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Montag, 16.04.2018

Zuessenhaus-Betreiber wieder im Pech

Gerade mal sind die Hochwasserschäden an dem Haus in Zadel beseitigt, ereilt sie ein neuer Schicksalsschlag.

Von Jürgen Müller

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Ute und Jens Böhm vor dem Zuessenhaus in Zadel. Sie sind offenbar vom Pech verfolgt.
Ute und Jens Böhm vor dem Zuessenhaus in Zadel. Sie sind offenbar vom Pech verfolgt.

© Claudia Hübschmann

  • Ute und Jens Böhm vor dem Zuessenhaus in Zadel. Sie sind offenbar vom Pech verfolgt.
    Ute und Jens Böhm vor dem Zuessenhaus in Zadel. Sie sind offenbar vom Pech verfolgt.
  • Nur noch Schrott ist der Mazda Premacy der Familie Böhm nach einem Unfall am 3.Januar dieses Jahres.
    Nur noch Schrott ist der Mazda Premacy der Familie Böhm nach einem Unfall am 3. Januar dieses Jahres.
  • Beim Juni-Hochwasser vor fünf Jahren war das Haus vollständig von der Elbe eingeschlossen.
    Beim Juni-Hochwasser vor fünf Jahren war das Haus vollständig von der Elbe eingeschlossen.

Diera-Zehren. Es ist schon dunkel an jenem 3. Januar dieses Jahres, als Ute und Jens Böhm mit ihrem Auto aus Dresden zurückkehren. Dort waren sie beim Steuerberater. Es herrscht nahe Moritzburg dichter Verkehr. Die Böhms verlassen in Reichenberg den Kreisverkehr, in der Gegenrichtung reiht sich Auto an Auto, Scheinwerferpaar an Scheinwerferpaar. Doch plötzlich und völlig unerwartet tauchen auch Scheinwerfer auf der Spur der Böhms auf. Ein 79-jähriger Golf-Fahrer hatte trotz Gegenverkehrs zum Überholen angesetzt. Es gibt einen fürchterlichen Knall. „Mein Mann schrie auf, bekam keine Luft mehr. Ich fürchtete, dass er verblutet“, sagt die 50-Jährige. Sie versucht, so schnell wie möglich das Auto zu verlassen. Dass sie sich sechs Rippen und das Brustbein gebrochen hat, merkt sie in diesem Moment gar nicht. Auch die rechte Hand, mit der sie sich noch versucht hatte abzustützen, wird verletzt. Ihr Mann erleidet innere Blutungen am Herzen. Das Ehepaar und der Unfallfahrer kommen ins Krankenhaus, werden dort mehrere Tage behandelt. Ein Vierteljahr sind beide arbeitsunfähig.

Für die Gaststätte ist das eine Katastrophe. Ute Böhm ist die einzige Köchin. Fällt sie aus, gibt es auch keinen Restaurantbetrieb. Glück im Unglück: Der Unfall passierte zu einen Zeitpunkt, zu dem in vielen Gaststätten Flaute herrscht. Das Zuessenhaus war dennoch geöffnet. Die Böhms müssen Geld verdienen, das Personal, ihre fünf Beschäftigten, bezahlen, Kredite bedienen. Sie wenden sich an die Arbeitsagentur, beantragen Kurzarbeitergeld für die Angestellten. Das wird abgelehnt. Der Unfall sei „unternehmerisches Risiko“, so die Arbeitsagentur. Jens Böhm ist wütend: „Wenn ein Großbetrieb in Schwierigkeiten steckt, wird ihm alle mögliche staatliche Hilfe zuteil. Wir kleinen Unternehmen werden aber schmählich im Stich gelassen. Das war keine Glanzleistung der Arbeitsagentur“, sagt er. Die weist den Vorwurf zurück. Anspruch auf Kurzarbeitergeld entstehe, wenn ein erheblicher Arbeitsausfall mit Entgeltausfall vorliege, sagt Berit Kasten, Sprecherin der Arbeitsagentur Riesa. Ein erheblicher Arbeitsausfall liege vor, wenn er auf wirtschaftlichen Gründen oder einem unabwendbaren Ereignis beruhe, er vorübergehend sei, er nicht vermeidbar ist und im jeweiligen Kalendermonat mindestens ein Drittel der in dem Betrieb Beschäftigten von einem Entgeltausfall von jeweils mehr als zehn Prozent betroffen sei. „Eine Krankheit der Inhaber ist im Sinne des Gesetzes kein unabwendbares Ereignis beziehungsweise keine wirtschaftliche Ursache, sondern ein unternehmerisches Risiko. Dieses Risiko kann durch entsprechende Versicherungen abgesichert werden“, so die Sprecherin der Arbeitsagentur. Dass die Krankheit wegen eines Unfalls, also wegen eines unabwendbaren Ereignisses eintrat, interessiert die Arbeitsagentur offenbar nicht.

Ute Böhm schätzt die Ausfälle auf 15 000 bis 20 000 Euro. So mussten zahlreiche bestellte Familienfeiern abgesagt werden. „Zum Glück hat die gegnerische Versicherung im Voraus Schmerzensgeld gezahlt. Das hat uns das Überleben gesichert, sonst wären wir nicht über die Runden gekommen“, sagt Jens Böhm. Auch ein anderes Auto musste her, denn das alte war Schrott. Für den gebrauchten Mazda, den die Böhms jetzt fahren, musste erneut ein Kredit aufgenommen werden.

Der Unfallfahrer hat sich inzwischen telefonisch bei den Böhms entschuldigt. Er habe einen Blackout gehabt, wisse nichts mehr von dem Unfall, sagte er.

Zu dem finanziellen Schaden kam der körperliche. „Ich hatte wahnsinnige Schmerzen, habe sechs Wochen lang versucht, irgendwie im Sitzen zu schlafen, im Liegen ging gar nichts“, sagt Ute Böhm. Schmerzen hat sie noch immer, vor allem an der Hand und der Schulter. Sie hatte Glück, dass die gebrochenen Rippen nicht die Lunge verletzt haben, sagt sie.

Nur einer hat den Unfall unverletzt überstanden: Der elfjährige Labrador Dantos der Familie Böhm, der dösend auf der Rücksitzbank lag, sprang aus dem Auto, als sei nichts gewesen.

Eine Woche vor Ostern hat das Zuessenhaus wieder geöffnet. Ute Böhm kann sogar schon wieder Spargel schälen, eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, wie sie sagt. Das Edelgemüse gibt es schon seit einigen Tagen in der Gaststätte. Es wird von einem Betrieb in Klingenhain bezogen. Dieser verfügt über beheizbare Spargelzelte.

Nein, vom Glück verfolgt werden die beiden nicht gerade. Die Hochwasserschäden von 2013, als das Haus mitten in der Elbe stand, sind zwar mittlerweile beseitigt und zum größten Teil auch bezahlt. Auf 37 000 Euro werden die Böhms aber wohl sitzenbleiben. Doch dann kam der nächste Schlag. Durch das Einstellen des Betriebes der Wagenfähre in Kleinzadel gab es einen gewaltigen Umsatzeinbruch. „Die Fähre haben viele Radfahrer genutzt. Die fehlen uns jetzt. Es ist unglaublich, dass die Fähre ungenutzt am Elbufer liegt“, sagt der 55-jährige Jens Böhm. Aufgeben können und wollen er und seine Frau aber nicht. Diese blickt auf die Elbe, die ruhig dahinfließt. „Ich hoffe, das war es jetzt mit unserer Pechsträhne“, sagt sie.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 8 Kommentare

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  1. smoky

    Hut ab vor dieser Stehaufmännchenmentalität. Und mehr Glück (und Umsatz) im kommenden Sommer und weiterhin. Was die Kurzabeitsgeschichte anbelangt: Die "Wut" ist verständlich, besonders in Bezug auf die Handhabung bei diversen Großbetrieben, doch ist und bleibt das eine Ermessensentscheidung. Jedoch wäre diese "Wut" z.B. ebenso angebracht gegenüber so einigen "Normalbürgern", die trickreich alles mitnehmen, was sie bekommen können, doch nix geben. Manch unanständig viel "verdienende" Manager, Politiker usw. tun, wie Fam. Böhm ohnehin, immerhin noch so einiges, was man von so Manchem, die sich in der sozialen Hängematte trefflich eingerichtet haben, nicht unbedingt behaupten kann. Mitunter ist Geben und Nehmen, egal auf welcher Ebene, etwas ungleich verteilt... Also: Hut ab vor allen, die für Dasein auch etwas tun.

  2. Anton

    Da hat die Dame vom Amt sicher einiges nicht Richtig begriffen?Manche können eben vom Schreibtisch die Situation nicht einschätzen.Ich hätte der mal die Bilder vom VKU vor die Nase gehalten.

  3. Hajo

    Woher kommt eigentlich dieser fast manische Trieb täglich über Ausflugsgaststätten und Hotels berichten zu müssen, gibts in DD nichts wichtigeres?! Hofewiese, Luisenhof, Turmcafe, Pinguincafe... Hat die SZ ne Standleitung zur Dehoga?!

  4. Alexa

    Mensch @Hajo,stell Dir mal vor du wärest Reporter bei ner Zeitung und musst für Deinen Lohn Artikel schreiben?Ich weiss ja nicht was du so treibst?Jedoch finde ich es gut wenn so eine Sache auch mal Öffentlich gemacht wird.Da sind Wirtsleute(welche 5 Beschäftigte haben)unschuldig verunfallt und somit am Limit und Du laberst so dummes Zeug.

  5. Hajo

    Ja eben, Wirtsleute. Immer geht es um die armen Wirtsleute und deren Betriebe. Oder gehts nicht eigentlich um Werbung?! *grübel* Über arme Altenpfleger, Eisenwarengeschäfte oder Frisöre liest man hier komischerweise nichts. Vielleicht sollten die mal bei der Dehoga anfragen, wie man hier wöchentlich in die Zeitung kommt...

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