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Dienstag, 10.07.2018

1 336 Euro für die Öffnung des eigenen Autos

Die Verbraucherzentrale Weißwasser warnt vor unseriösen Schlüsseldiensten und Inkassodiensten, die abzocken wollen.

Von Christian Köhler

Judith Sibilla und Holger Hinze sind für Verbraucher in Weißwasser und im Umland da. Die Verbraucherzentrale sitzt im Blauen Engel an der Straße der Kraftwerker in Weißwasser.
Judith Sibilla und Holger Hinze sind für Verbraucher in Weißwasser und im Umland da. Die Verbraucherzentrale sitzt im Blauen Engel an der Straße der Kraftwerker in Weißwasser.

© Christian Köhler

Das ist jedem schon einmal passiert: Der Einkauf ist gerade ins Auto gehievt und beim Wegbringen des Einkaufwagens stellt man fest, dass der Autoschlüssel samt Einkauf sicher verwahrt im Fahrzeug ist. Das hat sich inzwischen wieder verriegelt. Blöd nur, dass man nun selbst nicht mehr in den eigenen Pkw kommt. So geschehen einem Weißwasseraner Senior, der nur noch einen Schlüsseldienst um Hilfe bitten konnte. Nachdem der osteuropäische Mann das Auto geöffnet hatte, traut der Senior seinen Augen nicht: 1 336 Euro werden für das Öffnen der Tür fällig. „Das ist nicht das einzige Mal, wo vermeintlich seriöse Schlüsseldienste hilflose Verbraucher abzocken“, berichtet Judith Sibilla von der Verbraucherzentrale in Weißwasser. Ausgerechnet Heiligabend hatte sich eine Weißwasseranerin aus ihrer Wohnung gesperrt. Schnell war auch hier ein Schlüsseldienst über das Internet ausfindig gemacht. „Am Ende sollte die Frau dafür 450 Euro hinlegen, um nicht Weihnachten im Hausflur feiern zu müssen“, erzählt die Verbraucherschützerin.

Der Trick mit der Telefonnummer

Dabei liegen die Preise an Werktagen bei seriösen Schlüsseldiensten zwischen 80 und 100 Euro. Nachts oder an Feiertagen, so Judith Sibilla, kommen maximal 150 Euro für das Öffnen der Haustüre zusammen. Und die Masche der Schlüsseldienste wird immer dreister: Über die Suche im Internet bieten Schlüsseldienste ihren Service über ortsübliche Telefonnummern an. Damit wird den Verbrauchern suggeriert, ihre Firmensitze seien vor Ort. „Dabei“, so Holger Hinze, „hat ein deutschlandweiter Anbieter deutschlandweit möglicherweise Wohnungen angemietet und schickt dann nach dem Anruf Mitarbeiter – zumeist Ausländer – zu den Hilfesuchenden.“ Mitarbeiter der Schlüsseldienste, die oft ihren Hauptsitz in Nordrhein-Westfalen haben, erscheinen dann zu zweit“, erklärt er weiter. Einer öffne dann mit wenigen Handgriffen die Wohnungstür, während der andere den Geschädigten drängt, sofort zu bezahlen. Mit Phantasiepreisen für Anfahrt oder knapp 50 Euro pro Viertelstunde Einsatzzeit wird der Preis in die Höhe getrieben. Wer nicht zahlen will, dem wird die Tür der Wohnung oder des Autos wieder verschlossen. Häufig sollen die Geschädigten dann sofort per EC-Karte zahlen, werden darüber hinaus gedrängt, noch schnell zum nächsten Bank-Automaten zu gehen.

Judith Sibilla rät deshalb: Wenn man in eine neue Stadt zieht, sollte man sich einen Schlüsseldienst vor Ort suchen, der auch ein Geschäft in der Stadt hat. Wer sich dennoch über das Internet einen Schlüsseldienst sucht, den er nicht kennt, der sollte zuvor nach Erfahrungsberichten von dem Anbieter im Netz suchen. „Wer dann nach der Türöffnung eine horrende Summe bezahlen soll, der sollte nicht zahlen, sondern die Polizei rufen“, sagt Judith Sibilla. Es sei nämlich sehr schwierig, das einmal zu viel gezahlte Geld tatsächlich zurückzubekommen.

Inkassodienste, die es gar nicht gibt

„Inkassomahnungen sind immer wieder Anlass, unsere Beratungsstelle aufzusuchen“, erklären die Weißwasseraner Verbraucherschützer. In den Gesprächen mit den Bürgern stellt sich zumeist heraus, dass viele Inkassodienste fordern, Geld auf ein Konto zu überweisen, welches sich gar nicht in Deutschland befindet. „Wer auf dem Zahlungsbeleg bei der IBAN eine andere Länderkennung als DE sieht, sollte stutzig werden“, sagt Holger Hinze. Oft sei auf den Rechnungen auch – neben erfinderischen Inkassonamen– keine gerichtliche Zulassung zu erkennen. Darüber hinaus gebe es Mahnungen, denen durchaus eine nachvollziehbare Forderung zugrunde liegt, die aber Inkassogebühren in unzulässiger Höhe enthalten. „Um herauszufinden, ob es das Inkassounternehmen gibt, sollte man im Internet schauen oder bei uns vorbeikommen“, rät Holger Hinze.

Gerade in puncto Rechnungen fallen den Verbraucherschützern sofort die vielen Beratungen zu mysteriösen Rechnungen und Abrechnungen des insolventen Unternehmensgeflechts „Care Energy“ ein. „Es gab falsche Rechnungen, viel zu hohe Inkassogebühren“, so Holger Hinze. Der Insolvenzverwalter hatte offenbar mehrere Inkassobüros beauftragt, Forderungen ohne weitere Prüfung einzutreiben. „Wir hatten Dutzende Fälle 2017 und auch noch heute“, erzählt er. Hier gelte es für Verbraucher, sich Hilfe zu holen und dem vermeintlichen Forderungsdruck nicht leichtfertig nachzugeben.

Beratung seit 25 Jahren

Die Verbraucherzentrale hat seit 25 Jahren einen Sitz in Weißwasser. Allein 2017 nutzten 1 344 Verbraucher das Beratungsangebot. „Wir werden weiterhin stark beansprucht“, sagt Judith Sibilla, „weil die Menschen der Region nicht nach Bautzen oder Hoyerswerda zur Beratung fahren.“

Telefon: 03576 242100