erweiterte Suche
Dienstag, 12.06.2018

„Ab 75 steigt das Unfallrisiko erheblich“

Nicht jeder Senior kennt seine Grenzen. Sollte es regelmäßige Gesundheitstests geben? Ärzte diskutierten in Radeburg.

Von Uta Büttner

Er ist 87 Jahre alt. Walter Müller* fährt fast jeden Tag Auto – und fühlt sich sicher dabei. Aber er kennt auch seine Grenzen. Doch nicht jeder Senior ist so verantwortungsbewusst.
Er ist 87 Jahre alt. Walter Müller* fährt fast jeden Tag Auto – und fühlt sich sicher dabei. Aber er kennt auch seine Grenzen. Doch nicht jeder Senior ist so verantwortungsbewusst.

© Norbert Millauer

Radeburg. Er ist 87 Jahre alt und fährt fast jeden Tag Auto. Walter Müller* wohnt in einem Dorf in Klipphausen und ist regelmäßig unterwegs: zum Einkaufen, Schwimmen, Chor oder Arzt. „Ich fühle mich wohl beim Fahren“, sagt er. Damit ist er einer von vielen Senioren, die sich noch bis ins hohe Alter hinters Lenkrad setzen. Und die Zahl steigt, denn die Menschen werden immer älter. Generelle, obligatorische Überprüfungen der Fahreignung gibt es in Deutschland nicht. Obwohl bekannt ist, dass das Unfallrisiko mit zunehmenden Alter steigt. Sollten also derartige regelmäßige Untersuchungen gesetzlich vorgeschrieben werden?

Dieser Frage gingen Ärzte und medizinisches Personal in einer Fachveranstaltung der Fachkliniken für Geriatrie Radeburg und des Geriatrischen Netzwerks Radeburg (GerN) vorige Woche nach. Thomas Friedrich, Polizeiarzt und Verkehrsmediziner, ist seit zehn Jahren als Gutachter zur Fahreignung tätig. Er ist der Meinung, obligatorische, „massenhafte“ Untersuchungen von Zehntausenden und mehr Senioren seien nicht nötig. Denn die meisten sind fit im Straßenverkehr. Die Kosten, um einen unter vielen zu finden, der nicht mehr fahren sollte, würden den Aufwand nicht rechtfertigen. Das sehen die meisten teilnehmenden Ärzte der Veranstaltung allerdings anders. Ein in der Radeburger Klinik beschäftigter Arzt sagt, jedes einzelne Menschenleben zähle. Deshalb plädiert er für regelmäßige Überprüfungen der körperlichen und psychischen Gesundheit. Denn Fakt ist, dass im Alter Defizite auftreten.

„Das Unfallrisiko steigt ab 70 Jahre langsam und jenseits der 75 erheblich an“, sagt Thomas Friedrich. Deshalb gebe es in anderen Ländern regelmäßige Überprüfungen der Fahreignung. Beispielsweise in der Schweiz alle zwei Jahre ab Erreichen des 70. Lebensjahres und nach schweren Unfällen oder Krankheiten. Zudem habe jeder Arzt eine Meldepflicht und ist nicht an die Schweigepflicht gebunden, wenn es um die Feststellung eingeschränkter Fahreignung geht. Ganz anders in Deutschland. So müssen die Ärzte mit hohen Strafgeldern rechnen, wenn sie ihren Verdacht der Fahreignungsbehörde melden. Deshalb fragt ein Großenhainer Arzt nach Möglichkeiten, einen Epileptiker mit häufigen Anfällen vom Fahren abzuhalten. Denn dieser ignoriere alle Hinweise. Doch derzeit kann der Gutachter nur ein Gespräch im Beisein Verwandter raten. Und der Arzt solle Argumente sammeln, die eine Meldung rechtfertigen. Aber ein Restrisiko für ein Strafgeld bleibe immer, sagt Thomas Friedrich. Eine Radeburger Diabetologin meint: „Wenn jemand seine Fahruntauglichkeit unterschreiben musste und dann trotzdem fährt, würde ich das Risiko eingehen und den Patienten melden.“

Aber ganz viele Ältere sind verantwortungsbewusst und können sich sehr gut selbst einschätzen, meint Thomas Friedrich. So meiden manche Senioren Autobahnen oder fahren generell nur noch kurze, ihnen bekannte Strecken. Walter Müller sagt zum Beispiel: „Bei Dämmerung fahren ist kein Problem, aber Nachtfahrten vermeide ich.“ Zudem gehe er alle drei Monate zum Augenarzt. Auf die Autobahn traut er sich noch. Aber dann sucht er sich Zeiten, in denen möglichst nicht so viele Laster unterwegs sind. Aber mehr als 100 Kilometer fährt er nicht mehr.

Auch der Verkehrsgerichtstag hat sich 2017 wieder mit dem Thema Senioren im Straßenverkehr befasst und hält weiterhin eine generelle, periodische Fahreignungsüberprüfung für nicht notwendig. Jedoch, so heißt es, „muss die verkehrsmedizinische Kompetenz der Ärzte verbessert werden. Es ist zu prüfen, welche Meldepflichten für Ärzte hinsichtlich der Fahreignung ihrer Patienten vorgegeben werden sollen.“

Doch so lange Ärzte Patienten nicht zur Überprüfung melden dürfen – ohne die Schweigepflicht zu brechen – bleibt ihnen nur die Beratung. Und Walter Müller ist ein Beispiel für Senioren, die sich selbst beobachten und wissen, wann Schluss mit dem Fahren ist: „Wenn ich nicht mehr begreife, was alles um mich herum im Straßenverkehr passiert.“ Und was hält er von regelmäßigen Gesundheitstests? „Das wäre für mich in Ordnung.“

Der Name wurde von der Redaktion geändert.