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Samstag, 15.09.2018

2019 beginnt eine neue Zeit

Die EU-Kommission hat endgültig den Weg für die Abschaffung der Uhrenumstellung frei gemacht.

Von Detlef Drewes, SZ-Korrespondent in Brüssel

Verwirrung am Big Ben: Wenn die Briten im kommenden Jahr die EU verlassen, könnte es Probleme mit der Zeit geben. Großbritannien und die Republik Irland haben unterschiedliche Vorstellungen, welche Zeit nach dem Verzicht auf die Umstellung gelten soll.
Verwirrung am Big Ben: Wenn die Briten im kommenden Jahr die EU verlassen, könnte es Probleme mit der Zeit geben. Großbritannien und die Republik Irland haben unterschiedliche Vorstellungen, welche Zeit nach dem Verzicht auf die Umstellung gelten soll.

© dpa/Andy Rain

Die Kommission hält sich raus. „Wir schlagen nicht vor, ob in den Mitgliedstaaten künftig die Sommerzeit oder die winterliche Normalzeit gilt“, betonte Violeta Bulc, die für das Thema zuständige EU-Kommissarin, am Freitag. Noch ein letztes Mal werde Brüssel in dieser Frage die Weichen stellen, dann seien die Mitgliedstaaten am Zug. Der Weg dahin ist nun vorgezeichnet: Bis zum Jahresende sollen sich das Europaparlament und die Vertreter der Mitgliedstaaten grundsätzlich einigen: die Abschaffung der zweimal jährlichen Umstellung der Uhren. Diese sei „überholt“, die versprochenen Effekte für die Energieeinsparungen hätten „sich nie wirklich eingestellt“, sagte Maros Sefcovic, Vizepräsident der EU-Kommission. Danach haben die Mitgliedstaaten bis zum März Gelegenheit, ihre Wünsche für eine künftige Zeit an die EU-Behörde zu melden. Diese werde lediglich darauf achten, dass es nicht zu einem Flickenteppich komme.

Derzeit umfasst die EU drei verschiedene Zonen: In Irland, Portugal und dem Vereinigten Königreich gilt die westeuropäische Zeit. 17 Mitgliedstaaten (darunter Deutschland) nutzen die mitteleuropäische Zeit, die östlichen EU-Länder orientieren sich an der osteuropäischen Zeit. Dass es am Ende zu einer ähnlichen Struktur kommt, erscheint vielen wahrscheinlich.

Dennoch zeichnen sich schon jetzt eine Reihe von offenen Fragen ab. Sollte sich Großbritannien beispielsweise auch nach dem Brexit für die jetzige Regelung aussprechen, das EU-Mitglied Irland aber eher an der Mehrheit orientieren, die mutmaßlich die heutige Sommerzeit einführen möchte, könnte zwischen Dublin und der britischen Republik Nordirland eine Zeitgrenze verlaufen. „Das müssen die beteiligten Regierungen klären“, forderte Bulc. Kanzlerin Angela Merkel hatte das Ende der Uhrenumstellung bereits begrüßt, aber noch nicht klar gesagt, wofür sich die Bundesrepublik aussprechen wird.

Dafür ergab das Bild der Online-Umfrage, die die Kommission im Juli und August durchgeführt hatte, aber ein klares Bild: 84 Prozent derjenigen, die sich an der freiwilligen und in keiner Hinsicht verbindlichen Konsultation beteiligt hatten, votierten für ein Ende des Drehens an der Uhr. Von denen trat – wie die Kommission am Freitag mitteilte – eine große Mehrheit für die dauerhafte Sommerzeit ein. Die Gründe waren offenbar vielschichtig, wie jetzt bekannt wurde. „Die Zeitkorrekturen haben stets für Verwirrung gesorgt, da nicht selbsterklärend war, wann und in welche Richtung die Uhren umgestellt werden müssen“, zitierte Kommissarin Bulc aus den Eingaben der Bürger. „Zudem führten die Befragten als Gründe gesundheitliche Beeinträchtigungen und die Zunahme von Verkehrsunfällen sowie lediglich geringe Energieeinsparungen an.“ Mit dem Ende der Umstellung der Uhren müsse „sich der menschliche Körper nicht mehr an ständige zeitliche Änderungen anpassen“.

Zusätzlich zu dieser Befragung zog die Kommission 13 Studien international renommierter Wissenschaftler hinzu, die in ihrer Mehrheit auch von größeren Nachteilen eines ständigen Wechsels zwischen Sommer- und Normalzeit sprachen. Sie legten sich jedoch nicht fest, welche der beiden nun ratsamer sei. Für die Kommission sind vor allem die ökonomischen Folgen der Zeitumstellung ausschlaggebend. „Dazu gehören mögliche Störungen der zeitlichen Planung von Verkehrsdiensten und der Funktionsweise im Informations- und Kommunikationsbereich“, teilte die Kommission mit. Außerdem entstünden „höhere Kosten für den grenzüberschreitenden Handel sowie eine geringere Produktivität für Waren und Dienstleistungen“. Eine dauerhafte harmonisierte Regelung sei von wesentlicher Bedeutung, hieß es.

Nach dem Start der sogenannten Winterzeit am 28. Oktober 2018 müssten die Länder, die dauerhaft die Sommerzeit übernehmen, die Uhren also nur noch einmal zurückstellen – eben am 31. März 2019. Diejenigen, die an der Normalzeit festhalten wollen, müssen sich noch ein weiteres Mal umgewöhnen: am 27. Oktober 2019. Danach sind keine Korrekturen der eingeführten Zeit mehr möglich.