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Freitag, 15.06.2018

180 Quadratmeter für die jüngste Stadt-Geschichte

Von Mirko Kolodziej

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Unter anderem über ein inzwischen antiquiertes Telefon lassen sich in der Ausstellung Erzählungen von Zeitzeugen abhören. Ehrenbürger Friedhart Vogel kann so abrufen, was er den Ausstellungsmachern berichtet hat.
Unter anderem über ein inzwischen antiquiertes Telefon lassen sich in der Ausstellung Erzählungen von Zeitzeugen abhören. Ehrenbürger Friedhart Vogel kann so abrufen, was er den Ausstellungsmachern berichtet hat.

© HY-photo Gernot Menzel

  • Unter anderem über ein inzwischen antiquiertes Telefon lassen sich in der Ausstellung Erzählungen von Zeitzeugen abhören. Ehrenbürger Friedhart Vogel kann so abrufen, was er den Ausstellungsmachern berichtet hat.
    Unter anderem über ein inzwischen antiquiertes Telefon lassen sich in der Ausstellung Erzählungen von Zeitzeugen abhören. Ehrenbürger Friedhart Vogel kann so abrufen, was er den Ausstellungsmachern berichtet hat.
  • Auch dieses Plakat aus den Revolutionstagen 1989 ist ausgestellt.
    Auch dieses Plakat aus den Revolutionstagen 1989 ist ausgestellt.
  • Christian Völker-Kieschnick sang vor einer täuschend echten Kulisse.
    Christian Völker-Kieschnick sang vor einer täuschend echten Kulisse.

Es war 1998, als der Hoyerswerdaer Musiker Gerhard Gundermann den Text zum Lied „Straße nach Norden“ schrieb, darin die Textzeile: „Dieser Teil der Welt ist anders geworden.“ Gestern hat Christian Völker-Kieschnick das Liedchen im Hoyerswerdaer Schloss gesungen und besagte Textzeile findet Bestätigung im neuen Teil der Dauerausstellung, die von der Mannschaft des Stadtmuseums vorgestellt wurde. „Wir haben nun nach drei Jahren unser sogenanntes Lehrreich - Zeitfenster einer Stadt - fertig“, erklärte eine sichtlich glückliche Schloss-Chefin Kerstin Noack.

Wer etwas für die jüngere Geschichte von Hoyerswerda übrighat, wird es wohl kaum bereuen, wenn er in den nächsten Tagen seine Schritte zum Schloss lenkt. Es ist den Ausstellungsmachern irgendwie gelungen, die letzten 70, 80 Jahre auf nicht einmal 180 Quadratmetern darzustellen, ohne auf eines der großen, wichtigen Themen von den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges über das Wachsen der Stadt, die Umbrüche 1989/90 bis zur Schrumpfung der letzten Jahre zu verzichten.

Kosten: 140 000 Euro

Und so vereint die Schau so unterschiedliche Exponate wie einen Volksempfänger VE-301, aus dem auf Knopfdruck Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels zu hören ist, eine Straßenlaterne vom Ende der 1950er, eine Flasche Bergmannsfusel und ein Schuttstück aus dem im vorigen Jahr abgerissenen Wohnhaus Rosa-Luxemburg-Straße 41. Man kann in der Grundakte II der städtischen Planung blättern, Ehrenbürger Friedhart Vogel über die Volkskammerwahl vom 18. März 1990 reden hören oder nachlesen, welche Gedanken Autorin Brigitte Reimann während ihrer Hoyerswerdaer Jahre von 1960 bis 1969 bewegten.

Die Bedeutung des Kombinates in Schwarze Pumpe ist ebenso dargestellt wie die Szenen, die sich während der Gewalttage im Herbst 1991 in der Neustadt abspielten. Die Besucher bekommen Fotos und Filme zu sehen, können Zeitzeugen zuhören oder Zeitungsartikel nachlesen. Wer ein Smartphone besitzt, kann Informationen auch über QR-Codes abrufen. „Es war eine Herausforderung, in diese doch kleinen Räume so viel Geschichte, so viel Inhalt zu packen“, meint Kerstin Noack, die gemeinsam mit Elke Roschmann, Boglárka Ilona Szücz und Diana Schönig für die Konzeption verantwortlich zeichnet. Umgesetzt hat die Ideen wie schon vor zwei Jahren im sogenannten Erlebnisreich die Leipziger Ausstellungsfirma Unikatum.

Insgesamt hat der Bau des neuen Abschnitts der Dauerschau 140 000 Euro gekostet. Ohne staatliche Förderung wäre es der städtischen Zoo, Kultur und Bildung gGmbH sicherlich schwergefallen, die interaktive Zeitreise möglich zu machen, die übrigens nicht mit einem Blick ins Lausitzer Seenland oder einem tatsächlich auch ausgestellten Exemplar des im vorigen Jahr veröffentlichten „Leitbildes 2030“ enden soll. „Die Ausstellung [...] wird dynamisch weitergestaltet – auch mithilfe der Besucher, die eingeladen sind, ihre Erinnerungen, aber auch Meinungen zu Lebenswertem und Liebenswertem mitzuteilen“, heißt es in einer Mittelung des Museums. In der Ausstellung gibt es extra eine E-Mail-Adresse für Menschen, die ihre persönlichen Erinnerungen mitteilen möchten.

Fahrrad gefahren wird noch immer

Auch, wenn sich die Welt und mit ihr Hoyerswerda ganz im Gundermann'schen Sinne stets ändert: Es gibt Dinge, die scheinen beständig. Das zeigen im Lehrreich Bilder der Fahrradnutzung in der Stadt von 1935 bis zur heutigen Zeit. Und denn doch: So, wie es damals keine Fahrer in schnittiger Funktionskleidung gab, sind heute auf den Straßen keine Fahrerinnen in sorbischer Tracht mehr zu finden.

Eröffnungstag ist am Sonntag. Dann gibt es zwischen 10 Uhr und 18 Uhr freien Eintritt.