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Samstag, 18.02.2017

Abkehr vom Barock

Gottlob Friedrich Thormeyer setzte den Klassizismus in Dresden durch. Zunächst arbeitete er im russischen Auftrag.

Von Lars Kühl

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Von Thormeyers Häusern am ehemaligen Leipziger Tor flankiert das linke heute noch den Palaisplatz.
Von Thormeyers Häusern am ehemaligen Leipziger Tor flankiert das linke heute noch den Palaisplatz.

© Sammlung Holger Naumann

  • Von Thormeyers Häusern am ehemaligen Leipziger Tor flankiert das linke heute noch den Palaisplatz.
    Von Thormeyers Häusern am ehemaligen Leipziger Tor flankiert das linke heute noch den Palaisplatz.
  • Gottlob Friedrich Thormeyer
    Gottlob Friedrich Thormeyer

Wie selbstverständlich flanieren Dresdner und Touristen die 41 Stufen zur Brühlschen Terrasse hinauf oder in der anderen Richtung zum Schloßplatz hinab. Doch der Balkon Europas war nicht immer öffentlich. Die rund 14 Meter breite Freitreppe wurde erst 1814, also vor gut 200 Jahren errichtet.

Der russische Fürst Nikolai Grigorjewitsch Repnin-Wolkonski, nach Napoleons Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig seit einem Jahr Generalgouverneur im besetzten Königreich Sachsen, hatte dem Hofbaumeister Gottlob Friedrich Thormeyer den Auftrag dafür gegeben. Der Abbruch der alten Festung, zu der die Brühlsche Terrasse als eines der wichtigsten Bauwerke gehörte, war bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts begonnen worden. Geordnet erfolgte das sogenannte Schleifen ab 1815 oder 1817, koordiniert durch die „Demolitionskommission“. Thormeyer leitete sie, bis 1830 war die Entfestigung beendet. Doch die Suche nach weiteren Spuren führt in Dresden und seiner Umgebung nicht weg von der Freitreppe.

Dabei hatte der Architekt, der als Begründer des Klassizismus in Dresden gilt und damit die damals gängige Abkehr vom Barock entscheidend mitprägte, als Maler begonnen. Schon als Zehnjähriger besuchte der Schuhmachersohn (geb. 23. Oktober 1775) die Kunstakademie seiner Geburtsstadt und nahm unter anderem bei Giovanni Battista Casanova Unterricht. Doch 1791 wechselte Thormeyer das Fach und schloss sich der Bauabteilung an. Friedrich August Krubsacius (Palais Hoym) und Gottlob August Hölzer (Turm Kreuzkirche) waren seine Lehrer. Sein Studium beendete er 1795.

Nach einer einjährigen Wanderschaft durch Sachsen, Anhalt und Thüringen ging Thormeyer 1800 an den Dresdner Hof. Erst arbeitete er als Vermesser, ab 1812 als königlicher Hofbaumeister. Immer wieder zeichnete er seine Eindrücke, unter anderem für das Werk „Dresden mit seinen Prachtgebäuden und schönsten Umgebungen“. Bevor er mit der Freitreppe begann, reiste der Architekt durch die Schweiz und Italien. Fürst Repnin-Wolkonski war mit Thormeyers Arbeit an der Brühlschen Terrasse so zufrieden, dass er ihm einen weiteren Auftrag erteilte. Auf der Südhöhe war im August 1813 der General Jean Victor Moreau in der Schlacht gegen Napoleon an der Seite des russischen Zaren Alexander durch eine Kanonenkugel so schwer getroffen worden, dass seine Beine amputiert wurden – den Tod wenige Tage später konnte dies allerdings nicht verhindern. Zu Ehren des Zaren-Freundes wurden deshalb 1814 zwischen Räcknitz, Zschertnitz und Mockritz drei stattliche Eichen gepflanzt. Thormeyer gestaltete dazu das Moreau-Denkmal, welches heute noch steht.

Erhalten sind auch zwei Torhäuser an der Hauptallee im Großen Garten (1814). Um die vielen Toten als Folge der Befreiungskriege zu beerdigen, wurde ab 1815 nach Entwürfen Thormeyers in der Johannstadt der spätere Trinitatisfriedhof nach neuesten, vor allem hygienischen und zweckmäßigen, Vorgaben, aber dennoch ästhetisch angelegt. Der Volksmund nannte ihn zunächst „weiter Friedhof“, weil er außerhalb des Stadtzentrums lag. 1816 beschäftigte sich Thormeyer mit dem Pirnaischen Platz, von dessen damaliger Gestaltung kaum noch etwas übrig ist. Ein Jahr später ließ er die Antonstadt mit dem Albertplatz anlegen. Die Calberlasche Zuckersiederei, eine der ersten Industriebauten der Stadt, folgte. In dem späteren „Hotel Bellevue“ war auch Dresdens älteste Freimaurerloge „Zu den drei Schwertern und Asträa zur grünenden Raute“ untergebracht, deren Mitglied Thormeyer war. Während die Zuckersiederei heute verschwunden ist, existiert die Loge noch.

Die Liste der Dresdner Thormeyer-Werke ist lang, reicht vom Turm der Annenkirche (1820), über die Gartenanlagen mit dem Zwingerteich auf dem aufgefüllten Wallgraben (1823) bis zu den Kaufhallen im Biedermeier-Stil am Antonsplatz (1826).

Bedeutsam ist auch seine Rolle bei der Straßenpflasterung zwischen 1821 und 1825. Sogar auf der Bastei in der Sächsischen Schweiz war Thormeyer aktiv und ließ dort das erste Gebäude im Schweizerhausstil errichten. Typisch für den am 11. Februar vor 175 Jahren Verstorbenen war aber der an die Antike angelehnte Tempelbau: So wie bei den beiden Häusern am Leipziger Tor an der früheren Stadtbefestigung von Altendresden. Eines flankiert den Palaisplatz. Obwohl es 1945 wie das abgerissene nach den Angriffen getroffen worden war, wurde es wieder aufgebaut und zu DDR-Zeiten als Standesamt genutzt. Heute ist es ein gleichnamiger Klub.