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Dienstag, 12.06.2018

„Ach, der Proletensport“

Avelina Boateng erzählt über die Kindheit mit ihrem Bruder Jerome in Berlin, von Postern an der Wand und der besonderen Abmachung mit Mama.

Von Tino Meyer

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„Bruderherz, ich bin stolz auf Dich!“ – heißt der Titel einer Ausstellung, die die Geschwister von elf deutschen WM-Stars in den Mittelpunkt rücken wie Avelina Boateng.
„Bruderherz, ich bin stolz auf Dich!“ – heißt der Titel einer Ausstellung, die die Geschwister von elf deutschen WM-Stars in den Mittelpunkt rücken wie Avelina Boateng.

© Do-it-pr

  • „Bruderherz, ich bin stolz auf Dich!“ – heißt der Titel einer Ausstellung, die die Geschwister von elf deutschen WM-Stars in den Mittelpunkt rücken wie Avelina Boateng.
    „Bruderherz, ich bin stolz auf Dich!“ – heißt der Titel einer Ausstellung, die die Geschwister von elf deutschen WM-Stars in den Mittelpunkt rücken wie Avelina Boateng.
  • Aufgewachsen sind Avelina und Jerome Boateng in Berlin-Charlottenburg.
    Aufgewachsen sind Avelina und Jerome Boateng in Berlin-Charlottenburg.
  • Avelina Boatengs Brief an ihr bolzendes Bruderherz.
    Avelina Boatengs Brief an ihr bolzendes Bruderherz.

Ein wilder Lockenkopf, dunkle Hautfarbe – ob sie zur WM fährt, um ihren Bruder zu unterstützen, weiß Avelina Boateng noch nicht. „Ich bin nicht super heiß auf Russland. Wenn man so aussieht wie ich, ist das nicht so das Number-One-Ziel – da dort immer noch ein paar Sachen abgehen, die es nicht geben sollte“, meint die jüngere Schwester des deutschen Fußballprofis und Nationalspielers Jerome Boateng.

Außerdem kommen die Musik-Superstars Beyoncé und Jay-Z am 28. Juni ins Berliner Olympiastadion, einen Tag also nach dem dritten Vorrundenspiel gegen Südkorea. „Ich bin ja auch Musikerin, habe ein Musikerherz und brenne für bestimmte Künstler“, erklärt die 26-Jährige den eigentlichen Hauptgrund für ihre noch zurückhaltenden Reisepläne.

Keiner, glaubt sie, verstehe das besser als ihr drei Jahre älterer Bruder. „Er hat seine Leidenschaft und das, wofür er brennt“, sagt Avelina Boateng in der außergewöhnlichen Interview- und Fotoreihe „Bruderherz, ich bin stolz auf Dich“, die derzeit in deutschen Bahnhöfen zu sehen ist.

Wutausbrüche an der Playstation

In dem halbstündigen Gespräch erzählt Avelina Boateng von ihrer Kindheit mit den drei Brüdern Jerome, Kevin-Prince und George in Berlin-Charlottenburg. Dass sich schon immer alles um den Fußball gedreht hat, natürlich und vor allem auch bei Jerome. Sie erinnert sich an die Poster von Ronaldo und Zidane in seinem Kinderzimmer, an das Zocken an der Playstation – inklusive Wutausbrüchen und Streitereien mit den Kumpels, wenn einer unfair spielte. Dann ist auch schon mal der Controller an die Wand geflogen.

Mutter Martina hat das weitestgehend klaglos akzeptiert. Immer noch besser, als würde der Junge anderen Blödsinn anstellen. Hätte Boateng aber vermutlich ohnehin nicht gemacht, denn schließlich wollte schon der kleine Jerome nur eines: Fußballer werden. „Ach, der Proletensport“ – entgegnete Mutter Boateng, wie sich – „ganz krass gesagt“ – Schwester Avelina erinnert. Doch es gab eine Abmachung. „Meine Mama und mein Bruder hatten einen Deal. Wenn es mein Bruder zu einer bestimmten Zeit nicht auf ein bestimmtes Level im Fußball geschafft hätte, dann hätte er das Abitur machen müssen“, sagt Avelina Boateng, lacht und meint: „Den Deal hat, wie man sieht, mein Bruder gewonnen. Da musste sich meine Mama geschlagen geben.“

Die kleine Schwester hat Boatengs erste Jahre bei Tennis Borussia Berlin hautnah erlebt und ist auch nach dem Wechsel des dann 14-Jährigen zu Hertha BSC oft genug beim täglichen Training oder den Spielen am Wochenende dabei gewesen. „Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals nicht beim Fußball war“, sagt sie – nachhaltig beeindruckt von Ehrgeiz und Zielstrebigkeit. Daran habe sich bis heute nichts geändert, mit kleinen Unterschieden vielleicht: „Nur dass er jetzt bei Kindern als Poster im Zimmer hängt oder er sich selbst bei der Playstation spielen kann.“

Als professionelle Tänzerin und Musikerin verfolgt Avelina Boateng längst ihren eigenen Weg. Sie ist jedoch überzeugt, dass auch ihr Bruder daran Anteil trägt. „Wenn du wirklich etwas willst, musst du früh den Fokus nur darauf setzen. Mein Bruder ist das perfekte Beispiel dafür, einer, zu dem ich aufgeschaut habe. Es gab einfach keine Ablenkung für ihn“, meint sie und spricht von einer sehr starken Verbindung zwischen den Geschwistern.

Dass ihr Bruder, Champions-League-Sieger mit Bayern München, sechs Mal deutscher Meister, englischer Pokalsieger mit Manchester City sowie allen voran Weltmeister 2014, es weit bringen würde, sei sowieso gar nicht anders möglich gewesen. „Ich glaube daran, dass Dinge schon vorher klar sind, bevor wir sie überhaupt wissen. Und ich glaube daran, dass mein Bruder auf die Welt gekommen ist, um unter anderem Fußballspieler zu werden, und auch ein erfolgreicher“, meint Avelina Boateng und verweist auf Jeromes zweiten Vornamen: Agyenim. Das ist ghanaisch, stammt also aus dem Heimatland von Vater Prince und heißt ins Deutsche übersetzt „der Große“.

Das passt zu Boatengs Körpergröße von 1,92 Meter, zur steilen Karriere des Innenverteidigers mit all den Erfolgen – und auch zu dessen Schuhtick. Rund 650 Paar zählt Boatengs Sammlung mittlerweile. „Das fügt sich schon alles. Es hätte nicht anders kommen können oder dürfen“, meint Avelina Boateng, die wiederum mit zweitem Vornamen Shanice heißt. In Anlehnung an die gleichnamige Sängerin, die mit der Zeile „I love your smile“ einen Welthit landete. Die Verbindung passt also offenbar auch bei ihr.

Einen Plan für diese WM, sagt Avelina Boateng, habe sie noch nicht. Das komme immer erst mit den Spielen, die sie am liebsten ganz allein schaut. „Ich möchte da rechts und links niemanden neben mir haben, möchte auch nicht angestupst werden.“ Wenn Jerome spielt, sei sie hoch konzentriert, wie in einem Tunnel – so wie ihr Bruder auf dem Platz. „Ich drücke alle Daumen, die ich habe. Und ich denke sofort daran, dass er gesund bleiben soll, dass er von Anfang bis Ende 100 Prozent geben kann. Ich wünsche mir, dass er Tore schießt. Ich mag seinen Jubel“, sagt Avelina Boateng.

Für ein ganz wichtiges Spiel, sagt sie abschließend noch, würde sie selbstverständlich auch nach Russland fliegen. Das Finale wäre ja erst am 15. Juli, lange nach dem Konzert der Musik-Superstars.