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Freitag, 25.03.2016

Zwischen Licht und Schatten

Anael Berkovitz kommt aus New York nach Löbau. Im Haus Schminke stößt sie auf ihre irritierende Familiengeschichte.

Von Andreas Herrmann

Anael Berkovitz steht erstmals im Haus Schminke in Löbau – es ist das Haus ihrer Urgroßeltern gewesen, und ihre Großeltern haben hier geheiratet. Ein Ort voller Geheimnisse. Die Künstlerin nimmt viele Eindrücke mit zurück nach New York.
Anael Berkovitz steht erstmals im Haus Schminke in Löbau – es ist das Haus ihrer Urgroßeltern gewesen, und ihre Großeltern haben hier geheiratet. Ein Ort voller Geheimnisse. Die Künstlerin nimmt viele Eindrücke mit zurück nach New York.

© Matthias Weber

Anael Berkovitz ist Jahrgang 1986, Künstlerin und stammt aus Tel Aviv. Seit zwei Jahren studiert sie am New Yorker Hunter College. Nun sitzt sie im Wintergarten vom Haus Schminke in Löbau und staunt. Sie schaut in den weiten Garten mit dem ovalen Teich, draußen ist trübes, kaltes Wetter. Im Haus hingegen ist es ohne Kunstlicht überaus hell und angenehm temperiert – so wie zu jeder Jahreszeit. Hier also soll der Teil ihrer Familie gehaust haben, dessen Volk es fertigbrachte, vor über sieben Dekaden die Familie ihres Vaters auszulöschen?

Anael Berkovitz ist Urenkelin der einstigen Bauherren, also von Charlotte und Fritz Schminke, einem Löbauer Nudelfabrikanten. Diese ließen Anfang der 1930er Jahre den Breslauer Architekturprofessor Hans Scharoun kommen, um hier eines der familienfreundlichsten Gebäude der Moderne zu bauen. Es gilt als dessen wichtigster Privathausbau und ist als „Nudeldampfer“ eines der aufregendsten Wohnhäuser der Welt.

Bislang schien ihre Familiengeschichte recht klar: Anaels Mutter hieß früher Bettina Bleks, ging nach dem Studium in den Siebzigern zur Wiedergutmachung nach Israel und arbeitete als Krankenschwester. Dort lernte sie ihre große Liebe kennen: Shlomo Berkovitz. Er stammt aus Rumänien und verlor mit dem deutschen Holocaust seine ganze Familie – links, aber patriotisch zum gelobten Staat, so die Haltung. Das passte gut, denn auch Tina, wie sie sich ab nun nannte, wollte mit dieser BRD nichts mehr zu tun haben – eine häufige Reaktion in jenen Jahren der späten Nazi-Aufklärung.

Tina konvertiert für Shlomo zum jüdischen Glauben – keine einfache Prozedur – und gemeinsam zogen sie nach En Hod, eine legendäre Künstlerkolonie in den Bergen des Karmelgebirges, 15 Kilometer südlich von Haifa, 90 Autominuten nördlich von Tel Aviv entfernt. Das wurde 1953 vom Dadaisten Marcel Janco gegründet – heute darf sich dort nur niederlassen, wer mindestens einen Künstler in der Familie hat. Die Mutter malt, der Vater leitet ein Restaurant. Alsbald gehören drei jüdische Mädchen zur Familie, die später mit der Mutter gen Tel Aviv ziehen, wo sie noch ein Häuschen haben.

Nun ist Anael Berkovitz erstmals an dem Ort, an dem ihre Familiengeschichte begann. Drei Tage vor Kriegsende, am 5. Mai 1945, haben ihre Großeltern hier geheiratet, bevor sie in Richtung Westen vor der Roten Armee flüchteten. Dort wurde Anael Berkovitz’ Großvater Helmut Bleks ein erfolgreicher Manager, bevor er und seine „Traudel“ 1972 nach Namibia auswanderten und eine Schule aufbauten. Wie sehr waren Großeltern und Urgroßeltern zwischen 1933 und 1945 in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte verstrickt, den Nationalsozialismus?

Das Haus, in dem alles begann

Hier erfährt Anael Berkovitz das nun alles aus erster Hand. Denn seit sie in New York studiert, befasst sich die zierliche Frau erstmals intensiver mit ihrer Familiengeschichte und stieß dabei auf Haus Schminke. Denn die Verbindung zu ihren Großeltern scheint nicht sonderlich ausgeprägt. So ist die Sicht auf die Vorfahren natürlich in erster Linie von den Erfahrungen des Vaters geprägt, dessen Familienwurzeln dem Holocaust zum Opfer fielen und der aus bitterem Prinzip alles Deutsche meidet, auch Autos und Sprache.

Sie überwand die mentale Hürde und fand bei der Stiftung Haus Schminke und deren Mitarbeiterin, Merte Stork, Kulturmanagerin aus Görlitz, die nun mit Empathie und Ausdauer alles übersetzt, sofort offene Ohren und Türen für den Besuch zur Recherche ihrer deutschen wie christlichen Wurzeln. In drei Tagen Besuch, an denen sie samt Freund im Haus zu Gast ist, bekommt sie nicht nur Geschichte und Bedeutung des Bauwerkes vermittelt, welches 1933 fertig wurde, sondern auch neue Einblicke in biografische Wurzeln.

Da war Familie Schminke schon zu sechst – ein Sohn und drei Töchter zogen nun genau gegenüber jener Nudelfabrik ein, die Vater Wilhelm 1904 vor der Insolvenz rettete und danach mit neuen Maschinen und Marketingmethoden die Anker-Teigwaren deutschlandweit zum Renner machte. Für die Kinder war es eine herrliche Zeit, so belegen es zahlreiche Fotos und Schwarz-Weiß-Filme aus der Zeit bis heute, die für Berkovitz noch viel spannender als für andere ist.

Doch das Familien- und Firmenglück währte nicht lang, Fritz Schminke zog als überzeugter Offizier in den Weltkrieg, Sohn Harald, ältestes der vier Kinder, fiel als SS-Mann 1943 mit 19 Jahren. Schminkes Ankernudeln steigerten derweil an der Front dermaßen die Wehrkraft, dass der Fabrikant nach dem Krieg als Kriegsverbrecher galt und er bis 1948 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war. Danach zog er nach Celle. Seine Frau Charlotte, die die Enteignung von Villa und Fabrik vor Ort mitmachte, und sich dabei im Haus um Dresdner Kriegswaisenkinder kümmerte, folgte 1951 samt der beiden jüngsten Töchter Erika und Helga.

Fasziniert ist die Urenkelin von die Geschichte von Ello Hirschfeld, einem jüdischen Mädchen, welches als Tochter eines befreundeten jüdischen Malers damals einfach bei den Schminkes wohnte und – anders als Anne Frank – hier überlebte. So ganz in Schwarz-Weiß funktioniert Geschichte also doch nicht. Aber das ist es, was Anael Berkovitz in Löbau sucht: Reibung, die als Einfluss in die Kunst einfließen kann; ob nun in Form von Malerei, Fotografie oder Film, das weiß sie jetzt noch nicht. So entdeckt sie im Schminke-Keller, wo Archiv und Fotolabor lagern, Parallelen in der Kunstbeflissenheit zu sich und ihrer Mutter. Ihr eigenes Faible für Fotografie deckt sich mit dem ihrer Großmutter Charlotte, die Malereien ihrer Mutter ähneln in Grundzügen überraschend denen von Joachim Schminke, dem Bruder von Fritz. Auch der anthroposophische Ansatz, den sie auch in Israel pflegen, ist in Löbau allgegenwärtig. All diese Parallelen können Zufall oder auch rein logische oder soziale Folgen der persönlichen Entwicklung sein – oder aber auf bislang unsichtbare familiäre Bande beruhen.

Löbauer Inspiration für New York

Letztlich ist das egal, denn nun wird die Studentin diese Eindrücke aus dem Haus mit an die Kunsthochschule gen New York mitnehmen. Dort werden sich schnell Parallelen und neue Spannungsbögen ergeben. Auch ihre Mutter und ihre beiden älteren Schwestern, die sie in Tel Aviv angerufen hat, sind überrascht von ihren neuen Entdeckungen. Bald schon zeigt sich Anael Berkovitz in zweierlei Hinsicht recht optimistisch: Einerseits, dass sich ihr Besuch schon im April in ihrer Arbeit niederschlägt und somit die Löbauer Eindrücke in New Yorker Kunst gipfeln. Und andererseits, dass sie recht bald wieder nach Sachsen kommt, möglichst mit ihren Schwestern samt Mutter. Auch kann sie sich vorstellen, hier zu arbeiten und auszustellen.

Das würde auch die Löbauer Hausbesatzung echt freuen, die sich immer wieder wundert, wie sich plötzlich biografische Puzzlesteinchen immer wieder zu einem neuen Bild formen – und dass selbst scheinbar bekannte Familiengeschichte noch Überraschungen birgt und es noch einige Verknüpfungen zu festigen und einige Leerstellen zu füllen gilt. So auch die Spuren zu Ello Hirschfeld, die ebenso nach Israel auswanderte und heute noch dort lebt.

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