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Zwee viehsche Kunden

Ein preisgekrönter Film macht Günther und Hindrich zu sächsischen Idolen und Rettern einer fast vergessenen Kultur.

04.10.2017
Von Henry Berndt

sche Kunden
Banal und fatal: Günter und Hindrich: Johannes (l.) und Franz.

© Sven Ellger

In der Werkstatt steht der Qualm, die halbnackten Posterbräute am Regal sind kaum noch zu erkennen. Günther und Hindrich haben hier drin alles, was sie brauchen: Bier, Kippen und ein paar Klamotten, die jede Kleiderspende ablehnen würde. „Diese Tracht hab ich ni eh mal gewaschen, seit ich die anhab“, sagt Günther, der mit der Panzerhaube und der Schweißerbrille. Der Pullover und die Hose sind unersetzbare Erbstücke, genauso wie Hindrichs fiese neonfarbene Windjacke anno 1991. Und so sitzen die beiden da, und säuseln sich gegenseitig in feinster Mundart die Ohren voll – bis einer feixen muss.

Hinter Günther und Hindrich stecken zwei Studenten aus Dresden, die gerade in den letzten Zügen ihres Medienkunststudiums in Weimar liegen und die mit Vorliebe Kurzfilme drehen: Johannes Kürschner (27) und Franz Müller (28). Für ihr jüngstes Werk „Simply the Worst“ (Trailer) haben die beiden ihre Figuren Günther und Hindrich im Trabi in die Hohe Tatra geschickt, um dort auf Skiern die unbezwingbare Lomnitzer Scharte zu bezwingen. Der Film, in dem Olaf Schubert einen Gastauftritt hat, holte ein Dutzend Preise bei Filmfesten in nah und fern und war 2016 für den deutschen Kurzfilmpreis nominiert.

Ganz schön viel Erfolg, wenn man bedenkt, wie das angefangen hat. Johannes und Franz haben sich beim Bachelor-Studium in Mittweida kennengelernt und schnell bemerkt, dass sie ein gewisses Faible für belustigende Konversation teilten. Oder anders gesagt: „Der Kunde tat glei am Anfang rumpasten“, wie Johannes konkretisiert. Oder ist es Günther? So genau kann man das nicht sagen. Bei einem Tee am Küchentisch im Haus seiner Eltern redet Johannes praktisch eins zu eins wie sein Alter Ego aus dem Film. Mit Stolz pflegen sie ihren sächsischen Dialekt, beschützen ihn wie ein Baby, das sonst von aller Welt verstoßen werden soll. „Wir sind keine Schauspieler. Das ist alles relativ nah an dem, was wir wirklich sind“, sagt Johannes. „So 75 Prozent“, ergänzt Hindrich, also Franz.

In Mittweida gab es einst einen hochschulinternen Wettbewerb, bei dem jeder Teilnehmer exakt 48 Stunden Zeit hatte, einen Kurzfilm zu produzieren. Motto: Banal/Fatal. „Eigentlich müssen Studenten ja zwingend irgendwelche hochtrabenden Vergewaltigungsfilme machen“, sagt Franz. „Auf so ein etepetete hatten wir aber keene Lust.“ Ob Wahrheit oder Legende: die ersten 24 Stunden wollen sie gesoffen, dann zehn Stunden gepennt und erst dann ihren Film abgedreht haben – der natürlich den Wettbewerb gewann.

Innerhalb weniger Minuten hatten sie sich für die Kamera in zwei gelernte DDR-Bürger verwandelt, die gern rauchen und Bier trinken, die alles selbst reparieren und noch besser darüber palavern können. Seit dem Erstlingswerk ist der Produktionsaufwand zwar ein klein wenig größer geworden, doch immer noch machen Johannes und Franz fast alles allein.

Bei „Simply the Worst“ zeichnete ihre Kamera rund 48 Stunden Material auf – für am Ende 20 Minuten Film. Zwei Drittel des Streifens entstanden allein beim Trip in die Hohe Tatra. „Wir hatten kein Drehbuch, sondern für jede Szene nur ein Ziel, wo sie etwa hinführen soll“, sagt Johannes. Wenn sie dabei mal sprüchemäßig nicht ausreichend in Fahrt kamen, lockerten sie erst einmal mit ein, zwei Bierchen ihre Zunge, aber lustig sein kann man nicht erzwingen. Erst wenn sie selbst lachen mussten, stimmte die Qualität. Unmengen an Outtakes dokumentieren die Lachanfälle, die später im Schnitt fein säuberlich abgetrennt wurden.

Mit all dem Gequatsche, Gerülpse und Gepupse sind die Filme aus der eigenen Produktionsfirma namens Maki Visual („weil’s n bissel gudd klingt“) vordergründig an Hohlraum kaum zu überbieten, doch tief versteckt unter der Vokuhila-Perücke schlummert eine tiefere Botschaft: „Wir wollen der Generation unserer Eltern ein Denkmal setzen“, sagt Franz. „Die alten Leute waren einfach noch nicht so glattgebügelt. Heute schämen sich doch die Jugendlichen für ihren Dialekt. Das ist so lächerlich.“ Daher sehen sich die Filmstudenten aus Dresden auch als „Bewahrer einer gewissen Kultur.“ Von wegen Hochdeutsch! Ihr sächsischer Dialekt bekommt im Film sogar eine eigene Sinnebene und wird per Untertitel ins Hochdeutsche und ins Englische übersetzt.

Um der Nachfrage ihrer stark angewachsenen Fangemeinde gerecht zu werden, planen Johannes und Franz gerade schon den nächsten Film, der gleichzeitig ihre Masterarbeit in Weimar wird. Über den Inhalt verraten sie noch nichts, aber es braucht nicht viel Fantasie, um zwei saufende Ossis in einer Werkstatt vor sich zu sehen. „Wir sind wie Bud Spencer und Terrence Hill“, sagt Franz. „Wir machen immer dasselbe. Und es gibt immer Leute, die das gut finden.“