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Samstag, 07.10.2017

XXL-Graffito in der Innenstadt

Streetart-Künstler Jens „Tasso“ Müller greift noch einmal zur Spraydose, um das 130 Quadratmeter große Graffiti mit Blick auf den Dom in Zwickau fertigzustellen.
Streetart-Künstler Jens „Tasso“ Müller greift noch einmal zur Spraydose, um das 130 Quadratmeter große Graffiti mit Blick auf den Dom in Zwickau fertigzustellen.

© dpa

Zwickau. Tiefe Falten haben sich in Jack Nicholsons Gesicht eingegraben. Genüsslich bläst die Hollywood-Größe Rauchringe in die Luft, während sich Marilyn Monroe lasziv im knallroten Kleid räkelt. Schräg gegenüber kommen auch arrivierte Kunstfans auf ihre Kosten: „Die Erschaffung Adams“ aus Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle hat Streetart-Künstler Jens „Tasso“ Müller ebenso in sein XXL-Graffito einfließen lassen wie das Zwickauer Stadtwappen mit den drei Schwänen. 130 Quadratmeter groß ist das Bild im Zentrum der westsächsischen Stadt.

Generationenübergreifend seien seine Bilder, sagte der Meeraner Künstler zur Vernissage am Samstag in Zwickau. Bereits in der fünfwöchigen Entstehungsphase habe er sehr viel Zuspruch und gerade einmal drei Negativmeinungen erhalten. „Wobei ich die dritte schon vergessen habe“, sagt der 51-Jährige.

Die Idee für das Riesen-Kunstwerk, hinter dem sich imposant der mehr als 500 Jahre alte Dom aufbaut, hatte der Zwickauer Tätowierer Randy Engelhard. Er wurde durch die Sendung „Horror Tattoos - Deutschland, wir retten deine Haut“ beim Spartensender Sixx einem breiteren Publikum bekannt.

Dass direkt gegenüber seinem Tattoo-Studio nach dem Abriss eines Gebäudes eine kahle Wand die Aussicht verschandelte, wollte der Unternehmer nicht hinnehmen. So beauftragte er kurzerhand Tasso und entwarf mit ihm gemeinsam ein Graffito, das auch den nicht tätowierten Künstler überzeugt. „Es fängt eine Tattoo-Ästhetik ein, weil es wie auf der Haut zwischen den einzelnen Motiven kaum Freiraum gibt“, sagt der 51-Jährige. Gemeinsam hätten sie aus einer Dreckecke eine Sehenswürdigkeit gemacht, ergänzt Engelhard.

Das Werk, das bislang keinen Titel hat, sei sowohl künstlerisch als auch touristisch ein Alleinstellungsmerkmal für Zwickau, meint auch Klaus Fischer vom Kunstverein „Freunde Aktueller Kunst“.

Dabei hatte das Graffito bereits im Vorfeld für Diskussionen gesorgt. Die Stadtverwaltung hatte die Auftragsarbeit zunächst untersagt, weil kein Antrag vorlag. Und damit auch keine Genehmigung. Zudem hatte sich das Rathaus an diversen Motiven als mögliche Schleichwerbung für den international bekannten Tätowierer gestört.

Weil beide Männer in ihrer jeweiligen Szene als weltweite Größe gelten, ging der Graffiti-Streit umgehend viral und ließ Zwickau als bieder und provinziell dastehen. Innerhalb weniger Tage lenkte die Stadt jedoch ein, man einigte sich auf einen Kompromiss. Nach einigen Änderungen des ersten Entwurfs durfte der Streetart-Künstler die Hauswand legal besprühen.

Tasso gehört mit seinen fotorealistischen Arbeiten zu den wichtigsten deutschen Graffiti-Künstlern. Er genießt auch international große Reputation, so die Einschätzung von Marco Schwalbe von der Münchner Kunstmesse Stroke, dem ersten deutschen Branchentreff für urbane Kunst. Noch werde dieser Bereich von der klassischen Kunstszene in der Bundesrepublik häufig ignoriert. In anderen Ländern wie in den USA sei in Zusammenhang mit Graffiti hingegen längst von „new contemporary art“ (neuer zeitgenössischer Kunst) die Rede.

Gerade in Amerika oder Australien gehörten solche großflächigen Auftragsarbeiten zum Stadtbild, sagt der Tätowierer, den sein Metier bereits rund um den Globus geführt hat. Daher könne er sich vorstellen, dass in Zusammenarbeit mit dem Rathaus zukünftig weitere gesprühte Kunstwerke bislang vernachlässigte Ecken schmücken. „Wenn wir junge Leute in der Stadt halten wollen, muss sie attraktiver werden - Graffiti sind eine Möglichkeit.“ (dpa)

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