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Montag, 30.06.2014

Zum Glück gibt’s Pech

Die Wahlerfolge der NPD bringen Reinhardtsdorf in der Sächsischen Schweiz in Verruf. Jetzt wirft ein Theaterspektakel Farbe in die Landschaft.

Von Rafael Barth

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Im wilden NPD-Land: Schauspielerin Kathleen Schneider reitet durch die Flur von Reinhardtsdorf-Schöna in der Sächsischen Schweiz.
Im wilden NPD-Land: Schauspielerin Kathleen Schneider reitet durch die Flur von Reinhardtsdorf-Schöna in der Sächsischen Schweiz.

© Klaus Gigga/PR

Der Duft des nassen Feldes in der Sonne kitzelt die Nase. Unter den Füßen wechselt sich Wiese mit Pflaster ab, Trampelpfad mit Schotterweg. Vor den Augen erhebt sich das Panorama der Schrammsteine. Was die Landschaft von Reinhardtsdorf-Schöna bereithält, kann kein Kulissenbauer erfinden. In einem dunklen Theater lässt sich die Illusion von Natur vorzaubern. Hier ist sie wirklich, dient als Bühne, Mitspielerin, Inspirationsquelle. Die Eberesche spricht, und die Fliegenpilze wuseln umher.

Mit mehr als sechzig Darstellern wurde das Stück „Wildnis“ am Sonnabend in Reinhardtsdorf uraufgeführt. Es ist ein irres Panoptikum mit tänzelnden Lottokugeln, Rentnern, Kindern, einer Glücksfee im rosa Kostüm und einem durchnässten Liebhaber. Eine knallige Mischung aus Story und Gesang, Slapstick und Kalauerei. Lange Verweilpausen gibt es nicht, weder für Schauspieler noch Zuschauer.

Ein Mann mit Kleeblattschild weist den Weg, dreihundert Gäste folgen. Jeder trägt einen Klappstuhl in der Hand oder über der Schulter von Station zu Station, über reichlich zwei Kilometer in knapp vier Stunden. Ein müde gewordener Junge schleift das Teil hinter sich her. Helfer geben Anweisungen, damit alle zusammenrutschen. Sie sind gut zu hören. „Der Uli brüllt schon wieder“, sagt einer zum andern, der den Uli auch kennt. Viele im Dorf kennen ihn.

Uli Jäckle hat das Stück inszeniert. Er leitet das Hildesheimer Theaterkollektiv Aspik und hat „Wildnis“ im Auftrag des Dresdner Staatsschauspiels einstudiert.

Die Zusammenarbeit begann im vorigen Jahr mit „Der Fall aus dem All“. Auch das war Landschaftstheater in Reinhardtsdorf-Schöna. Wie damals sind die Profischauspieler mit vier Leuten in der Minderheit. Sechzig Darsteller stammen aus der Gemeinde und dem Umland, viele waren beim ersten Mal schon dabei. „Der Mensch hat einen natürlichen Darstellungstrieb“, sagt Jäckle. Es sei von Anfang an geplant gewesen wiederzukommen, weiterzuspielen. Nicht nur wegen der Landschaft.

Reinhardtsdorf-Schöna ist überregional bekannt für den Zuspruch, den die NPD seit Jahren erfährt. Bei der Landtagswahl vor fünf Jahren kam die rechtsextreme Partei auf 19,4 Prozent. Wäre das Wahlverhalten der Gradmesser für den Erfolg des ersten Theaterspektakels im vorigen Jahr, müsste man von einem Misserfolg sprechen. Bei der Gemeinderatswahl vor fünf Wochen erhielt die NPD 20,5 Prozent der Stimmen – so viele wie nirgendwo sonst in Sachsen.

Trotzdem sagt Uli Jäckle: „Reinhardtsdorf-Schöna ist nicht das, wofür die Welt es hält.“ Er wolle die Bewohner nicht bekehren. Er wolle zeigen, dass die meisten keine rechten Typen sind, sondern Menschen voller Ideen. Die habe er als Regisseur rauskitzeln müssen. Entstanden ist ein Stück, in dem die Fantasie sprudelt, spritzt und überschäumt.

Es dreht sich um den Zickenkrieg zwischen Gold- und Pechmarie. Die schwarze Schwester kehrt zurück nach Jahren in der Versenkung. Sie macht aus Fliegenpilzen giftige Zombies und stürzt einen Trupp Sicherheitsabsicherer in die Depression. Anhand vieler Episoden entspinnt sich ein Disput über Glück und Pech, Geld und Liebe. Das passt zur Gegend: Im Ortsteil Kleingießhübel dampften einst die Pechöfen. Händler brauchten den Stoff als Wagenschmiere. Es brachte dem Ort Geld und Glück. Das hing damals noch zusammen.

Im Stück aber sieht man reife Frauen aus der Sächsischen Schweiz, die in Glitzerkleidern stecken und unbedingt ihre Milliarden verjubeln wollen nach dem Motto: Pech im Spiel, Glück in der Liebe. Reinhardtsdorf ist zum Kasino geworden mit Blinker-Torbogen wie in Las Vegas und einem begehbaren Roulettekessel.

Es erstaunt, wie viel Aufwand die Truppe betrieben hat für diese Inszenierung. Man muss nicht jeder Idee folgen. Die politische Aufklärung verpackt „Wildnis“ in Irritationen. In der Kneipe wird statt Bier laktosefreie Milch bestellt, die Friseusen tragen Bart, und nach jahrelanger Ehe entdeckt eine Frau ihre Vorliebe für Frauen.

Das Schauspielprojekt hat in der Gemeinde für Gesprächsstoff gesorgt. Ohne das Pech mit der NPD hätte es das Glück des Theaters nicht gegeben. Menschen sind einander nähergekommen, erzählt Regisseur Jäckle. „Natürlich kann man das nicht für das ganze Dorf sagen.“

Zur Premiere sieht man Reinhardtsdorfer, die dem Spektakel aus der Distanz folgen, abgegrenzt durch Fensterscheibe oder Gartenzaun. Vielleicht holen sie sich Appetit. Achtmal noch wird das Stück bis September gezeigt. Am Sonnabend hielt sich das Wetter an den Zeitplan. Erst beim Schlussapplaus begann es zu nieseln. „Das war eine coole Idee, dass wir hergefahren sind“, sagt der Junge mit dem Klappstuhl auf dem Nachhauseweg.

Weitere Aufführungen am 5., 6., 12., 13. Juli sowie im August und September. Kartentelefon: 0351 4913555

Leser-Kommentare

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Insgesamt 9 Kommentare

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  1. Jan

    Ob jetzt jeder diese "Aufführung" als Glück versteht, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Aber so kann man ja als weltgewandter und blitzgescheiter Städter mal so richtig die brunzdumme Ostzonendorfbevölkerung vorführen. Ich brauche so einen Firlefanz jedenfalls nicht - wenn ich Theater in der Sächsischen Schweiz will, dann geh ich in die Felsenbühne. Oder, falls da nix läuft, in eine Stadtratssitzung in Pirna.

  2. Johannes

    Danke Jan für das sehr hilfreiche Kommentar - vielleicht erklärst du bei Gelegenheit was du damit sagen willst ?!

  3. Jan

    Ich fürchte, das würden sie nicht verstehen. Sie machen so einen politisch aufgeklärten Eindruck ...

  4. Karlheinz

    Ähnliche Kulturveranstaltungen gibt es auch in Bayern Baden-Württenberg, Österrreich und im deutschprachigen Teil der Schweiz. Aber ich glaube dort gibt es ja kaum "brunzdumme Ostzonenbevölkerung" ?

  5. Wähler

    So schön es ist, wenn Kultur nicht nur in den grossen Städten stattfindet, die NPD und ihre Wähler wird das nicht beeindrucken. Dazu müsste in Sachsen erst einmal eine antifaschistische Grundhaltung gfördert werden. Nach den Berichten über Gerichtsprozesse gegen Antifaschisten glaube ich nicht daran. Vielleicht ist es dem einen oder anderen Politiker sogar recht, wenn die NPD als "Gegengewicht" zu den "Linken" existiert.

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