einprägsamen Reime“, sagt Klemke. Über Nacht fand dann der Leipziger Komponist Wolfgang Richter (1928–2004) die Melodie. Die einfachen Tonfolgen – aus heutiger Sicht ein richtiger Hit – sind kaum wieder aus dem Kopf zu bekommen. „Auch heute noch gehört das Lied einfach zum Sandmännchen“, sagt Klemke. Erstmals erklang der Ohrwurm im November 1959 beim Abendgruß im DDR-Fernsehen. Auch heute ist das Lied noch im MDR, im RBB und im Kika beim „Sandmännchen“ zu hören.

Krumbach, Vater von drei Mädchen, schrieb fast 500 Texte für Sendungen, die die kleinen Zuschauer auf die Nacht einstimmten. Er erzählte fantasievoll kleine Geschichten: vom Besuch beim Zahnarzt, der dann gar nicht so schlimm war, vom schönen Tag auf dem Spielplatz oder vom Kummer über ein verlorenes Spielzeug.

Der Text-Autor, der Verwaltungsfachmann gelernt hatte und als Neulehrer arbeitete, bevor er Schriftsteller wurde, fand in der malerischen Idylle der nahen Wälder und Seen seine Inspirationen. Er schaute genau auf die Natur und beobachtete Tiere. Kinder aus der Umgebung erzählten von ihren Kümmernissen, etwa dem im Wald vergessenen Teddy. Daraus entwickelte er den Stoff für einige Teddy-Bücher.

Noch heute gibt es viele Fans seiner Bücher. „Es sind zeitlose und einfühlsame Geschichten“, sagt Katja Lehmann, Sprecherin des Leipziger Kinderbuchverlages. Besonders beliebt sei der erste Teil der Teddy-Bücher. An erster Stelle in der Publikumskunst stehe „Igel Itzo“.

Klassiker der DDR-Kinderliteratur gehören auch zum Programm des Beltz-Kinderbuchverlages in Weinheim. Dort werden zum Beispiel die Krumbach-Werke „Unser Kullerball“ und „Kikeriki, wacht auf!“ verlegt. Die DDR-Kinderbücher seien einfach wunderbare Werke, sagt Sprecherin Anja Lösch. Käufer seien nicht nur Ältere, die an ihre Kindheit erinnert werden. „Immer mehr junge Eltern entdecken die Schätze für ihre Kinder neu“, sagt sie.

In Groß Schönebeck trägt die Kita seit 2004 den Namen Borstel in Erinnerung an den kleinen Igel, den Krumbach beschrieb. Eine Scheunenwand im Ort ist mit vielen der Protagonisten aus seiner zauberhaften Welt bemalt. Zudem trägt eine Straße seinen Namen. (dpa)