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Samstag, 06.02.2016

Zwei, die aufs Land wollen

Um junge Lehrer für Schulen außerhalb von Dresden und Leipzig zu begeistern, hat Sachsen ein Stipendium aufgelegt.

Von Carola Lauterbach

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Hatten das ohnehin vor: Marie May will in Ostsachsen unterrichten, Christoph Kober südwestlich von Dresden.
Hatten das ohnehin vor: Marie May will in Ostsachsen unterrichten, Christoph Kober südwestlich von Dresden.

© Thomas Kretschel, Christian Juppe

Endlich stellt Sachsen wieder im größeren Stil Lehrer ein. Weil sehr viele ältere aus dem Dienst ausscheiden. Die Neuen aber wollen mehrheitlich in Dresden und Leipzig unterrichten. Allein in der letzten Einstellungsrunde zum 1. Februar hatten diesen Wunsch 1 082 von 1 636 Bewerbern unmissverständlich geäußert. Doch Sachsen hat 426 Gemeinden. In denen gibt es 1 483 öffentliche Schulen und 16 033 Klassen. Und vor jeder sollte ein Lehrer stehen.

Versuche, die angehenden Lehrer für ländliche Regionen zu gewinnen, gab es einige. Vermittlung günstiger Wohnbedingungen, Kitaplätze, Hilfe bei der Jobsuche für Partner. Dennoch scheinen die beiden sächsischen Metropolen Magnetwirkung zu haben. Also mussten neue Ideen her. Das Sachsenstipendium. Monatlich 300 Euro ab fünftem Fachsemester bis zum Ende der Regelstudienzeit. Im Gegenzug die Verpflichtung der Stipendiaten, nach ihrer Ausbildung so lange an einer Grund-, Mittel- oder Förderschule im ländlichen Raum zu unterrichten, wie sie diese Förderung erhalten haben – also maximal fünf Schulhalbjahre.

Marie May müsste gar nicht so lange in ihrer ersten Einsatzschule bleiben. Für sie beginnt im April das letzte Semester, in dem sie ihre Masterarbeit über Lehrergesundheit und die Eignung für den Lehrerberuf schreiben wird. Ein Semester lang kann sie sich also freuen, nun monatlich 300 Euro vom Freistaat aufs Konto überwiesen zu bekommen. Die 25-Jährige, die im sächsischen Neustadt aufgewachsen ist, ist eine der 52 Stipendiaten des ersten Sachsen-Stipendium-Jahrgangs. Dafür gab es laut Kultusministerium 156 Bewerbungen.

Im Internet und in der Zeitung hatte Marie May darüber gelesen und gedacht, versuch es doch mal. Dabei stapelt die sympathische junge Frau recht tief. Die Kriterien für das Stipendium erfüllt sie in einem Maße, als sei es direkt auf sie zugeschnitten. Gute Studienleistungen. Studium im Lehramt für Mittel-/Oberschulen. Mit Biologie und Französisch strebt sie eine Fächerkombination an, die mit Blick auf den Bedarf geradezu sensationell erscheint.

Sie selbst hat eine Bildungskarriere genommen, die von der seit zweieinhalb Jahrzehnten in Sachsen regierenden CDU als Paradebeispiel für die „Durchlässigkeit des sächsischen Bildungssystems“ gelten dürfte: Mittelschule, Realschulabschluss mit 1,0, Abitur am beruflichen Gymnasium und schließlich Lehramtsstudium in Leipzig. Allerdings hat Marie May selbstbewusste Ansichten, die an der CDU-Schulpolitik vorbeigehen: Im Sinne der Chancengerechtigkeit für alle Kinder, unabhängig von ihrer Herkunft, spricht sie sich gegen die frühe Selektion und für längeres gemeinsames Lernen aus.

Weil die meisten ihrer Mitschüler, mit denen sie befreundet war, nach der Grund- auf die Mittelschule wechselten, ging Marie mit. Obwohl sie eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium hatte. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sie nicht – wie überproportional viele Kommilitonen – das Lehramt für Gymnasien anstrebt. Und auf Dresden oder Leipzig hätte sie ohnehin keine Lust. „Ich bin nicht so der städtische Typ.“ Sie brauche Natur und Tiere um sich. Deshalb ist ihr Mitbewohner beim Studium in Leipzig – ihr Chinchilla Gismo.

Sie freut sich, Stipendiatin zu sein. Und das nicht allein wegen der finanziellen Unterstützung. Man nimmt ihr unbesehen ab, dass ihr besonders die ideelle Seite des Programms gefällt, Seminar- und Trainingsangebote. Darum wird sie auch von ihren Kommilitonen richtig beneidet. „Das, was wir in Pädagogik und Psychologie beim Studium bekommen, reicht einfach nicht aus.“ Marie Mays künftige Einsatzregion wird der Kreis Bautzen sein. Ihre Wunschschule? „Die Oberschule Bischofswerda.“

Christoph Kober zieht es auch nicht in die Metropolen. Schon deshalb nicht, weil er in seiner Heimatstadt Freital fest im DRK-Katastrophenschutz verwurzelt ist. Und davon will er auch nicht lassen. Dippoldiswalde, Wilsdruff, Klingenberg, da, wo es Oberschulen in der Region der Kreise Sächsische Schweiz-Osterzgebirge oder Meißen gibt, das wäre o.k. für ihn. Warum hätte er sich also nicht für das Stipendium bewerben sollen? Und es hat ja auch geklappt. Der 25-Jährige ist schon stolz. Und es sieht nicht schlecht aus, wenn auf dem Kontoauszug „Hauptkasse des Freistaates Sachsen“ steht – und davor eine 300. Was ihm aber viel wichtiger ist: „De facto habe ich schon jetzt einen festen Arbeitsvertrag in Aussicht. Das finde ich einfach super.“

Christoph ist im 7. Semester und weiß, dass er in der Regelstudienzeit von neun Semestern nicht fertig werden wird. Der Grund: Er studiert an der TU Dresden Lehramt Mittelschule nicht in zwei, sondern in drei Fächern, Deutsch, Geschichte, Ethik. Selbst wenn das Stipendium nach der Regelstudienzeit nicht mehr gezahlt wird, komme ihm noch die ideelle Förderung zugute, auf die er sich wirklich freut .

Lehrer zu werden war für Christoph immer Plan A. Mag sein, weil seine Mutter Lehrerin ist. An ihrer Schule hat er schon das eine oder andere Projekt geleitet, an der eigenen einen Erstsanitäterkurs. Und als Rettungsschwimmer hat er mal eine Mittelschulklasse auf Abschlussfahrt begleitet. Mit der Truppe ist er sehr gut klargekommen. Deshalb ist er sicher, die Mittelschule – die jetzt Oberschule heißt – ist die richtige Schulart für ihn. Außer in den im Studium anberaumten Praktika „übt“ er sich seit zwei Jahren im Unterrichten, indem er Schülern Nachhilfe erteilt. Dank intensiver Prüfungsvorbereitung mit einem Berufsschüler hat der es zu einer 2 im Deutsch-Abi gebracht. Mit Gedichtinterpretation. „Das haben wir so richtig geübt. Von der Analyse zur Interpretation – war gut.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Müller

    "Versuche, die angehenden Lehrer für ländliche Regionen zu gewinnen, gab es einige" den einzig tauglichen hat Sachsen noch nicht unternommen: Lehrer als Landesbeamte anstellen.

  2. Berg

    Wenn Landlehrer/innen wieder Beamte werden sollten, dann ist zu befürchten, dass eine bestimmte Art von Lehrern aufs Land geht, nämlich die, die schon mit 30 mit dem Seniorendasein liebäugeln. Solche brauchen die Kinder nicht.

  3. Dresdner Bürger

    @1 gebe ich im vollste Umfang Recht! Man kann das Geheul betreffs Fachkräfte-/Lehrermangel nicht mehr hören! Gebt den jungen Menschen hier eine vernünftige Zukunftsperspektive und sie werden ihrer Heimat treu bleiben! P.S.: Meine Nichte hat sofort nach ihrer Ausbildung zum Lehrer in Dresden das Gebiet der DDR verlassen um in Hessen als Lehrer verbeamtet zu werden. Mein Sohn lebt mit Familie in der Schweiz und erhält dort ein seiner Arbeit würdiges Salär. heisst es fängt schonmal mit einer 4 an, in SFr, was er am Monatsende in der Tasche hat!

  4. Schneider

    Herr Müller - sie "treffen den Nagel auf den Kopf" wie es so im Sprichwort heißt. Die Politiker und ihre Minister stecken wie ein Vogel Strauß den Kopf in den Sand und wollen die einzig richtige Lösung nicht sehen, sagen aber: "Junge Lehrer braucht der Freistaat". Wie immer - erst muss alles am zusammen brechen sein, dann gibt es die ersten Kommissionen, die das Problem untersuchen ... evtl. nach langer zeit auch Lösungsvorschläge bringen ... auf Kosten unserer Zukunft, unserer Kinder!

  5. Anne

    Ich will ja aufs Land, aber eben nach Görlitz und nicht nach Hoyerswerda. Das ist der sächsischen Bildungsagentur aber schnurzpiepegal. Wie wäre es erstmal mir der simpelsten Sache der Welt, das Bewerbungverfahren sinnvoll zu gestalten? Zum Beispiel nach Vorbild des Praktikumportals, bei dem man in fünf abgestuften Kategorien Wunschschulen abgeben kann und dann die optimale Wunsch-Bedarf-Kombination errechnet wird. Aber nein, das wäre zu einfach, da schmeißen wir lieber erstmal sinnlos Geld raus.

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