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Dienstag, 13.02.2018

„Abhängigkeit können wir nicht hinnehmen“

EU-Kommission drängt auf eigene Batterie-Produktion für Elektroautos. 80 Unternehmen wollen zusammenarbeiten.

Von Detlef Drewes, SZ-Korrespondent in Brüssel

Geringe Reichweiten und lange Ladezeiten schrecken Autofahrer vom Kauf eines E-Autos ab.
Geringe Reichweiten und lange Ladezeiten schrecken Autofahrer vom Kauf eines E-Autos ab.

© Robert Michael

Die EU will den Rückstand bei Batterien für Elektroautos aufholen. In der kommenden Woche soll der Startschuss für den Bau einer eigenen Fertigung gegeben werden. Bei einem Treffen in Brüssel sagten Vertreter der Mitgliedstaaten den Konzernen lukrative Gewinne voraus, wenn sie sich nur endlich zu einer Batterie-Allianz zusammenfinden.

Sie sind das Kernstück aller Elektroautos: Batterien. 90 Prozent der heutigen E-Fahrzeuge fahren mit Produkten aus Fernost. „Diese Abhängigkeit können wir nicht länger hinnehmen“, sagte EU-Kommissions-Vizepräsident Maros Sefcovic am Montag in Brüssel. „Wir stehen vor der größten Veränderung der Automobil-Industrie seit ihrem Anfang“, betonte der deutsche Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig, um die Herausforderung klarzumachen. Denn nach dem ersten Treffen der im Oktober 2017 neu gegründeten Europäischen Batterie-Allianz war die Industrie zunächst zurückhaltend geblieben. „Wir kaufen bei den besten Lieferanten – und die sitzen heute in Asien“, ließ sich der Einkaufschef eines großen deutschen Herstellers zitieren. Die Angst vor den Investitionskosten einer eigenen europäischen Produktion (sie werden auf bis zu 20 Milliarden Euro geschätzt) ist groß, zumal diese Summe bei der derzeit noch geringen Zahl an Elektro-Fahrzeugen kaum wieder erwirtschaftet werden könne. Bis 2022, so sagen interne Studien der Automobil-Wirtschaft, werde der Bestand an E-Autos kaum mehr als zwei Prozent betragen.

Das sieht die Brüsseler Kommission völlig anders. Bereits im Jahr 2025 seien 25 Milliarden Euro Umsatz zu erzielen, betonte Sefcovic gestern. Machnig mahnte die Industrie: „Wir sind heute bei Autos führend, weil unsere Motorentechnologie die Beste ist.“ Wer bei Antrieben und den wichtigsten Komponenten nicht mit der Entwicklung Schritt halte, verspiele seinen Vorsprung. Machnig: „Wir wären naiv, wenn wir glauben, dass wir langfristig immer die besten Batterien bekommen würden.“

Die EU-Kommission will mit einer Finanzspritze um die 200 Millionen Euro aus ihrem Forschungsprogramm Horizon 2020 den 80 Unternehmen, die sich nun zu einer Allianz bereit erklärt haben, unter die Arme greifen. Weitere Gelder könnten zum einen aus dem Strukturfonds kommen. Die Europäische Investitionsbank (EIB) versprach zum anderen am Montag, ebenfalls Kredite zur Verfügung zu stellen. Brüssel fürchtet vor allem, dass es zu einer Zersplitterung der Bemühungen kommen könnte, anstatt die Kräfte zu konzentrieren. Volkswagen hat inzwischen angekündigt, rund zehn Millionen Euro in das Projekt Northvolt in Schweden zu investieren, wo der ehemalige Tesla-Manager Peter Carlsson eine Demonstrations-Anlage errichten will. Bis 2023 sollen dort Kraftpakete mit einer Gesamtleistung von 32 Gigawattstunden gebaut werden. Aber nur für Lkw – und das reicht nicht. Nach Berechnungen der Kommission sind bis 2025 mindestens 330 Gigawattstunden nötig. „Wir brauchen einen großen Aufschlag“, hieß es gestern in Brüssel. Die Rede ist von einer „Gigafactory“, ein Begriff, der offensichtlich vom E-Auto-Führer Tesla übernommen wurde, der gerade erst angekündigt hat, eine solche Riesenfabrik in der Wüste von Nevada zu bauen. Das lässt sich der US-Konzern rund 4,1 Milliarden Euro kosten. Dagegen hatte Daimler Ende 2015 sogar seine Batteriefertigung im sächsischen Kamenz eingestellt.

Die Kommission hat durchaus ehrgeizige Ziele: „Wir wollen grüne Batterien“, sagte Sefcovic. Schon bei der Planung soll der nachhaltige Umgang mit Rohstoffen ebenso berücksichtigt werden wie die Wiederverwertung.

Die interessierten Firmen wie BASF, Bosch, Continental, Daimler, Siemens, Renault oder Total blieben bisher dennoch skeptisch. „Neu gemischt werden die Karten erst bei den Folgetechnologien wie der Festkörperzelle, an der wir auch forschen“, betonte Bosch-Geschäftsführer Rolf Bulkander im Januar in einem Interview. Mit anderen Worten: Die Branche würde lieber die erste Entwicklungsstufe heutiger Batterien überspringen und auf die nächste Generation der mobilen Stromspeicher setzen. In Brüssel wird bezweifelt, ob das funktioniert. Machnig: „Wer heute nicht in der Lage ist, den ersten Schritt zu tun, wird auch bei den nächsten Schwierigkeiten haben.“ Längst ist in den Brüsseler Expertenkreisen von einem „Batterie-Airbus“ die Rede. Das Bild soll beschreiben, wie eine europäische Batterie-Allianz den heutigen Weltmarktführern Paroli bieten kann. Airbus habe es schließlich auch geschafft, dem US-Konzern Boeing die Führungsrolle streitig zu machen. Das wäre nun auch bei den Akkus für Elektroautos nötig – zumal die EU auf diese Technologie setze, um ihre langfristigen Klimaschutzziele zu erreichen. Der nächste Schritt soll nun in der kommenden Woche folgen, wenn die Kommission während der Brüsseler Technik-Tage ihren Vorschlag präsentieren will. Etwas anderes als eine Initiative für den Bau einer europäischen Produktion kann dabei eigentlich nicht herauskommen – vorausgesetzt die Wirtschaft zieht dann auch mit. Kommentar

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